Das glücklichste Mädchen der Welt ist eine Rumänin.
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Das glücklichste Mädchen der Welt ist eine Rumänin.

Filmfestival "Go East"

Die Fliegen auf der Mauer

  • Daniel Kothenschulte
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Das 9. Osteuropa-Filmfestival "Go East" blickte zurück auf die Zeit vor dem Mauerfall. Überall im Ostblock entstanden damals Filme, deren subersives Potential sofort verboten wurde. Von Daniel Kothenschulte

Das gefeierte junge rumänische Kino ist dogmatischer als der dänische Dogma-Film. Aber auf wie viel schönere Weise: Zu Recht reißen sich internationale Festivals seit Jahren um diese Alltagsdramen, die doch fast alle dem gleichen dramaturgischen Prinzip folgen: In der ersten Hälfte füllen die Filmemacher die Leinwand mit derart detailreichen und plastischen Lebenssituationen, dass niemand mehr fragt, wohin die Reise eigentlich gehen soll. Dann aber, der Film ist schon weit fortgeschritten, lassen sie die Katze aus dem Sack und präsentieren moralische Konflikte, denen sie mit aberwitziger Konsequenz verfolgen - bis nicht nur unsere Erwartungen, sondern ganze Lebenskonzepte aus den Fugen geraten. Die Kamera rahmt dabei das Geschehen in klassischer Zurückhaltung und überlässt das Feld extrem kultivierten Schauspielern.

Diskussionen ums Auto

Obwohl das Wiesbadener Go-East-Festival wie eine gute Mutter keinem der osteuropäischen Filmländer einen Vorrang einräumen würde, kamen Fans des rumänischen Filmwunders diesmal besonders auf ihre Kosten. "Das glücklichste Mädchen der Welt" von Radu Jude, der 2007 mit seinem Kurzfilm "Alexandra" in Oberhausen gewonnen hatte, wurde von der Jury für die Leistung seiner jungen Hauptdarstellerin Andrea Bosneag gewürdigt.

Ein Teenager hat in einem Preisausschreiben ein Auto gewonnen, nun soll sich das Mädchen vor der Kamera eines Werbefilms darüber freuen. Aufnahme um Aufnahme misslingt, bis man langsam eine Ahnung davon bekommt, was ihr die Laune verdirbt. In den Kulissen warten die Eltern mit einem Vertrag, damit die 18-jährige, die keinen Führerschein besitzt, das Auto verkaufen möge. Endlose Diskussionen nehmen ihren Anfang. Hundert Minuten vergehen in dieser ernsthaften Komödie wie im Kurzfilm. In der Wiederholung der Arbeit am Film im Film entdeckt der Regisseur ein faszinierend-absurdes Ritual, das Beckett ebenso sehr gefallen hätte wie Buster Keaton. Und ganz nebenbei das größte Geheimnis der Filmkunst feiert: Jenen niemals planbaren Mehrwert, der sich in jede Aufnahme einschleicht, seit die Brüder Lumière 1894 ihren ersten Apparat vor ein Fabriktor stellten.

Die sozialistischen Diktaturen hatten mit diesem Mehrwert ihre liebe Not. Überall im Ostblock entstanden Filme, deren subversives Potential nur eine einzige Vorführung überdauerte - dann wurden sie verboten. "Winter Ade" hieß - nach Heike Misselwitz' klassischem Dokumentarfilm aus der Spätzeit der DDR - die Retrospektive des Festivals. Zu entdecken waren Vorboten der Demokratisierung, Filme, die ihrem dokumentarischen Mehrwert nicht die gewünschten Zügel anlegten.

"Wozu denn über diese Leute einen Film?", fragte Thomas Heise schon vorausschauend im Titel seiner verwegenen Filmübung von 1980, die ihn bald darauf den Babelsberger Studienplatz kosten sollte. Seine Lebensbilder straffällig gewordener Jugendlicher am Prenzlauer Berg gehören heute ins Museum. Sie vermitteln nicht nur eine versunkene Berliner Lebenswelt, sondern auch die Exotik eines dokumentarischen Prinzips für die DDR, dem man in den USA den Namen "fly on the wall" gegeben hatte: Tatsächlich blicken die Fliegen in diesen Filmdokumenten eine gutes Stück über den Mauerrand hinaus.

Am kunstvollsten kehrte 1983 die Rumänin Sabina Pop die Konventionen des offiziellen Kinos gegen die Herrschenden. Ihr Kurzfilm "Ion - wie steht's mit dem Bau" porträtiert ein junges Ehepaar, das lieber studieren als Plattenbauten errichten würde - und selbst nicht mal eine Wohnung darin bekommt. "Ich mag meine Arbeit schon sehr", sagt der junge Mann pflichtbewusst. "Ich meine, einer muss sie ja schließlich machen."

Die Zeit davor

Auch der ukrainischen Regisseurin Kira Muratova, dem Ehrengast des Festivals, wurde seinerzeit die zweifelhafte Ehre zuteil, ihre ersten beiden Meisterwerke nur für den Tresor zu produzieren. "Kurze Begegnungen" und "Lange Abschiede" sind verspielte Melodramen des Alltags, entfernte Verwandte der Nouvelle Vague und doch ganz einzigartig. Trotzdem spricht Muratova nur ungern über ihre nicht nur von der feministischen Filmwissenschaft verehrten Hauptwerke. "Die Zeit vor der Perestroika, die mich zur Unperson machte, war ebenso krank wie die Zeit danach, als man mir alles aus den Händen riss und ich machen durfte, was ich wollte", sagte sie in Wiesbaden. "Normal ist nur die Gegenwart. Jetzt muss ich um Finanzierung kämpfen wie jeder andere Filmemacher auf der Erde auch."

Das Kunst- und Publikumsfilme ein und dasselbe sein konnten, bewies der georgische Gewinner des Hauptpreises: "Das andere Ufer" handelt von der Odyssee eines Zwölfjährigen, der im Bürgerkrieg aus Abchasien in die georgische Hauptstadt Tbilisi geflohen ist und sich völlig mittellos auf den Heimweg macht. Die dramatische Suche nach dem verschollenen Vater ist vor allem ein Landschaftsfilm: ein ungeschöntes Panorama der Einsamkeit, das dem Elend mit Würde begegnet anstatt es auszuschlachten. Als ethnographisches Road Movie ist es ein unsentimentales Gegenstück zu "Slumdog Millionaire", in dem es für den Helden nichts zu gewinnen gibt. Umso mehr für den Zuschauer: Es ist der Neorealismus Rossellinis, dessen Modernität George Ovashvili für die Gegenwart bekräftigt. Ebenjener Mehrwert in den Kamerabildern, den die Zensoren der Vergangenheit so sehr fürchteten.

Das Deutsche Filmmuseum in

Frankfurt zeigt am heutigen Donnerstag Filme des Go-East-Festivals, darunter um 22 Uhr 30 "Das glücklichste

Mädchen der Welt".

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