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Der iranische Filmregisseur Abbas Kiarostami ist tot. Das Foto entstand bei einem Termin in Barcelona, 2015.

Nachruf auf Abbas Kiarostami

Filmregisseur Kiarostami ist tot

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Er fand zu einer Allgemeingültigkeit, die keine kulturellen Barrieren kannte: Zum Tod des großen iranischen Filmpoeten Abbas Kiarostami.

Wenige Filmkünstler haben das Kino so sehr geprägt wie Abbas Kiarostami. Nicht, dass er der einzige bedeutende Regisseur war, der in den frühen 90er Jahren von westlichen Festivals entdeckt und gefeiert wurde. Doch erst die behutsame Ansprache seiner einfachen Erzählungen öffnete seinen jüngeren Mitstreitern wie Mohsen Makhmalbaf und seinem früheren Assistenten Jafar Panahi die Türen.

In einer Zeit als im westlichen Kino die Postmoderne herrschte, als Bilderflut und Ironie das Maß der Dinge waren, kam ausgerechnet aus einer islamischen Diktatur eine ganz andere Art von Kino: Eine puristische Filmkunst, die noch an die Wahrhaftigkeit einer ausdrucksvollen Einfachheit glaubte.

„Und das Leben geht weiter“, der Film, der ihn 1992 auch in Deutschland bekannt machte, erzählt von der Autofahrt eines Filmemachers und seines kleinen Sohns in die Region des Manjil-Rudbar-Erdbebens. Den schlichten, aber doch grundsätzlichen Fragen des Kindes, das irgendwann einschläft, entspricht eine offene Bildsprache, der nichts Menschliches fremd ist.

Kiarostami knüpfte da an, wo die Meister des modernen Films, die er verehrte, der Italiener Roberto Rossellini, der Japaner Yasujiro Ozu und die Franzosen Jacques Tati und Robert Bresson, aufgehört hatten. Mit dem unbestechlichen Blick eines Kindes, das die sichtbare Wirklichkeit gleichermaßen bestaunt und hinterfragt, fand er zu einer Allgemeingültigkeit, die keine kulturellen Barrieren kannte.

Fast zwei Jahrzehnte wirkte Kiarostami seit seinem Debüt 1970 gleichsam im Verborgenen. Im staatlichen Kinderfilmstudio fand er Freiheiten, welche die bis heute unter dem Joch einer strengen Zensur leidende iranische Filmbranche sonst nicht kennt. Einerseits konnte Kiarostami auch während und nach der Revolution kontinuierlich arbeiten, anderseits erreichen Kinderfilme eben nur selten ein größeres Publikum.

Prophet im eigenen Land

Auch als der Westen seine Filme entdeckte, blieb er ein Prophet im eigenen Land. „Kiarostami hat dem iranischen Film das Ansehen verschafft, das es heute genießt“, bemerkte sein Kollege Makhmalbaf in einer ersten Reaktion auf Kiarostamis Tod, „nur leider wurden seine Filme im Iran kaum gesehen.“

Sein erstes großes Meisterwerk, „Wo ist das Haus meines Freundes“ (1988), ist der krönende Abschluss seiner langen Serie über die Probleme, die Kinder im Alltag zu lösen haben. Zugleich markiert der Film den Beginn einer Trilogie filmischer Orts- und Lebenserkundungen, die mit „Das Leben geht weiter“ (eigentlich: „Das Leben und nichts mehr“) sowie „Quer durch den Olivenhain“ fortgeführt wurde.

Zum „Haus seines Freundes“ muss sich der achtjährige Ahmed in einem ihm unbekannten Nachbarort durchschlagen, weil er versehentlich dessen Schulheft eingesteckt hat. Es ist eine Herkulesaufgabe und doch eine ruhmlose Heldentat: Seine ärmliche Familie hat ihn mit Arbeit überhäuft, so stiehlt er sich heimlich davon. Wenn der Freund das Heft nicht bekommt, droht ihm ein Schulverweis.

Doch dies ist mehr als ein mutiger Problemfilm, der sich auf die Seite von rechtlosen Kindern in einer restriktiven Gesellschaft schlägt. Vielmehr ist es ein visuelles Gedicht über die verborgene Schönheit des Alltäglichen. Der ästhetische Kosmopolit Kiarostami zeigt die labyrinthischen Dörfer mit der zart-rätselhaften Magie eines Paul-Klee-Gemäldes. Die Poesie dieses Rätsels besteht darin, dass der Zuschauer kaum mehr weiß als der Protagonist. So fühlt sich auch der westliche Betrachter nicht ausgeschlossen. „Darin besteht die Poesie in Kiarostamis Kinofilmen“, schrieb dazu der frühere FR-Filmkritiker Wolfram Schütte: „Wir sind ihre Schöpfer, er stellt uns nur eine Partitur zur Verfügung. Wir sind aufgerufen, sie durch Hören, Sehen und Fantasieren zum Erklingen zu bringen.“

Später, als Kiarostami seine Filme nicht mehr primär an Kinder adressierte, blieben sie vielen seiner Landsleute auch aus anderem Grund verborgen: Die Gesellschaftskritik im minimalistischen „Ten“, dem Porträt einer selbstbestimmt lebenden, geschiedenen Iranerin, rief die Zensur auf den Plan. Im Jahr 2007 klagte der Filmemacher: „Die Regierung hat keinen meiner Filme in den letzten zehn Jahren gezeigt… Ich glaube, sie verstehen sie einfach nicht und zeigen sie lieber gar nicht erst, bevor ihnen eine Botschaft entschlüpfen könnte, die sie nicht kennen.“

Emigrieren wollte er nie

Auch wenn er zuletzt im Ausland arbeitete – sein letzter Film, „Like Someone in Love“, entstand 2012 in Japan – lehnte er es ab, zu emigrieren. „Wenn man einen Baum nimmt, der in seinem Boden verwurzelt ist, und ihn verpflanzt, trägt er keine Früchte mehr“, erklärte der Filmemacher – und erinnerte einmal mehr an die in seinem Werk so essentielle Beziehung zwischen Mensch und Landschaft.

In seinem Drama „Der Geschmack der Kirsche“, das ihm 1997 die Goldene Palme von Cannes eintrug, findet dieses Thema einen besonders ambivalenten Ausdruck: Ein Mann fährt darin durch die Randgebiete Teherans, um jemanden zu finden, der bereit wäre, ihm ein Grab für den geplanten Suizid auszuheben. Wie nahezu jeder Kiarostami-Film ist auch dieser Film ein Plädoyer für die Selbstbestimmtheit, wohl das rarste Gut in einer Diktatur. Und das galt bei Kiarostami nicht zuletzt für den Zuschauer, dem er die Deutung seiner Werke überließ.

Bereits im Mai waren widersprüchliche Meldungen über eine Krebserkrankung des Filmemachers aufgetaucht. Am Montag ist er 77-jährig in einem Pariser Krankenhaus gestorben.

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