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Schauspieler Ronald Zehrfeld fuhr mit dem Motorrad ins leere Studio.

Kino 

Deutscher Filmpreis: „Systemsprenger“ dominiert 

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Der Sieger nimmt (fast) alles: „Systemsprenger“ dominiert den erstmals weitgehend in Heimarbeit vergebenen Deutschen Filmpreis .

Es ist lange her, dass Hausbesuche bei Filmschaffenden als große Fernsehereignisse galten. In den siebziger Jahren führte die Sendung „Die V.I.P.-Schaukel“ der Österreicherin Margret Dünser ins Allerheiligste der Hollywoodprominenz. Ein wenig von dieser speziellen Mischung aus Glamour und Intimität kehrte vor einer Woche zurück, als Lady Gaga ihre Show „One World – Together At Home“ präsentierte – über Laptops gestreamt aus den Villen und Appartments vieler ihrer berühmtesten Kollegen. Wenn diese Krise eine Unterhaltungsform hervorgebracht hat, dann gewiss nicht die „Corona-Party“ – beschworen von Politikern wie Markus Söder, wissen die deutschen Ordnungsämter sehr wenig von diesem angeblichen Massenphänomen. Nein, es ist die Skype-Party, die sich gerade zu einer Kultur entwickelt als keimfreie, performative Grundversorgung.

Corona-Ausgabe des deutschen Filmpreises

Der Deutsche Filmpreis probierte am Freitagabend etwas Ähnliches – und wollte sich bei seiner Corona-Ausgabe dann doch nicht ganz auf die Selfie-Ästhetik der Videotelefonie verlassen. Moderator Edin Hasanovic moderierte aus einem großen Studio, unterstützt – teils vor Ort, teils per Videoschalte – von Kollegen wie Iris Berben, Charly Hübner, Ronald Zehrfeld oder Fahri Yardim.

Ein Gefühl von Leere stellte sich allerdings am Ende auch durch die geringe Zahl der Preisträgerfilme ein. Schon in früheren Lola-Veranstaltungen kam es vor, dass sich viele Preise auf wenige Filmen versammelten. Nun aber verteilten sich die Auszeichnungen auf ganze sechs Beiträge; Nora Fingscheidts grandioses Drama „Systemsprenger“ allein erhielt acht Lolas, darunter die Hauptkategorien Bester Film, Regie, Drehbuch, beide Hauptdarsteller. Nimmt man Dokumentar- und Kinderfilm einmal beiseite, die in eigenen Kategorien antreten, dann waren es überhaupt nur vier Spielfilme, die den Preisregen unter sich ausmachen: neben „Systemsprenger“ fünfmal Burhan Qurbanis „Berlin Alexanderplatz“-Remake, zweimal „Lindenberg“ (für Kostüm und Maske) und der glücklose Comedyfilm „Die Känguruh-Chroniken“ für die Spezialeffekte.

Preisträger Christian Petzold für „Udine“

Noch vor der Veranstaltung hatte der sympathische Moderator eine Beziehung zwischen den knapp drei Millionen Euro Preisgeld und der gegenwärtigen Krise gezogen: Das Preisgeld tue der Branche ganz gut, „um, wenn der Wahnsinn vorbei ist, dann richtig loszustarten.“ Freuen können sich über den Geldsegen neben den Gewinnern auch die nominierten Filme, darunter Christian Petzolds wohl poesievollster deutscher Spielfilm der Saison, der moderne Märchenfilm „Undine“.

Traditionell hat bei deutschen Preisverleihungen allerdings der Realismus einen höheren Stellenwert als die Romantik. „Systemsprenger“ aber ist natürlich mehr als nur ein Stück Lebenswirklichkeit, ein Anspruch, der im deutschen Kino schon selten genug ist. Nora Fingscheidt macht in ihrem radikalen Entwicklungsdrama erfahrbar, was nicht nur die Erziehungssysteme sprengt, sondern auch im Kino gern in vorgefassten Bildern untergeht. Hatte die vorletzte Berlinale-Jury die Qualitäten dieses auf unaufdringliche Weise eindringlichen Films noch nicht angemessen gewürdigt, ist „Systemsprenger“ nun zu Recht der Stolz der deutschen Filmbranche.

Staatspreis vom Akademiepreis trennen

Große Filme sind stets die Summe ihrer Einzelleistungen. Dennoch muss man sich fragen, ob es gerecht ist, dass die Kreativen an anderen Produktionen bei einem solchen Überflieger kaum noch Chancen haben. Welches Bild vom deutschen Film gibt eine Reduzierung auf eine Handvoll Filme? Als dieser höchstdotierte deutsche Kunstpreis noch von Fachjurys vergeben wurde, galt gerade die Vielfalt des Filmangebots als besonders fördernswert.

Ist dieser Gedanke noch lebendig? Offensichtlich geht die Pluralität bei einem Abstimmungsverfahren verloren, das dringend reformiert werden muss. Besser noch: Man sollte den Staatspreis vom Akademiepreis trennen. Es würde den „Lolas“ guttun, wenn sie von der Filmakademie als undotierte Auszeichnungen analog zu den Oscars vergeben würden. Der Deutsche Filmpreis würde dann wie nahezu jeder andere seriöse Kunstpreis auf der Welt wieder von Fachjurys vergeben. Gerade jetzt könnte der deutsche Film auch zwei große Preisverleihungen gebrauchen.

„Systemsprenger“ von exzellenter Qualität

Aber natürlich muss auch noch einmal gelobt werden: Wenn die Perlen eines Kinojahrs gefunden werden, ist das Wichtigste bereits geschafft. Hochverdient und durchaus überraschend erhielt „Es gilt das gesprochene Wort“ die Bronze-Lola. Wie „Systemsprenger“ ist auch Ilker Çataks Migrations- und Integrationsdrama ein Erstlingsfilm von exzeptioneller Qualität. Auf den ersten Blick ist es die Geschichte einer Scheinehe, auf den zweiten die der Selbstfindung einer Frau, die für einen fremden Menschen sorgt, indem sie ihn zugleich zu sich auf Distanz hält. Beide Filme sind auch bezwingende Deutschlandbilder: „Systemsprenger“ in seinem Plädoyer für eine Fürsorge, die an ihre Grenzen gehen muss. Und „Es gilt das gesprochene Wort“ in seinem Porträt einer Mentalität nationaler Nüchternheit.

Und noch ein weiteres Juwel wurde gefunden: „Born in Evin“, der autobiographische Essayfilm der in Frankfurt aufgewachsenen Maryam Zaree: Die Spurensuche der Schauspielerin und Filmemacherin nach den Umständen ihrer Geburt in einem iranischen Foltergefängnis berührte im vergangenen Jahr Filmfestivalbesucher in aller Welt. Schöner kann ein Filmjahr nach der Berlinale-Premiere 2019 für Zaree kaum zum Abschluss kommen. Und die Ruhe dieser Preisverleihung passte dazu wunderbar.

Von Daniel Kothenschulte

Seine Fans liebten ihn für Filme wie „Slumdog Millionaire“ und „Life of Pi“. Nun ist der Schauspieler Irrfan Khan im Alter von nur 53 Jahren gestorben.

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