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Aus Stummfilmen, die es gegeben haben müsste: In der Wunderwelt von Guy Maddin.

„The Forbidden Room“

Die Filmorgie

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Guy Maddins schwelgerischer Experimentalfilm „The Forbidden Room“ lässt verlorene Filmklassiker lebendig werden. Trotz der Bescheidenheit der Mittel sehen Maddins Filme edel aus, es gelingt ihm, den Look des alten Studiokinos nachzuempfinden.

Zu den vergessenen Klassikern der Avantgarde zählt Joe Dantes Frühwerk „The Movie Orgy“. 1968 beglückte der spätere „Gremlins“-Regisseur ein experimentierlustiges Studentenpublikum mit einem Zusammenschnitt gefundener Film-Fragmente, die sich zu einer achtstündigen Parallel-Montage reihten.

Auch Guy Maddins „Forbidden Room“ ist eine Filmorgie voller grober Klebestellen, flackernder Bildstände und wechselnder Materialien. Nur dass es unter der Würde des Kanadiers wäre, ein Stückchen Film aus der Mülltonne der Filmgeschichte in einen seiner Filme hineinzuschneiden.

Maddin ist seine eigene Filmgeschichte. „Ich hatte keine Lust mehr, traurig darüber zu sein, wie viele Stummfilme verschollen sind“, sagt er im Gespräch, „ich habe sie einfach neu gedreht.“ Daraus wurde eine Serie herrlicher Kurzfilme, die noch immer in Museen und auf Festivals auftauchen. „The Forbidden Room“ dehnt dieses Prinzip in alle Epochen der Filmgeschichte aus und wartet, zur Vervollkommnung der Illusion, abermals mit veritablen Filmstars auf wie Charlotte Rampling, Mathieu Amalric, Udo Kier und Geraldine Chaplin.

Auch den Titel übernahm er aus einem verschollenen Stummfilm, einem halblangen Drama, das Allan Dwan 1914 um eine in einer Dachkammer eingesperrte Verrückte drehte. Nur in Inhaltsangaben, Standfotos oder Werbematerialien haben diese frühen Filme überlebt, doch nicht anders als im heutigen Blockbuster-Kino ähnelten ihre Geschichten oft einander. So fiel es Maddin leicht, an Dwans klassische Schauergeschichte eine kleine Replik von Murnaus verlorenem „Januskopf“ anzufügen, eine Version von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, die wiederzufinden der Traum eines jeden Filmhistorikers wäre.

Aber ein verlorener Film ist kein Berliner Stadtschloss, man kann ihn nicht einmal mehr dem äußeren Anschein nach wiederauferstehen lassen. Es sei denn vielleicht, man treibt das Spiel noch weiter, scannt Bilder des Hauptdarstellers Conrad Veidt in den Computer und erschafft einen digitalen Wiedergänger. Das wäre die wahre Frankensteingeschichte, und wir wollen nicht ausschließen, dass Guy Maddin früher oder später damit anfängt.

Widerstrebend begann er vor einigen Jahren mit Video zu arbeiten, aber es ist zur Unkenntlichkeit in eine Art von Pseudo-Zelluloid veredelt, das selbst gestandene Archivare verblüffen wird. Im jungen Filmemacher Evan Johnson hat er einen Mitarbeiter gefunden, der sich mit digitalen Tricks perfekt auskennt.

Auch wenn man das alles weiß, man ist dann doch erstaunt. Ist dieser kleine Western, der da für zwei Minuten auftaucht, nicht im frühen Zweifarb-Technicolor gedreht, wohl vor 1935? Aber schon geht das Patchwork surrealer Dramatik weiter im Stil eines bläulich viragierten Stummfilms, unzweifelhaft im Stil der späten 1910er Jahre. Man muss ihn irgendwo ausgegraben haben, der Staub klebt noch daran.

Wird die Leinwand einmal bunt, so weil es ein magischer Augenblick nahelegt, mit den Wundern der Farbfilmtechnik anzugeben. Trotz der Bescheidenheit der Mittel sehen Maddins Filme edel aus; niemand sonst gelingt es überhaupt nur, den Look des alten Studiokinos nachzuempfinden. Dabei sind es keine Stilübungen um ihrer selbst willen.

Maddin erzählt seine rauschhaft betörenden, dabei verstörenden Geschichten im einzigen Stil, der ihnen angemessen erscheint. Er entstammt einer Zeit, als man nicht müde wurde, den Reiz des Kinos mit dem von Träumen zu vergleichen.

Auch die Rahmen-Erzählung in der Louis Negin, ein Lieblingsschauspieler Maddins, auftritt, ist eine mehrfache Camouflage. Es geht darin um Rituale des Badens, die in halb-lüsterner Nüchternheit erklärt werden. Das erinnert an Peter Greenaways Experimentalfilm-Klassiker „26 Bathrooms“ von 1985, sieht aber aus wie ein Kenneth-Anger-Film aus den Vierzigern. Maddin selbst bezieht sich dagegen auf einen verlorenen Kurzfilm von Dwain Esper, einem frühen Meister des Exploitationfilms, bekannt für scheinheilige Aufklärungsfilme wie „Sex Madness“ (1936). Doch man muss nichts davon wissen, um sich auf das Spektakel einzulassen.

Maddin schweift zwischen dem imposanten Glamour früher Tonfilmoperetten und den hölzernen Kulissen des „Caligari“. Er lässt es schneien wie in der Glaskugel des „Citizen Kane“ und verbindet das Märchenhafte von Cocteaus „La Belle et la Bête“ mit dem Schauer früher Horrorfilme. Bis zum Rand ist dieser Film gefüllt mit Filmgeschichte, aber man kann ihn ebenso gut verstehen ohne irgend eines dieser Zitate zu kennen; so fließend ist dieses Traumstück gearbeitet. Es gab eine Zeit, da konnten Filme abseits des Mainstreams schon reüssieren, wenn sie an nichts erinnerten, das es bereits gab. Der sogenannte Independentfilm ist vom großen Erzählkino dagegen oft kaum noch zu unterscheiden. Das Sundance-Festival in den USA ist zum Sinnbild dieses Traums vom billigen Blockbuster geworden. Kein Wunder, dass das Publikum bei der Premiere von „The Forbidden Room“ in Scharen den Saal verließ.

Vielleicht ist es wirklich so, dass Filmgeschichte den jungen Festivalbesuchern fremd geworden ist. Aus dem Fernsehen ist sie weitgehend verschwunden, und viele Filmhochschulen bilden eher für das Fernsehen aus. Doch wenn schon die Hoffnung auf einen Platz in der Traumfabrik niemals stirbt, dann sollte auch die Neugier auf ihre Wunder lebendig bleiben. Tatsächlich wird über keinen Film länger geredet, als über den, den man nicht gleich versteht. Für die Kunst ist es eine Selbstverständlichkeit ihre Geheimnisse nicht gleich auszuplappern. Im Art House Kino muss man das inzwischen wieder lernen. Dies ist ein schöner Film, um das zu beweisen.

The Forbidden Room. Kanada 2015. Regie: Guy Maddin. 119 Min.

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