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Michael Ballhaus ist tot.

Michael Ballhaus

Filmkünstler Michael Ballhaus gestorben

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Er galt als einer der besten Kameramänner der Welt, in Hollywood arbeitete er mit allen Großen des Fachs. Jetzt ist Michael Ballhaus, der Erfinder des „Ballhaus-Kreisels“, gestorben.

In Deutschland bewunderte man den Kamerakünstler Michael Ballhaus für seinen Erfolg, der ihn bis nach Hollywood führte, auf Augenhöhe mit den Größten. In Hollywood hingegen, wo Erfolg alltäglich ist, bewunderte man Michael Ballhaus für seine Kunst. Wer dem Bildgestalter freilich einmal begegnete, schwärmte bald nur noch von dem Menschen Michael Ballhaus. Von der Wärme und Liebenswürdigkeit, von dem Vorschuss an professionellem Vertrauen, von dem Überschuss an Weisheit, die er selbst dem unerfahrenen Studenten entgegenbrachte. Dann schien es so, als habe er sein berühmtestes Stilmittel, die alles verbindende Kreisfahrt, zum Lebensprinzip gewählt.

Filmgeschichte schrieb er damit 1974 in Rainer Werner Fassbinders „Martha“: Da geht das von Margit Carstensen und Karheinz Böhm gespielte Paar scheinbar unbeteiligt aneinander vorüber, doch tänzerisch umkreist es Ballhaus und schnürt dabei ein Band, das auch den Zuschauer mit einschließt.

Diese oft kopierte Kreisfahrt nannte man bald den „Ballhaus-Kreisel“. Er selbst nutzte sein Markenzeichen immer wieder, aber sorgsam genug, dass es seinen Zauber nicht verlor. Die scheinbar schwebende Steadycam machte komplizierte Auflösungen obsolet. Statt durch Schuss und Gegenschuss getrennt zu werden, agierten die Figuren in einer durch und durch filmischen Einheit aus Zeit und Raum.

Es war wohl kein Zufall, dass sich der 18-Jährige 1955 seine ersten Sporen am Set von Max Ophüls traumtänzerisch choreografiertem Meisterwerk „Lola Montez“ verdient hatte.

Als Studiokameramann beim Südwestfunk Baden-Baden konnte er seine Musikalität in den sechziger Jahren bei klassischen Jazz-Übertragungen einsetzen. Bei Fernsehspielen arbeitete er mit Regisseuren wie Peter Lilienthal und Herbert Vesely zusammen, bevor er mit der Dieter-Hallervorden-Komödie „Mehrmals täglich“ sein Kinodebüt gab. Über die Arbeit am Ulli-Lommel-Film „Deine Zärtlichkeiten“ (1969) lernt er Fassbinder kennen. Der Western „Whity“, ihr erster gemeinsamer Film, gibt Ballhaus Gelegenheit, aus bescheidenen Mitteln denkbar großes Kino zu zaubern: Ein Talent, das immer wieder gefragt sein sollte.

Es ist die Zeit, in der Fassbinder neben anderen Hollywoodregisseuren seinem Vorbild Douglas Sirk nacheifert, mit dem sie 1978 gemeinsam das Projekt „Bourbon Street Blues“ realisieren. Verfremdende Durchblicke oder Spiegeleffekte prägen die experimentelle Bildgestaltung der von Ballhaus fotografierten Fassbinder-Filme wie etwa das Science-Fiction-Werk „Welt am Draht“. Zu einem Welterfolg wird 1978 das Melodram „Die Ehe der Maria Braun“. Insgesamt 16-mal arbeitet Ballhaus mit Fassbinder.

1982 in die USA

1982 holt ihn der amerikanische Autorenfilmer John Sayles für „Baby It’s You“ in die USA, zwei Jahre später arbeitet er erstmals mit Martin Scorsese. Die urbane Farce „After Hours“ war für den Hollywood-Meister nur als Fingerübung konzipiert, während sich sein Jesus-Film „Die letzte Versuchung Christi“ wegen Protesten aus Kirchenkreisen verzögerte. Tatsächlich aber gelang Dank der Dynamik der turbulenten Nachtaufnahmen von Ballhaus einer der schönsten Scorese-Filme, ein genialisches Kleinod.

In fünf weiteren Filmen konnten sie ihre gemeinsame Kunst vervollkommnen: „Die letzte Versuchung Christi“ (1988), „Good Fellas“ (1990), „Zeit der Unschuld“ (1993), „Gangs of New York“ (2002) und „Departed – Unter Feinden“ (2006).

In den achtziger und neunziger Jahren gilt Ballhaus unter Filmfans als Hollywoods originellster Bildermacher. Jeder Film ist auf andere Weise einfallsreich. „Die fabelhaften Baker-Boys“ besitzt eine klassische Eleganz, Coppolas „Dracula“ dafür verwegen-postmoderne Bildgewalt. Für Robert Redford fotografiert er „Quiz Show“, einen seiner besten Filme. Dreimal wurde er für den Oscar nominiert.

Was immer ihm selbst an Erfolg und Wertschätzung vergönnt war, er gab es in potenzierter Menge weiter. Manchmal fragte man sich, ob jemand, der so viel zu geben hatte, sich nicht irgendwann aufbrauchen müsste. Diesem Moment, der niemals eintrat, hätte er wohl gelassen entgegen gesehen. Dann wäre ja immer noch Florian Ballhaus da gewesen, sein Sohn, der sein Talent als Bildgestalter geerbt hat.

Das deutsche Wort Kameramann ist für seine Arbeit natürlich viel zu kurz gegriffen. Die internationale Bezeichnung heißt „director of photography“, was so viel bedeutet wie „Regisseur der Bilder“. Das trifft es besser. In den letzten Jahren konnte er sie freilich nur noch in seiner Erinnerung richtig sehen. Wie er 2014 bekannt gab, war er am Grünen Star erkrankt.

„Die Bilder, die ich aufgenommen habe, werden zu inneren Bildern“, sagte er damals in einem Interview der „Zeit“, und fügte hinzu: „Und draußen, irgendwie abgelöst, da ist der Film, da sind die Aufnahmen. Auch wenn ich sie jetzt nicht mehr richtig sehen kann… Aber die Erinnerung an die Bilder, die ich gemacht habe, ist ganz stark.“

Da trugen längst Millionen von Menschen Michael-Ballhaus-Bilder in ihrem Gedächtnis. So wie man sich immer an diesen großen Augenmenschen, den wichtigsten deutschen Kameramann der letzten vierzig Jahre erinnern wird.

Wie seine Familie bekannt gab, ist er in der Nacht zwischen dem 11. und 12. April gestorben. Er wurde 81 Jahre alt.

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