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Der Film "The Hate U Give" kommt in die Kinos.

„The Hate U Give“

Mädchen in der Schlusslinie

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Angie Thomas’ Bestseller „The Hate U Give“ überzeugt auch im Kino.

Der Zuschauer weiß, dass für Menschen schwarzer Hautfarbe in den USA Begegnungen mit Polizisten lebensgefährlich sein können. Nicht nur aus den Nachrichten. Im Film „The Hate U Give“ wird man anfangs durch einen Rückblick darauf eingestellt. Ein Vater (Russell Hornsby) fragt seine Kinder ab, wie sie sich bei Kontrollen zu verhalten haben. Nur nicht provozieren lassen.

Das Mädchen in der Runde, Starr, ist inzwischen 16 Jahre alt. Auf einer Party trifft sie Khalil wieder, mit dem sie aufgewachsen ist. Als auf einmal randaliert wird, will er sie nach Hause fahren. Dann muss sie zusehen, wie er erschossen wird – von einem weißen Polizisten. Der Titel des Films geht auf den Rapper Tupac Shakur zurück, sein Akronym „Thug Life“: The Hate U Give Little Infants Fucks Everybody. Das heißt etwa: Der Hass, mit dem ihr kleinen Kindern begegnet, macht alle kaputt. Es umschreibt das Aufwachsen einer Generation, die sich nicht von der Gesellschaft akzeptiert sieht. Khalil sagte das noch im Auto. Starr muss weiterleben mit den Bildern im Kopf, mit der Erfahrung der Willkür.

So wirkt der Film wie eine Illustration der Black-Lives-Matter-Bewegung. Und obwohl er sich zuerst an ein jugendliches Publikum wendet, umgehen Drehbuch (Audrey Wells) und Regie (George Tillman, Jr.) die Verlockung, linear zu erzählen. Sie kombinieren verschiedene Szenen an verschiedenen Schauplätzen. Dabei bleibt der Blick auf Starr konzentriert. Die schwarze Community in dem fiktiven Ort ist sehr heterogen, Drogendealer spielen ihren Einfluss aus.

Das Mädchen, das Zeuge der tödlichen Schüsse war, muss vor einer Grand Jury aussagen, die entscheidet, ob Anklage gegen den Schützen erhoben wird. Die Anwältin, die Starr unterstützen will, hat mehr das große Ganze im Blick, also die ungleiche Behandlung der schwarzen Bevölkerung. Man sieht Starr in der Polizeistation, vor Fernsehjournalisten, auf der Straße angehalten durch Männer vom Drogenring.

Großartige Besetzung für die Hauptrolle

Mit Amandla Stenberg wurde eine großartige Besetzung für die Hauptrolle gefunden. Während Starr aus dem Off erzählt, wie sie in zwei Welten lebt, erscheinen die entsprechenden Bilder dazu. Die Eltern haben als Ladenbesitzer und Krankenschwester den Ehrgeiz und die finanziellen Möglichkeiten, ihre Kinder auf eine High School zu schicken, wohin überwiegend Weiße gehen.

Starr passt ihr Aussehen und ihre Sprache der Mehrheit an. Während es manche ihrer weißen Mitschüler cool finden, Slang zu sprechen und sich im Rapper-Gestus zu bewegen, mimt sie das Mauerblümchen. Zu Hause aber versucht sie, ihre härtere Seite herauszukehren. Der gewaltsame Tod von Khalil ist auch ein Angriff auf ihr Rollenverhalten.

Und so schaffen es die Filmemacher, über diese Geschichte eine Frage zu vermitteln, die Zuschauer überall etwas angeht. Wie findet man in einem Umfeld politischer und moralischer Spannungen eine eigene Position? Die 16-Jährige möchte vor den Mitschülern nicht als das Mädchen aus dem Problemviertel dastehen.

Doch als die mit dem Slogan „Black Lives Matter“ auf die Straße gehen, sieht sie in ihnen nur die Schulschwänzer. Bei einer Befragung damit konfrontiert, dass der erschossene Khalil gedealt hat, hält Starr dagegen, dass Khalil seine Familie unterstützen musste. Der einzige Weg, Geld zu verdienen, sei für einen Jungen in ihrer Gegend, Drogen zu verkaufen.

Der Film hat bald ein enormes Tempo. Auf einmal sind so viele Menschen mitbetroffen von den Vorgängen, auch Starrs Geschwister, die Eltern. Dass alles nur in Verbindung mit dem Mädchen erzählt wird, verstärkt einerseits die immense emotionale Wirkung der Bilder, vereinfacht dabei natürlich auch die Konfliktlage. Starr findet ihre Position, sie wird sich ihrer selbst gewiss und aussprechen, was nur sie sagen kann – als Zeugin. Das macht die große Stärke des Films aus.

„The Hate U Give“ ist kein politischer Film von Spike Lee, sondern die Dramatisierung eines Jugendbuchs von Angie Thomas, das so ein noch größeres Publikum erreichen könnte. In den USA blieb es lange auf der Bestsellerliste. Hierzulande zeichnete es die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises aus. Es kann ja nur als erfreuliches Zeichen gedeutet werden, dass dieser realistische Stoff so viele Leser erreicht hat – bislang waren Jugendbuchbestseller oft mit Zauberei oder Dystopien bestückt.

The Hate U Give. USA 2018. Regie: George Tillman, Jr.. 133 Min.

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