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Die kleine Infantin (Juliane Lepoureau) zeigt sich als geborene Diplomatin.

„Ein königlicher Tausch“

Kein Herz für eine Krone

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Marc Dugain hat einen feinfühligen Historienfilm über arrangierte höfische Ehen gedreht: „Ein königlicher Tausch“.

Ob es ein Zufall ist, dass in dieser Karnevalszeit schon der dritte Kostümfilm in die Kinos kommt? Wie bei aller guten Maskerade weiß man bei dieser Filmgattung auf den ersten Blick nie, was darunter steckt. Ein bloßes Schwelgen in Ausstattung wie es ihr vor allem im Fernsehen einen schlechten Ruf verschafft hat? Oder eine ansprechende Verpackung für jedwedes andere Genre, einen Thriller, ein Liebesdrama oder eine Farce – wie derzeit mit „The Favourite“ zu bewundern? Oder eine Einladung in eine Inszenierung hemmungsloser Künstlichkeit wie „Mary Queen of Scotland“?

„Ein königlicher Tausch“ gehört zu einer anderen Sorte von Kostümfilmen, wie sie sich erst mit Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ etabliert hat: Nicht nur Originalschauplätze und Kostüme, erst das natürliche Licht, ein anderes Timing und ein wirkliches Einfühlen in die Zeit, das sich am kleinsten Detail entzünden kann, erwecken die eigentliche Faszination. Diese Qualität hat der vor allem als Autor historischer Romane bekannte Filmemacher Marc Dugain mit diesem Film auch „The Favourite“ voraus. Dennoch entsteht auch bei seinem Film eine dezente Brechung zwischen der Historie und der Gegenwart. Aus einer historischen Begebenheit, zwei aus diplomatischen Gründen arrangierten Ehen im 18. Jahrhundert, entwickelt Dugain, der hier einen Roman von Chantal Thomas verfilmte, hochmoderne Konflikte um Selbstbestimmung und sexuelle Identität. Und das, obwohl sich die Handlung, wie versichert wird, recht genau auf historische Briefe und Dokumente stützt.

Nur vorübergehend haben sie Luft zum Atmen.

Für den Regenten Herzog Philipp von Orléans gibt es im Jahr 1721 einen banalen Grund, etwas für den Frieden mit Spanien zu tun. Nach den Exzessen des Sonnenkönigs kann man sich einfach keinen Krieg mehr leisten. So fädelt er einen Prinzessinnentausch ein: Sein Mündel, der elfjährige französische König Ludwig XV. soll mit der erst vier Jahre alten Tochter des spanischen Königs, Infantin Maria Anna Victoria, verheiratet werden. Zugleich würde die Tochter Philipps, die zwölfjährige Louise Elisabeth, nach Madrid entsandt, um den 14-jährigen spanischen Thronfolger Don Luis zu ehelichen. Der spanische König Philipp V. (Lambert Wilson ist der einzige Star des Films) willigt ein. Tatsächlich findet an der Grenze ein Austausch statt. Doch wie werden sich die lebenden Spielfiguren, die minderjährigen Protagonisten dazu verhalten? Immerhin gibt es keine Sprachbarrieren, schließlich spricht man an den höfischen Spielorten generell Französisch.

Erstaunlich gefasst, so scheint es zunächst, ergeben sich die Prinzessinnen dem ungewissen Schicksal. Die kleine Infantin zeigt sich sogar als geborene Diplomatin, die mit ihrer natürlichen Ausstrahlung zum Liebling am französischen Hof wird. Dafür verweigert sich die junge Französin komplett – was Don Luis durchaus respektiert, obwohl er sich tatsächlich in seine Frau verliebt.

Dem jungen Ludwig, dessen ganze Familie an den Pocken gestorben ist, bleibt indes nur Einsamkeit. Anders als vielleicht zu erwarten wäre, ist dies keine Geschichte über sexuellen Missbrauch. Auch die homosexuellen Avancen, die sowohl Ludwig als auch Louise Elisabeth von Mitgliedern des Hofstaats gemacht werden, empfinden diese nicht als missbräuchlich. Sexualität erweist sich als ein überraschender Freiraum in einem von politischen Strategien bestimmten Alltag.

Die dunklen, aber tief farbigen Innenräume der Paläste sind den traurigen Jugendlichen verführerische Grabkammern. Vor allem die Einsamkeit Ludwigs, der einmal einen seiner politischen Berater bittet, über Nacht zu bleiben, weil der nicht alleine schlafen mag, ist herzzerreißend. Wie zu erwarten, ist aus den politischen Paarungen kein reeller emotionaler Überschuss zu erwarten. Rührend wirbt Don Luis, der allerdings auch nicht gerade ein besonders attraktiver Mann ist, um seine französische Braut – und auch diese bemüht sich redlich. Allerdings hat sie ihre Sexualität bereits befriedigender unter weiblicher Anleitung erlebt.

Wer diesen Film, der bereits 2017 entstanden ist und außerhalb von Frankreich und Spanien bislang kaum Beachtung fand, in der Nachfolge von Giorgios Lanthimos’ „The Favourite“ entdeckt, wird sich auf etwas völlig anderes einstellen müssen. Es ist nicht zu allererst ein Film über Intrigen oder ins Absurde zugespitzte höfische Rituale – auch wenn die Regie ein Auge dafür hat. Die historischen Umstände sind surreal genug und bedürfen keiner zusätzlichen Übersteigerung. So geht der Film einen imponierend anderen Weg, welcher dieser befremdlichen Vergangenheit vielleicht sogar gerechter wird: Er nimmt die entmenschlichten Parameter dieser Lebensumstände wie selbstverständlich – und interessiert sich dafür, was sie mit Menschen machen, die auch nicht viel dagegen tun können. Die jungen Darsteller erreichen hier eine ganz erstaunliche Einfühlungs- und Vermittlungsleistung, insbesondere Igor van Dessel in der Rolle des Ludwigs XV.

Die hochfeinen Dialoge klingen nicht historisierend, aber auch nicht unangenehm modern; Raum für Ironie findet sich darin allemal. Aber der emotionale Appell funktioniert über das Visuelle: Neben den erlesen ausgestatteten und doch beklemmenden Innenräumen ist da das Freiheitsversprechen weiter Landschaften, die freilich den Figuren nur vorübergehend Luft zum Atmen geben. Für den 61-jährigen Filmemacher Marc Dugain ist es erst der zweite Kinofilm – und vielleicht macht er deshalb so viel aus der großen Leinwand.

Ein königlicher Tausch. F/B 2017. Regie: Marc Dugain. 100 Min

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