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Das Grauen naht: Elliot Moore (Mark Wahlberg) bringt seine Familie in Sicherheit.
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Das Grauen naht: Elliot Moore (Mark Wahlberg) bringt seine Familie in Sicherheit.

Thriller

Filmische Votivkerzen

Und dann wäre da noch die heilende Kraft der Liebe: M. Night Shyamalans "The Happening". Von Gerhard Midding

Von GERHARD MIDDING

Wenn ein Filmemacher angesichts der Verheerungen, die er über seine Figuren hereinbrechen lässt, noch Zeit zur Selbstreflexion findet, ist das entweder postmoderne Frivolität oder Ausdruck eines trotzigen Selbstbewusstseins. "Und das, wo alle denken, alles Böse auf der Welt sei schon erfunden!" entfährt es der Heldin angesichts einer unerklärlichen Katastrophe, die in M. Night Shyamalans neuem Film die Menschheit heimsucht.

Welcher aufmerksame Zuschauer wollte da nicht an den verdrießlichen (und sogleich lustvoll von einem Monster entsorgten) Filmkritiker in dessen vorangegangenem Werk "Das Mädchen aus dem Wasser" denken, der beklagt, dass es keine Originalität mehr gibt auf der Welt. Damit ist das Grundproblem von Shyamalans Kino angesprochen: Wie viele überraschende Wendungen kann er noch erfinden nach den Schlusspointen von "The Sixth Sense" und "Unzerbrechlich"? Welche verblüffenden Perspektiven auf das Vertraute werden ihm noch einfallen?

Das Böse, das er für seinen neuen Film erfunden hat, ist eine Selbstmord-Epidemie, die sich in rasantem Tempo an der Ostküste der USA ausbreitet und hinter der die Medien zunächst einen terroristischen Anschlag mit einem Nervengift vermuten. In der vertrauten Parallelführung von übergeordneter Katastrophe und der Katharsis harrender, privater Krisen konzentriert sich Shyamalan auf ein kinderloses, entfremdetes Ehepaar (Mark Wahlberg und Zooey Deschanel), die auf der Flucht die Tochter eines Kollegen in ihre Obhut nehmen.

Dabei vollzieht er eine bezeichnende dramaturgische Bewegung: Von der Metropole Philadelphia aus suchen sie zunächst Schutz in der vermeintlichen Sicherheit einer Kleinstadt. Aber erst in einem pastoralen, ursprünglichen Ambiente fernab der modernen Zivilisation darf sich die Widerstandskraft der Kleinfamilie erweisen.

Bilder von Amerikanern auf der Flucht sind nicht nur für die Heimatschutzbehörde ein Albtraum, sie rühren an das Selbstverständnis der Nation. Mit der Evakuierung von Großstädten sind Kinogänger allenfalls aus Science-Fiction-Filmen aus den 50er Jahren, der Hochzeit des Kalten Krieges, vertraut.

Während Hollywood nach dem 11. September Trauerarbeit wesentlich dem Fernsehen überließ - das in Serien wie "Medium", "Ghost Whisperer" und dem Tatortermittler-Franchise "CSI" die Opfer von Verheerungen an Leib und Seele zuversichtlich in die Hände einfühlsamer Beamter gibt -, ist Shyamalan beinahe der einzige Spielfilmregisseur, der sich seither fürsorglich der Angst der Zuschauer annimmt.

Seine Filme stellen die Frage nach der Theodizee, zünden jedoch beherzt Votivkerzen an für all jene, die damit hadern, dass Gott Gewalt, Schmerz und Verlust zulässt. Sein filmisches Universum findet Raum für eine schützende Präsenz, die Glaube, Vertrauen und Identität wiederherstellt. Dafür wählt er gern extreme Aufsichten, versenkt seinen Blick gleichsam aus himmlischer Perspektive auf das Schauspiel menschlichen Zweifelns. Auch am Ende seines neuen Katastrophenfilms steht das Angebot, unverzagt auf die heilende Kraft der Liebe zu setzen.

Dieser affirmativ- visionäre Zug ließ Shyamalan bislang als Autorenfilmer reüssieren, dessen persönliche Obsessionen in zumeist glücklicher Eintracht zu den Bedürfnissen des Mainstreams stehen. "The Happening" kokettiert mit der Anmutung eines B-Pictures, obwohl sich der Regisseur dafür doch etwas zu schade ist. Diese Unentschiedenheit mündet in einem erzählerischen Dilemma.

Einerseits besäße er gern die Nonchalance eines Alfred Hitchcock, der die Ursachen der Bedrohung in "Die Vögel" unerklärt ließ, andererseits will er eine Botschaft der Verantwortung für Ökologie und Schöpfung übermitteln. Rasch wartet der Film mit der Erklärung auf, es seien die Pflanzen, die sich nun für die Aggressivität der Menschheit rächen wollten.

Dabei belegt "The Happening", dass Shyamalan den Stil des japanischen Geisterfilms weitaus gescheiter in Hollywood heimisch gemacht hat, als die Regisseure der Remakes von "The Ring" und "Dark Water". Er vertraut auf einen atmosphärischen Schrecken, der selten nur auf cheap thrills zurückgreifen muss.

Das Grauen entsteht aus dem Alltäglichen. Mehr noch als seine erklärten Vorbilder Hitchcock und Spielberg hat Kiyoshi Kurosawa für dieses Untergangsszenario Pate gestanden, in dessen Filmen "Cure" und "Kairo" der Konflikt zwischen einer hochtechnisierten Gesellschaft und der Natur als Wiederkehr des Verdrängten ausgetragen wird.

Shyamalans mutig entschleunigter Erzählrhythmus, seine Vorliebe für lange, umsichtig auf eine trügerische Transparenz komponierte Einstellungen, haben dem japanischer Meister viel zu verdanken. Es ist eine riskante Suspense-Dramaturgie, die Bedrohung nahezu abstrakt bleiben zu lassen.

Denn der Selbstmord ist ein tendenziell unamerikanischer Impuls. Wie man aus Nachrichtenbildern von Massakern weiß, sei es an fernen Kriegsschauplätzen oder an heimischen Schulen, ist man dort eher gewohnt, die Aggressionen nach außen zu richten.

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