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Der litauische Dokumentarfilmer Mindaugas Survila ist mit seinem meditativen Meisterwerk "Der Sagenwald" vertreten.

Filmfestival Go East

Filmische Suche nach der Identität

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Wie sie wurden, was sie sind: Im Wettbewerb des Filmfestivals Go East geht es um Geschichte im privaten wie öffentlichen Leben.

Die Vergangenheit, sie vergeht nicht. Sie dringt in die Gegenwart ein, zwingt dazu, sich Ursachen und Entwicklungen zu stellen. Wie stark das Gestern ins Heute wirkt, davon erzählen viele Filme im Wettbewerb von Go East, dem Festival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden.

Der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski etwa lässt seine Protagonisten, einen Medizinstudenten und seine Mutter, nach einer Bleibe suchen, denn sie haben ihre Wohnung räumen müssen.

So irren sie mit einem Hund als Anhängsel durch die blaugraue Warschauer Novemberkälte. Unaufdringlich schildert Jakimowski die Schattenseiten des zur Schau getragenen Selbstbewusstseins der reaktionären polnischen Elite – die auf Beifall von Rechtsaußen zählen kann: Mit zum Teil dokumentarischen Aufnahmen vom November 2016 zeigt der Regisseur marodierende Rechtsextreme, die „Großes Polen! Katholisches Polen!“ brüllen und vor Gewalt nicht zurückschrecken. „Es war einmal im November“ heißt der Film, aber Märchen erzählt er keineswegs. 

Virtuose Filmkunst aus Russland  

Das tut explizit der Russe Rustam Khamdamov mit seinem Film „Der unerschöpfliche Beutel“. Das Utensil ist ein Bild für die Fülle von alten Geschichten, die eine Hofdame einem Großfürsten erzählt. Doch geht es Khamdamov vor allem um eine Demonstration der Filmkunst. Denn das Drama um einen getöteten Prinzen, seine Braut und einen Räuber spielt sich in flirrenden Schwarz-Weiß-Bildern im Laubwald ab – ein grandioser Umgang mit jenem dem Kino eigenen Kosmos aus Licht und Schatten.

So entrückt das Werk scheinen mag, einen Kommentar zur Gegenwart hat es zu bieten: „Ohne Märchen – wie könnten wir uns vor dem Leben schützen“, fragt die Vorleserin, um fortzufahren: „Moskau ist so weit weg...“

Ganz nah ist Moskau in Maxim Pozdorovkins Kompilation „Unser neuer Präsident“. In einer wahren Fleißarbeit hat er Filmschnipsel von You Tube, Found Footage und Ausschnitte aus russischen Fernsehsendungen zusammengetragen und demonstriert so die mediale Gehirnwäsche, die die staatlich gelenkten russischen Medien ihrer Bevölkerung angedeihen lassen.

Zunächst geht es darum, Hillary Clinton als das Böse schlechthin darzustellen, jeder Husten wird als Beweis einer Krankheit gedeutet. Dann wird Donald Trump gefeiert, bis hin zur Behauptung, er habe russische Vorfahren. Denn mit dem Filmtitel ist der Amerikaner gemeint. Gesteuert wird das von einem Mann namens Dmitry Kiselyov, ein wahrer Mephistopheles der Propaganda. Es wird deutlich, dass Putin Clinton verhindern wollte, auch weil er Trump für einen manipulierbaren Trottel hielt.

Im „unerschöpflichen Beutel“ sagt die Hofdame irgendwann, Fotografen seien „die Agenten des Todes, aber sie wissen es nicht“. Selten ist dieser Satz wohl so bestätigt worden wie durch Radu Judes Dokumentarfilm „Die tote Nation“. Denn diese erschütternde Arbeit besteht ausschließlich aus Aufnahmen des Fotografen Costica Acsinte. Dazu liest der Regisseur Tagebuchtexte des jüdischen Arztes Emil Dorian aus den Jahren 1937 bis nach Kriegsende.

Da ist in Liedern und Texten viel von Blut und Opfern die Rede, Bilder von Soldaten und immer wieder von toten Kindern – ein filmisches Mausoleum, das die Passion eines Volkes sichtbar werden lässt: Vom Antisemitismus Ende der dreißiger Jahre über die Kriegsgräuel bis zur Übernahme der Regierungsgewalt durch die Kommunisten – und die Feier des nächsten Diktators: Stalin. Dorian skizziert die Entstehung des heutigen Rumänien aus Gewalt, Judenhass und Opportunismus.

Verbrechen gegen die Menschlichkeit macht auch Hanna Slak zum Thema, mit einem Spielfilm, dessen Handlung in der jüngeren Vergangenheit spielt. „Unter Tage“ muss Bergmann Alija Ba?ic eine grauenhafte Entdeckung machen. In einem Stollen finden sich menschliche Überreste aus dem Weltkrieg. Gegen den Willen nicht nur seines Chefs will er sie bestatten, hat er doch als Bosnier das Schicksal seiner in Srebrenica ermordeten Landsleute gewärtig, über die sein kleiner Sohn gerade in der Schule aufgeklärt wird. Die Regisseurin verknüpft in ihrem unprätentiösen, auf leise Töne setzenden Film die private Auseinandersetzung mit dem eigenen Trauma mit der öffentlichen Verdrängung.

Ähnlich ergeht es der Ungarin Olga, Anwältin in Wien, die ihre Großmutter nach einem Schlaganfall betreuen muss. Als sie dessen Auslöser ergründet, gerät ihr eigenes Fundament ins Wanken, denn sie ist nicht, wofür sie sich hält. Márta Mészáros, große alte Dame des ungarischen Films, entwickelt in „Aurora Borealis“ mit souveräner Handschrift in Pastellfarben eine zum Ende etwas melodramatisch geratene Frauengeschichte, die ihre realen Wurzeln in der Zeit der sowjetischen Besetzung Österreichs hat.

Ein streitbarer Dialog zwischen Oma und Enkelin

Die fast zwei Generationen jüngere Serbin Mila Turajlic setzt ihrer Großmutter dokumentarisch mit „Die andere Seite von allem“ ein Denkmal, denn Srbijanka Turajlic spielte eine bedeutende Rolle im Widerstand gegen Slobodan Milosevic. Im streitbaren Dialog zwischen Oma und Enkelin entfaltet sich ein Panorama der jüngeren serbischen Historie, das spannend zu verfolgen und informativ zugleich ist.

Völlig aus dem Rahmen fällt ein meditatives Meisterwerk, das sich nur scheinbar als Weltflucht geriert: Mindaugas Survila, studierter Biologe, frönt in „Der Sagenwald“ der reinen Natur, indem er die Tierwelt in Litauens urtümlichen Wäldern ablichtet. Anrührend zu sehen etwa, wie sich ein Dachs versonnen den Bauch krault. Mit überwältigend schönen Bildern, lässt sich dieser Film auch als zeitgemäßer Kommentar zum zerstörerischen Umgang mit der Natur lesen.

Go East ist unter neuer Leitung: Heleen Gerritsen ist nun verantwortlich, und sie hat im ersten Jahr ein Wettbewerbsprogramm zusammengestellt, das sich nicht nur durch seine Mischung auszeichnet, sondern auch durch das große Thema: Wie sie wurden, was sie sind. Und es muss in diesen Zeiten erwähnt werden: Der „Frauenanteil“ bei Go East beträgt nach Angaben der Veranstalterinnen 50 Prozent...

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