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Der Regisseur Roman Polanski musste sich wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen vor Gericht verantworten. Einer Bestrafung entzog er sich durch Flucht. 

Filmfestspiele Venedig

Filmfestspiele von Venedig ignorieren die #MeToo-Bewegung

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Die Filmfestspiele von Venedig haben kein Problem damit, einen Film von Roman Polanski ins Programm zu nehmen. Die Kritik der #MeToo-Bewegung spielt keine Rolle.

Vollkommen taub“ seien die Filmfestspiele von Venedig, wütete die Aktivistin und Festivalmacherin Melissa Silverstein just im Branchenblatt „Hollywood Reporter“. In Zeiten, wo die antisexistischen Bewegungen #MeToo und Time’s Up die Filmwelt kräftig durchschütteln, könne man „nicht mehr so tun, als würde es keine großen Reaktionen hervorrufen, wenn man Leute wie Roman Polanski und Nate Parker in seinem Aufgebot hat“.

Kann man aber offensichtlich schon. Alberto Barbera, seit 2012 Direktor der „Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica della Biennale di Venezia“, der „Internationalen Ausstellung der Filmkunst bei der Biennale in Venedig“, quittiert die Kritik von Silverstein und anderen mit einem Schulterzucken. Bei der Programmpressekonferenz auf Polanski angesprochen, verwies er auf den frühbarocken Meister Carravaggio; der sei schließlich sogar ein Mörder gewesen, was seine Bilder kein bisschen schlechter mache.

Filmfestspiele in Venedig: Keine Distanz zu Polanski und Parker 

Polanski und Parker sind nun keine Mörder, aber beide standen – Polanski 1978, Parker 1999 – in den USA vor Gericht wegen Vergewaltigung. Parker, der 2016 mit seinem Sklavendrama „Birth of a Nation“ als Regisseur bekannt geworden war, erhielt einen Freispruch, Polanski floh, nachdem er sich schuldig bekannt hatte.

So verständlich das Unbehagen ist, wann immer Polanski heute noch öffentlich geehrt wird – aus der Oscar-Akademie wurde er 2018 ausgeschlossen –, bei Parker müsste es angesichts seines Freispruchs doch etwas anders aussehen. 

Aber im dominierenden US-amerikanischen Filmmarkt gilt der vormalige Shooting Star des afro-amerikanischen Kinos als nicht mehr „bankable“; die großen Studios scheuen jede Verbindung zu ihm. In ein Projekt von ihm zu investieren, könnte in einer Katastrophe an den Kinokassen enden. Seinen neuen Film „American Skin“, in dem er rassistische Polizeigewalt zum Thema macht, finanzierte Parker schließlich mit Hilfe des tunesischen Produzenten Tarak Ben Ammar.

Wie viele Türen können einer Frau verschlossen bleiben? Meryl Streep in „The Laundromat“ von Steven Soderbergh.

Filmfestspiele in Venedig: Nur zwei Frauen vertreten 

Nun könnte Venedig mit der doch sehr offensichtlichen Differenz zwischen grundsätzlicher gesellschaftlicher Auseinandersetzung mit Filmschaffenden und der Diskussion der Inhalte ihrer Werke offensiv umgehen. Aber lieber verweist Barbera darauf, dass man stolz sei, eine der bedeutendsten Filmemacherinnen der Welt, die Argentinierin Lucrecia Martel („Die Frau ohne Kopf“, 2008), für die Juryleitung gewonnen zu haben. Andererseits sind im Wettbewerb wieder mal nur zwei von 21 Filmschaffenden Frauen: Haifaa al-Mansour aus Saudi-Arabien widmet „The Perfect Candidate“, den lange erwarteten Nachfolger ihres Debüts „Wadjda“, einer politisch engagierten Ärztin. Und aus Australien wurde die Nachwuchsregisseurin Shannon Murphy mit ihrer Komödie „Babyteeth“ eingeladen.

Werden also die erwartbaren Proteste schon heute losgehen, bei der Eröffnung der 76. Internationalen Filmfestspiele von Venedig? Dem Japaner Hirokazu Koreeda möchte man jedenfalls keinen verpatzten Premierenabend wünschen. Nach seinem Gewinn in Cannes 2018 mit „Shoplifters“ hat der 57-Jährige seinen ersten ausländischen Film fertiggestellt und ihn mit der Top-Riege französischer Schauspielerinnen besetzen können: Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ludivine Sagnier. Thema: Eine alternde Diva veröffentlicht ihre Memoiren und kriegt sich mit der zur Veröffentlichung angereisten Tochter in die Haare – wenn das nicht der Eröffnungsfilm ist, nachdem sich alle großen Festivals die Finger lecken.

Catherine Deneuve (l.) und Juliette Binoche in einer Szene des Eröffnungsfilms „La Vérité“ des Japaners Hirokazu Koreeda.

Filmfestspiele in Venedig: Lido als Vorhof der Oscars?

Venedig hat noch mehr zu bieten. Seit seinem Amtsantritt hat Alberto Barbera alles daran gesetzt, aus dem Festival am Lido den Vorhof der Oscars zu machen. Stars danken es ihm durch zahlreiche Auftritte.

Adam Driver und Scarlett Johansson kämpfen sich durch Noah Baumbachs vertrackte Scheidungskomödie „Marriage Story“. Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Liv Tyler und Donald Sutherland bevölkern James Grays metaphysisches Weltraumabenteuer „Ad Astra“. Joaquin Phoenix und Robert De Niro huldigen in Todd Phillips „Joker“ dem interessantesten Charakter der Batman-Comics. Und sollte unter diesen kein würdiger Oscar-Kandidat dabei sein sollte, bleibt noch Meryl Streep in Steven Soderberghs Netflix-Film „The Laundromat“. Das beste an diesem Politthriller über die Panama-Papers mit Gary Oldman, Antonio Banderas und Sharon Stone: Man muss ihn gar nicht in Venedig sehen. Nicht mal im Kino. Die Netflix-Premiere steht so sicher in den Startlöchern wie die nächste Diskussion darüber, wie die Streaming-Dienste der Filmwirtschaft schaden.

Wenn es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt, dann findet man ihn ebenfalls am Lido; jedenfalls war es bislang immer so: In Dutzenden bedeutender Filme, für die sich Internetplatzhirsche nie interessieren würden.

Filmfestspiele in Venedig: Die Filmkunst kommt viel zu kurz 

Aber auch die internationale Fachpresse – darunter der „Hollywood Reporter“ – scheinen angesichts der gesellschaftspolitischen Debatten die Filmkunst nicht ernsthaft im Blick zu haben. Man muss nur die Artikel lesen, die seit Wochen in der angelsächsischen Presse darüber erscheinen, ob es noch „okay“ sei, Quentin Tarantino anzuschauen; Einige Kritiker finden die weiblichen Figuren in seinem neuen Film unterrepräsentiert. Weder die Inhalte, noch die Form oder die gegenwärtigen Produktionsbedingungen werden thematisiert. Niemand, der beispielsweise den Ausschluss Polanskis von Venedig forderte, erwähnte, worum es in seinem Festivalbeitrag geht.

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In „J’accuse“ (die weltberühmte Schlagzeile von Emile Zola) erzählt der 85-jährige Polanski von der Affäre um den jüdischen französischen Offizier Alfred Dreyfus 1894, der vom antisemitischen Armee-Establishment fälschlicherweise der Spionage für Deutschland beschuldigt wurde. Polanski, der in Italien mit der Auslieferung an die USA rechnen muss, wird in Venedig via Skype aus seinem Exil in Frankreich zugeschaltet.

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