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„Bester Film“: Todd Phillips (l.) und sein Joker Joaquin Phoenix.

Filmfest Venedig

Filmfestspiele Venedig: wenig Innovation, kaum Politik, viel Kommerz

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Bei Filmfestival von Venedig geht der Goldene Löwe an einen Oscar-Favoriten – und wirft Fragen auf zur Positionierung des Festivals zwischen Kunst und Geschäft.

In Italien liebt man festliche Reden, nur die Löwen der Filmfestspiele werden ohne viele Worte überreicht. Jurybegründungen gibt es nicht, das verbindet sie mit den Oscars, als deren erste Vorboten sie inzwischen gelten, zumindest was die amerikanischen Gewinner betrifft: 2017 triumphierte hier „The Shape of Water“, 2018 „Roma“ und nun also „Joker“, ein derart starker und emotional dichter Genrefilm, wie er auch Hollywood nicht jedes Jahr gelingt.

Es ist unmöglich, während der zwei Stunden Laufzeit nicht gefesselt zu sein von Joaquin Phoenix’ tragischem Titelhelden, einem armseligen Clown, bei dem sich aufgestautes Leid schließlich in orgiastischer Aggression entlädt. Zwei Filme Martin Scorseses bestimmen Stil, Inhalt und Konzeption, „Taxi Driver“ und „King of Comedy“; Nebendarsteller Robert De Niro adelt die retrospektive Unternehmung mit seiner Mitwirkung. 

Filmfestival Venedig: merkwürdige Preisvergaben  

Aber kommt genug Originalität dazu für einen solchen Preis? Oder überhaupt für die Aufnahme in einen Wettbewerb für Filmkunst? Regisseur Todd Phillips (52) ist vor allem bekannt für seine drei „Hangover“-Filme, dies ist sein erster Spielfilm, der keine Komödie ist. Sicher hätte er sich selbst nicht träumen lassen, einmal mit dem ältesten der renommierten Festivalpreise auf einer Bühne zu stehen; überreicht von Jury-Präsidentin Lucrecia Martel, die für ihre viel bedeutenderen Filme nie etwas Vergleichbares gewonnen hat. 

Einen Preis verdient hätte fraglos Hauptdarsteller Phoenix, der das Nachsehen hatte gegen den Italiener Luca Marinelli, ausgezeichnet für die weit weniger fordernde Rolle in „Martin Eden“. Dass Phoenix trotzdem die Größe hatte, mit Phillips zurück zum Festival zu reisen, sorgte für tumultartige Szenen nach der Preisvergabe: Die Fotografen wollten einfach lieber ihn mit dem Löwen ablichten.

„Bester Schauspieler“: Luca Marinelli.

Viel Marketing, wenig Innovationen 

Bewunderung verdient fraglos Hollywoods Marketing-Strategie. Seit Tim Burtons erstem „Batman“ und noch mehr seit „Batmans Rückkehr“ stand diese eine Comicfigur immer wieder für eine andere Auffassung des Blockbuster-Prinzips. Das Warner-Brothers-Studio versteht sich ein wenig wie die Bayreuther Festspiele, bei denen auch einmal ein Christoph Schlingensief den „Parsifal“ aufmischen durfte. Nichts dagegen, wenn Venedig als Gralshüter der Filmkunst auch die Streaming-Platzhirsche Netflix und Amazon hofiert – solange die Qualität stimmt. Doch es ist eine heikle Balance, die natürlich auch bei der Kunstbiennale eine Rolle spielt, wo unbekannte Künstler ohne Marktpräsenz kaum noch eine Chance haben. In diesem Jahr jedenfalls waren beim Filmfestival trotz insgesamt hohen Niveaus künstlerisch radikale Produktionen in der Minderheit.

Auch Roman Polanskis Thriller über die Dreyfus-Affäre, „J’accuse!“, war kaum ein innovativer Film, aber wenigstens kein Retro-Phänomen wie „Joker“. Polanski, nun mit dem Großen Preis der Jury geehrt, schuldet künstlerisch niemandem etwas, er arbeitet eben noch mit 88 auf dem Niveau seiner eigenen Klassiker „Chinatown“ und „Der Pianist“. Seine Ehefrau seit dreißig Jahren, die Schauspielerin Emmanuelle Seigner, vertrat ihn bei der Preisverleihung. Viel war darüber diskutiert worden, ob ein Mann, der Italien meidet, weil er fürchten muss, wegen eines schweren Sexualdelikts verhaftet und in die USA abgeschoben zu werden, überhaupt die Ehre einer Festivalteilnahme verdient. Doch wer mitmachen darf, der muss natürlich auch gewinnen dürfen.

„Großer Preis der Jury“: Emmanuelle Seigner vertritt Polanski.

Filmfestival Venedig: Politik hat einen schweren Stand

Auch der Regisseur des innovativsten Films im Wettbewerb, der Hongkong-Chinese Yonfan, für seinen Animationsfilm „No.7 Cherry Lane“ für das beste Drehbuch geehrt, entfachte noch eine politische Kontroverse. Seine Preisrede nutzte er für ein Plädoyer für die Freiheit Hongkongs – wandte sich dabei aber vor allem gegen die Demonstranten: „Eine Kraft, deren Herkunft wir nicht kennen, stellte im Namen der Menschenrechte Hongkong auf den Kopf. Und jetzt haben wir sogar die Freiheit verloren, auf die Straße zu gehen.“ Aber auch diese Sicht der Dinge muss bei einem internationalen Festival eine Stimme haben dürfen.

Ohnehin hat Politik einen schweren Stand bei diesem Festival. Nur einen dezidiert politischen Film hatte der Wettbewerb zu bieten, „Gloria Mundi“ vom französischen Autorenfilmer Robert Guédiguian. Das Sozialdrama führt in die proletarische Unterschicht von Marseille, wo ein junges Paar nach der Geburt eines Babys ums Überleben kämpft. Dabei erweist sich der Großvater, ein ehemaliger Häftling, als guter Geist. Ein außergewöhnlich ausgefeilter Naturalismus im Spiel kontrastiert wie so oft bei diesem Filmemacher mit einer artifiziellen Form und opernhaften melodramatischen Zuspitzungen.

„Beste Schauspielerin“: Ariane Ascaride.

Mit dem Preis für die Darstellerin der komplexen Mutterrolle, Ariane Ascaride, gelang es der Jury, tatsächlich das Beste an diesem Film zu benennen – anders als bei ihrem Hauptpreis für den „Joker“ in diesem merkwürdigen, aber immer wieder überraschenden Kartenspiel namens Filmfestival Venedig.

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Filmfestspiele Venedig: Die Preise

Goldener Löwe für den besten Film: „Joker“ von Todd Phillips (USA)

Großer Preis der Jury: „J’accuse“ von Roman Polanski (Frankreich, Italien)

Silberner Löwe für die beste Regie: Roy Andersson für „About Endlessness“ (Schweden, Deutschland, Norwegen)

Preis für das beste Drehbuch: Yonfan für „No. 7 Cherry Lane“ (Hongkong)

Preis für den besten Schauspieler: Luca Marinelli für „Martin Eden“ von Pietro Marcello (Italien, Frankreich)

Preis für die beste Schauspielerin: Ariane Ascaride für „Gloria Mundi“ von Robert Guédiguian (Frankreich, Italien)

Spezialpreis der Jury: „La mafia non è più quella di una volta“ von Franco Maresco (Italien)

Marcello-Mastroianni-Preis für den besten Jungdarsteller: Toby Wallace für „Babyteeth“ von Shannon Murphy (Australien)

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