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„Ad Astra“ ist nachdenklich, aber nicht pathetisch: Donald Sutherland, Brad Pitt und Sean Blakemore als Weltraumfahrer.

Filmfestspiele in Venedig

Filmfestspiele in Venedig: Brutalismus auf dem Mars

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Venedig rollt den Teppich aus: Filme aus Saudi-Arabien, den USA, Deutschland und vom japanischen Meister Hirokazu Koreeda.

Italien hat eine neue Regierung, und an keinem Ort auf der Welt könnte dies weniger interessieren als am Lido. Für das Festivalvolk ist bei einem prallvollen Eröffnungsprogramm die frische Koalition gegen den Populisten Matteo Salvini kaum ein Thema. Wer sich für Politik interessiert, fährt wohl lieber auf die Berlinale. Alberto Barbera, seit 2008 Direktor der Filmfestspiele von Venedig, hält die Politik gern auf Distanz zur Kunst. So hält er sich für sein prächtiges, Hollywood-verliebtes Programm den Rücken frei und liefert wenig Anknüpfungspunkte für politische Debatten.

Bild einer Diktatur im Wandel

Die saudi-arabisch-deutsche Koproduktion „The Perfect Candidate“, im Wettbewerb ist ein Pseudo-Politfilm wie er im Buche steht. Nach ihrem Debüt „Wadjida“ ist die Filmemacherin Haifaa Al Mansour nach Saudi-Arabien zurückgekehrt, wo sie damals als erste Regisseurin überhaupt reüssieren konnte. Zwei Hollywood-Filme, die sie in der Zwischenzeit fertigstellte, mögen ihren Stil glatter geschliffen haben, aber das ist nicht das eigentliche Problem des leichtgängigen Alltagsstücks um den Weg einer jungen Ärztin in die Kommunalpolitik.

Nur ganz am Anfang sieht es so aus, als habe die Protagonistin eine ernsthafte Hürde zu überwinden in der männlich bestimmten Gesellschaft: Da gelingt es der erwachsenen Frau nicht, ohne ausdrückliche Erlaubnis ihres Vaters, eines traditionellen Musikers, einen Flug zu einer Ärztekonferenz anzutreten. Binnen weniger Minuten gibt sie ihr Ziel nicht nur klaglos auf, der Film vergisst diesen Handlungsstrang auch für einen zweiten; spontan bietet sich ihr im Büro eines befreundeten Beamten die Gelegenheit, eine Kandidatur für ein Amt in der Stadtverwaltung einzureichen. Ihr einziges Projekt ist das Durchsetzen einer kleinen ausstehenden Straßenbaumaßnahme. Wenn es nichts Wichtiges zu erreichen gibt, so die Botschaft des Films, dann ist es neuerdings sogar saudischen Frauen möglich, politisch dafür einzutreten.

Optimistisches Bild einer Diktatur im Wandel

„The Perfect Candidate“ zeichnet in strahlenden Farben das optimistische Bild einer Diktatur im Wandel. Es ist ein konventioneller Unterhaltungsfilm, der ohne den Ruhm der Regisseurin wenig in einem internationalen Wettbewerb verloren hätte. 

Deneuve in Pelz und in „La verité“.

Die Zensoren im Königreich dürften kaum etwas daran auszusetzen haben: „Ich wollte eine optimistische Sicht auf die Rolle werfen, die Frauen in Saudi-Arabien spielen können, und welchen Beitrag sie dazu leisten können, ihre Ziele zu erreichen“, verortet die Regisseurin den Radius ihrer Ambition.

Höhere Maßstäbe legte das Kritikerpublikum an den Eröffnungsfilm an; immerhin hatte der japanische Cannes-Gewinner vom vergangenen Jahr, Hirokazu Koreeda, einige der größten Stars des französischen Kinos für seinen ersten Auslandsfilm versammelt. Und auch Form und Thema von „La vérité“ sind dezidiert französisch: Mit Anklängen an Truffauts Klassiker „Die amerikanische Nacht“ verbeugt sich der Japaner vor dem Spiel mit Schein und Sein in einer selbstverliebten Filmwelt. Catherine Deneuve spielt eine alternde Diva, die nach fünfzig Jahren in der Branche die Kunst der Manipulation bruchlos in ihr Familienleben übertragen kann. Zur Veröffentlichung ihrer Memoiren ist ihre Tochter (Juliette Binoche) aus den USA angereist – und scheitert jämmerlich bei dem Versuch, die eine oder andere Lebenslüge zu enttarnen. Kein Wunder – wie sich mehr und mehr erweist, hat die Drehbuchautorin der Mutter selbst manche schöne Lüge soufflieren können.

Spiel mit Schein und Sein

Wenn es Koreedas Absicht war, den Stil einer französischen Boulevardkomödie zu treffen, ist es ihm besser gelungen, als es vielen Fans seiner tragikomischen Meisterwerke lieb war. Catherine Deneuve hat seit Jahren nicht mehr derart ihre Register ziehen können, entsprechend blass wirken alle um sie herum – Ethan Hawke verkümmert als Schwiegersohn förmlich zu einem Teil der Requisite. Gleichwohl entdeckt man bei genauem Hinsehen durchaus den doppelten Boden, der Koreedas vorangegangenen Film „Shoplifters“ erst zu einem so vertrackten Spiel mit den Erwartungen machte. Gedreht auf 35mm und vom Regisseur persönlich geschnitten, besitzt „La vérité“ eine altmodische Handwerklichkeit, die sich wie eine eigene Wahrheit vor die Lügengeschichte stellt. Mitunter fühlt man sich an den sperrigen Charme von Alain Resnais und seine Alan-Ayckburn-Verfilmungen erinnert.

Noch faszinierender ist das Spiel mit Schein und Sein in einem Genre, wo schon ein gut ausgewählter Plastikhelm einen Schauspieler zum Helden machen kann. Venedig hat 2005, als es mit „Gravity“ eröffnete, wesentlich zum Comeback der Weltraumoper beigetragen, nun schwebt Brad Pitt in James Grays „Ad Astra“ förmlich über den roten Teppich. Seit den Tagen von Tarkowskijs „Solaris“ war nicht mehr so wenig Aufwand nötig, um ein Drama derartiger Dimensionen zu entfalten.

Überstrapazierte Genrekonventionen

Bis zum Jupiter reist der Sohn eines legendären Astronauten seinem verschollenen Vater hinterher, den die Nasa in Verdacht hat, hinter einem Unglück galaktischen Ausmaßes zu stecken. Nur Hollywood-Nostalgiker würden erwarten, dass sich neben der Menschheit auch noch eine gewaltig verkorkste Vater-Sohn-Beziehung bei der Gelegenheit retten ließe. 

Doch man besetzt Tommy Lee Jones auch nicht für den Typ älterer Recken, die viel Zeit damit verbringen, über Familiensorgen zu reden. Glücklicherweise hat James Gray Tarkowskij besser studiert als Steven Soderbergh, als er „Solaris“ neu verfilmte. „Ad Astra“ ist nachdenklich, aber nicht pathetisch – und entwickelt einen unverhofften Realismus in seiner wunderbaren Visualisierung der Infrastruktur des zukünftigen Personen-Raum-Verkehrs. Als Spielorte reichen ihm dabei mitunter ein altmodisches Tonstudio oder eine brutalistische Tiefgarage in der Rolle einer Mars-Haltestelle. Der deutsche Komponist Max Richter beantwortet den visuellen Minimalismus kongenial mit einem musikalischen.

Wie viel dagegen ungelenke Klanggestaltung verderben kann, vermittelt der deutsche Beitrag zu Beginn der Nebensektion Orizzonti. Katrin Gebbe überlässt akustisch nichts dem Zufall, wenn in „Pelikanblut“ Nina Hoss als alleinerziehende Mutter an einem stark verhaltensgestörten Adoptivkind verzweifelt. 

Das indifferente Wummern eines unterdurchschnittlichen Horror-Soundtracks bereitet das Publikum sorgsam auf kommendes Übel vor.

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In ihrem ersten Kinofilm seit „Tore tanzt“ überzeugt Gebbe zunächst mit dem reizvollen Setting eines Reiterhofs, wo die Protagonistin hilft, Polizeipferde auszubilden. Als ihr vierjähriges, in Osteuropa adoptiertes Mädchen starke Aggressionen entwickelt und sich als empfindungslos erweist, könnte das Drama eine ähnliche Richtung nehmen wie der thematisch ähnlich angelegte Berlinalebeitrag „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt. Gebbe entscheidet sich dagegen für eine Wendung ins Parapsychologische – und vertraut dabei zusehends überstrapazierten Genrekonventionen. Mit Gefühlsreaktionen ist es im Kino nicht so viel anders als in der Erziehung – mit bloßen Effekten lassen sie sich schlecht erwecken.

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