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Bong-Joon-Ho und Catherine Deneuve bei der Preisverleihung in Cannes. 

Filmfestspiele Cannes

Kapitalismuskritik als traurige Komödie

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„Parasite“, der koreanische Gewinnerfilm der Goldenen Palme von Cannes, betreibt Kritik der Ökonomie als Genrekino. Zum Abschluss eines überdurchschnittlichen Festivaljahrgangs. 

Zum ersten Mal in 72 Ausgaben des Cannes-Festivals ging die Goldene Palme nach Südkorea. Noch mehr ist ungewöhnlich an der unter Jurypräsident Alejandro González Iñárritu getroffenen Entscheidung: Statt eines typischen Autorenfilms (die Werke der Altmeister Pedro Almodóvar und Terrence Malick galten als Favoriten) fiel die Wahl auf den wohl unterhaltsamsten Film des Festivals; einen ungemein leichtgängigen Genremix aus greller Farce und Horror-Thriller. Doch die Inhalte, die mit den Mitteln des Genrekinos so süffig herunterrutschten, blieben vielen wohl sonst im Halse stecken: Bong Joon-Hos Film „Parasite“ erzählt von einer am Existenzminimum lebenden Familie, der es gelingt, sich Anstellungen in einem Oberschichthaushalt zu erschleichen – und dabei wohl kaschierte Grenzen einreißt.

„Ich glaube, eine Art, die Ungleichheit und Polarisierung in unserer Gesellschaft zu porträtieren, ist eine traurige Komödie“, sagt Bong Joon-Ho. „In der heutigen kapitalistischen Gesellschaft gibt es Rangordnungen und Kasten, die für das Auge unsichtbar sind. Wir verstecken sie und halten sie von uns fern, und blicken in Oberflächlichkeit auf Klassenhierarchien herab, als seien sie ein Relikt aus der Vergangenheit… In der wirklichen Gesellschaft, würden sich die Wege von Menschen wie die unserer vier Arbeitslosen und der Familie Park kaum jemals kreuzen.“ 

Kritisieren kann man allerdings das grell-blutige Fortissimo, das sich der so menschlichen Zeichnung der tragischen Helden am Ende etwas in den Weg stellt. Allerdings gehört die poppige Überzeichnung auch zu den bekannten Stilmerkmalen des Regisseurs, der zuletzt in 2017 in Cannes mit „Okja“, einer Komödie über ein genmanipuliertes Schwein, zu sehen war. Bewundernswert sind nun die Feinheiten im Dialog, die Liebe zum Detail, das visuelle Gespür und das Talent zu unvorhersehbaren Wendungen. „Eine Komödie ohne Clowns und eine Tragödie ohne Schurken“, nennt Bong selbst seinen Film, und das ist ihm gelungen. Während sich also die revolutionären Bewegungen in unseren von sozialer Ungleichheit bestimmten westlichen Gesellschaften erst langsam formieren, finden sie im Kino bereits statt.

Festival präsentiert viele bemerkenswerte Produktionen 

Cannes, dieses so geschichtsbewusste Festival, hatte in diesem überdurchschnittlichen Jahrgang gleich das leise Gegenstück in seiner Retrospektive parat, Vittorio De Sicas 1951 mit dem Grand Prix ausgezeichnetes Meisterwerk „Das Wunder von Mailand“. Nicht nur die makellose neue Restaurierung ließ diesen Film hoch aktuell erscheinen. In diesem Klassiker über die Solidarität unter Bewohnern eines Barackendorfs stößt selbst eine gute Fee an ihre Grenzen, wenn sie für etwas Umverteilung sorgen möchte.

Einem der Nachfahren De Sicas, dem palästinensischen Filmpoeten Elia Suleiman, hatte das Festival seinen letzten Wettbewerbsplatz reserviert. „It must be Heaven“ kommt wie alle seine Filme fast ohne Worte aus. Unterwegs in Nazareth, Paris und New-York inszeniert sich Suleiman selbst als Beobachter eines leicht ins Groteske gekippten Alltags. Eine Spannung, die auf Misstrauen und latenter Gewalt basiert, findet sich überall und fügt sich zu einem Porträt eines allgegenwärtigen, globalen Palästinas.

Auch wenn es nicht der beste seiner Filme ist: Es gab nicht viele derart eigenständige künstlerische Perspektiven in diesem Jahr in Cannes, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Wettbewerbs. Gut, dass die Jury ein besonderes Nachwuchstalent im Wettbewerb nicht übersehen hat, die senegalesisch-stämmige Französin Mati Diop: „Altantique“ ist zugleich aktuelles Flüchtlingsdrama und Geistergeschichte, Gesellschaftskritik und utopische Phantasie.

Wer solche Gegensätze in eine Form bringt, produziert zwangsläufig auch Bruchkanten. Wer sich darauf einließ, wurde belohnt mit einem Filmerlebnis, das noch lange anhielt. Auch der Jury mag es so gegangen sein: Der Erstlingsfilm wurde mit dem zweitwichtigsten Preis, dem Grand Prix, belohnt. 

Auch das populäre Kino übt Gesellschaftskritik 

Politisches Kino – in Cannes zeigte es sich im Gewand des Genrefilms, was der Jury gut gefiel. Beste Regisseure wurden die belgischen Dardenne-Brüder für ihre Auseinandersetzung mit islamistischer Verführung im Jugenddrama „Der junge Ahmed“. Den Jury-Preis teilten sich das Vorstadtdrama „Les Misérables“ des Franzosen Ladj Ly und das brasilianische Actiondrama „Bucurau“, in dem der Regisseur Kleber Mendonça Filho die antidemokratischen Tendenzen der Gegenwart in beklemmender Weise zuspitzt.

Wenn es eine Botschaft aus diesem Festivaljahrgang herauszulesen gab, so lautete sie: Auch das populäre Kino bietet noch immer reichlich Platz für Kunst und Gesellschaftskritik. Die Freiräume für Experimentelles waren dagegen begrenzt – besonders wenn mit Abdellatif Kechiches „Mektoub, my Love: Intermezzo“ reinstes Kunstgewerbe einen der wenigen Plätze besetzte.

Dass sich Cannes weiterhin Netflix verweigert, ist da nur konsequent: Das Programm betonte die Aktualität der klassischen Filmgenres und ihrer in sich abgeschlossenen, kompakten Erzählungen. So war der so oft prophezeite Untergang des Kinos überraschenderweise kaum ein Thema. Auch wenn international die Besucherzahlen schrumpfen.

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