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Mit ambivalenten Gefühlen sieht man „#Unfit“.

Stuttgart / München

Filmfestivals online: Animation und Agitation

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Jetzt online zu erleben: Das Trickfilmfestival Stuttgart und Dok.fest München – mit einer mit Spannung erwarteten Donald-Trump-Doku.

Der Brutalismus, er hat einen Rhythmus. Vielleicht nicht, wenn man selbst in den Plattenbauten lebt, die der Metropole Hongkong ihre vertikale Anmutung geben. Aber wenn man von außen auf die Fassaden blickt, an den parallelen Etagen emporschaut und die Augen rattern lässt, als wär’s ein Daumenkino.

In seinem delirierenden Filmkunstwerk „Serial Parallels“ hat der deutsche Animations- und Avantgardefilmer Max Hattler der Brutalität in Stein, die sich in den Himmel stapelt, Leben eingehaucht. Dazu musste er die fotografierte Wirklichkeit nicht einmal manipulieren, lediglich die nur in Nuancen abweichenden Aufnahmen der Stockwerke als Einzelbilder aneinanderschneiden. Mit den Mitteln des analogen Films hat er ein Stück optisches Techno geschaffen, das kein Weggucken duldet.

Der 9-Minuten-Film gehört zweifellos zum Coolsten, was das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart in seiner Online-Ausgabe zu bieten hat. Die Beschränkungen der Coronakrise wären für ein solches Publikumsfestival eigentlich der Todesstoß gewesen. Doch Ulrich Wegenast gehörte zu den ersten deutschen Festivaldirektoren, die sofort auf online umschalteten. Nun kann man überall in Deutschland das Programm sehen und zahlt für das ganze Festival mit knapp zehn Euro kaum mehr als für eine Kinokarte. Für Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der seine Eröffnungsrede per Video hielt, hat er damit aus der „Not eine Tugend“ gemacht. Aber natürlich setzten digitale Festivals, das, was sie zelebrieren, zugleich aufs Spiel – denn wie lässt sich schon Kino in Abwesenheit feiern?

Nur noch 27 Filme umfasst der internationale Kurzfilmwettbewerb, doch das Niveau ist hoch: Wo außer in der Animation zählt noch wirklich jede Filmsekunde? Der Kanadier Diego Maclean erschafft in den präzisen Graphitzeichnungen von „Pinch“ eine beklemmende Welt. Ein Mensch entdeckt, dass er alles zerstören kann, was er durch zwei seiner Finger betrachten kann. Vielleicht machen Todesnähe und Beklemmung einer Pandemie-Zeit besonders empfänglich für diese apokalyptische Vision – gerade wenn wir sie einsam am Videoschirm erleben.

Wer ehrlich ist unter den Festivalbesuchern, hat wohl schon in den früheren Jahren einen Großteil der Filme online geschaut, und es ist gut, dass dieser Weg nun allen offensteht. Aber gerade das digitale Medium, das der Film inzwischen geworden ist, braucht die Orte physischer Begegnung mehr denn je. So kann man sogar froh sein, dass echte Premieren bei Online-Festivals seltene Ausnahmen bleiben. Welcher Filmemacher arbeitet schon viele Monate, vielleicht Jahre im Verborgenen – ohne wenigstens am Ende des Tunnels auf ein reelles Publikum zu treffen? Wollen wir uns das wirklich wünschen?

Parallel zeigt das Münchner Dokumentarfilmfestival Dok.fest sein Programm im Netz, und das ist schon ein merkwürdiges Gefühl: Wer sich früher entscheiden musste, auf welches der zeitgleich terminierten Festivals er fährt, kann sich nun parallel die Rosinen aus beiden Festivals herauspicken. Hier muss man die Filme zwar einzeln kaufen, mit 4,50 Euro ist es jedoch immer noch günstiger als im echten Kino. Und es gibt tatsächlich Weltpremieren.

Kein Wunder, dass der amerikanische Filmemacher Dan Partland seinen politischen Dokumentarfilm „#Unfit – The Psychology of Donald Trump“ nicht aufheben mag, bis die Kinos wieder öffnen. In Gesprächen mit Psychologen und Psychiatern sowie mit einer Montage Hunderter von Nachrichtenaufnahmen zeichnet er das Psychogramm eines offensichtlichen Psychopathen. Aber sind Ferndiagnosen überhaupt legitim? Partland nimmt sich viel Zeit, genau diesen Punkt zu klären, indem er die Gefährlichkeit gerade dieser ausgeprägten narzisstischen Störung für die Allgemeinheit aufzeigt. Mehrere Experten sehen hier Parallelen zu einem anderen Patienten, der nie auf ihrer Couch lag – Adolf Hitler.

Es ist verständlich, dass Partland seinen Film noch während des Wahlkampfs veröffentlicht – vielleicht wirkt er deshalb etwas grob gestrickt: Zwar belegt er treffend Trumps Rhetorik in der Verbreitung von Fake-News, wenn dieser angebliche Fakten mehrfach wiederholt. Doch auch Partlands Argumentation ist voller Wiederholungen, was beim Zuschauer das gleiche Misstrauen weckt, ob denn eine Sache, die man dreimal sagen muss, dadurch an Wahrheit gewinnt. So interessiert man „#Unfit“ folgen möchte, so schwer macht es einem dieser Film durch seine triviale, von einpeitschender Musik begleitete Form.

Wie gern würde man mit dem Filmemacher direkt darüber diskutieren. Auch hier bemühen sich die neuen Online-Festivals um Abhilfe, ermöglichen Live-Schaltungen zu Regisseuren. Das ist einerseits das Beste, was wir aus den Umständen machen können. Doch es macht uns die Traurigkeit der Isolation zugleich nur noch bewusster.

Internationales Trickfilmfestival Stuttgart: bis 10. Mai. www.itfs.de

Dok.fest München: bis 26. Mai. www.dokfest-muenchen.de

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