Berlinale

Filmfestivals: Früher war mehr Konflikt

  • Harry Nutt
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„Wozu Filmfestivals?“ wurde in der Berliner Akademie der Künste gefragt.

Wenn im kulturellen Kontext die Wozu-Frage gestellt wird, schwingt immer auch ein wenig die Nachfrage mit: „Oder soll man es lassen?“ Im Fall des Gesprächs in der Akademie der Künste war eine positive Antwort natürlich impliziert. Gut eine Woche vor Eröffnung der Berliner Filmfestspiele sollte die Frage „Wozu Filmfestivals?“ die Bedeutung der 70. Berlinale unterstreichen. Und so glich die souverän von Andreas Kilb, Feuilletonredakteur der FAZ, moderierte Runde einem Aufwärmprogramm zum Filmmarathon.

Gastgeberin Jeanine Meerapfel, selbst Filmemacherin und Akademiepräsidentin, hatte die Festivalchefs Eva Sangiorgi (Wien), Karel Och (Karlovy Vary) und Carlo Chatrian, den künstlerischen Leiter der Berlinale, eingeladen. Diese widmeten sich zunächst den unterschiedlichen Entstehungsgeschichten ihrer prominenten Filmschauen.

Als das Festival im tschechischen Karlovy Vary 1946 gegründet wurde, war der Zweite Weltkrieg gerade beendet, und der Kalte Krieg begann. Ein stark ideologisch geprägtes Nachkriegskind ist zweifellos auch die Berlinale, während die Viennale aus dem Aufbruchsgeist von 1968 geboren wurde.

Die Funktion von Filmfestivals hat sich im Verlauf der Jahrzehnte mehrfach verändert. Jeanine Meerapfel wies darauf hin, dass Filme in den 70er Jahren oft über politische Sprengkraft verfügten. Michael Ciminos Antikriegsfilm „Dear Hunter“ etwa sorgte 1979 für einen Berlinale-Eklat, der die sowjetische Delegation wegen des im Film gezeigten Vietnambildes dazu bewog, das Festival zu verlassen. Heute indes werde oft die integrative Kraft von Festivals betont. Denn so sehr das Filmgeschäft den Gesetzen des Marktes unterworfen sein mag, haben Festivals doch immer auch den Charakter von Familientreffen.

Carlo Chatrian war in dieser Anordnung der Neue, der jetzt öfter kommt. Charmant und eloquent im Auftreten, mochte er sich vor seiner ersten Berlinale nicht in die Karten gucken lassen. Er halte nichts davon, mit theoretischer Verve ein großes Bild zu entwerfen. Sein Team habe eine Auswahl von Filmen getroffen, über die, wenn es sein muss, gestritten werden kann. Dabei solle aber auch der pure Genuss nicht zu kurz kommen. Klar, man könne Fehler machen, sagte Chartrian, aber bitte mit Leidenschaft. Es gehe schließlich nicht um Mathematik.

Im Verlauf des Abends ging es dann aber doch wieder um ein quantitatives Überangebot an Filmen und der Unübersichtlichkeit in den Sektionen. Der Filmemacher Edgar Reitz wurde zitiert mit dem Satz: „Festivals und Filme müssen ein Event sein, oder sie werden sterben.“ Vom Tod des Kinos war mehrfach die Rede, obwohl sich doch alle als Anwälte dafür sahen, es am Leben zu erhalten.

Und die Affäre um den früheren Berlinale-Leiter Alfred Bauer? Filmfestivals müssen über ihre Geschichte Bescheid wissen, waren sich alle einig. Aufarbeitung folgt. Das Erstaunen darüber, warum der Fall Bauer erst jetzt thematisiert werde, kam nur kurz auf. Fragen aus dem Publikum gab es dazu keine.

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