1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

Filmfestival Venedig: Hundert Millionen oder ein Taschengeld

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Kothenschulte

Kommentare

Der geflügelte Löwe, Symbol des Filmfestivals Venedig, gegen den Abendhimmel.
Der geflügelte Löwe, Symbol des Filmfestivals Venedig, gegen den Abendhimmel. © AFP

Heute beginnt das Filmfestival Venedig – und bringt Aufwendiges mit minimalistischen Independentfilmen unter einen Hut

Als Steven Spielberg noch davon träumte, ein Regisseur zu werden, verschaffte ihm ein Verwandter eine Fünf-Minuten-Audienz bei John Ford. „Was wissen Sie denn von Kunst?“, fragte ihn der Hollywood-Altmeister mit strengem Blick und ließ sich von ihm die Gemälde in seinem Büro beschreiben. Spielberg, der auf den Westernszenen nur Indianer und Kavalleriesoldaten erkannte, vergaß die harsche Lektion nie, die ihm Ford erteilte: „Erst wenn Sie darauf achten, wo die Horizontlinie in einem Bild verläuft und warum sie vielleicht nicht in der Mitte ist, werden sie einmal so was werden wie ein Filmemacher.“

Ist es ungerecht, beim Festival von Venedig zuerst an jenen Film zu denken, der Direktor Alberto Barbera zum eigenen Bedauern durch die Lappen ging? Spielbergs fiktionalisierte Geschichte der eigenen Jugend, „The Fabelmans“, ist leider nur in Toronto zu sehen, obwohl sich beide Festivals seit längerem viele der Hauptattraktionen teilen. Aber im November, beim Kinostart, wird ohnehin die Welt bewundern können, wie der wohl bekannteste Regisseur seinen Weg zum Kino selbst zum Kino macht. Ein besonderer Besetzungscoup immerhin wurde vor einigen Tagen bekannt: Ausgerechnet Regiekollege David Lynch, der wie kaum ein anderer den Gegenentwurf zum Spielberg’schen Mainstream verkörpert, wird die Rolle des John Ford spielen.

Die 79. Ausgabe des Filmfestivals Venedig eröffnet heute mit einem kaum weniger enthusiastisch erwarteten US-Film. Noah Baumbach, legitimer Nachfahre Woody Allens im Genre der Intellektuellen-Komödie, hat zum ersten Mal einen literarischen Stoff adaptiert. Und es ist nicht irgendein Roman und keineswegs ein besonders lustiger, sondern Don DeLillos „Weißes Rauschen“, der bald nach seinem Erscheinen 1985 in den Rang eines modernen Klassikers aufstieg. Adam Driver spielt die Hauptfigur, einen Hitlerforscher an einer liberalen Uni, und Greta Gerwig seine vierte Ehefrau.

Das aufwendig zu inszenierende Katastrophenszenario eines Chemieunfalls mag Aspiranten abgeschreckt haben, doch Baumbach hat einen mächtigen Konzern im Rücken: Netflix hat mit dem Regisseur, dessen „Marriage Story“ bereits 2019 in Venedig zu Wettbewerbsehren kam, einen Exklusivvertrag abgeschlossen. „Als ich meine Karriere in der Filmbranche begann, träumte ich davon, ein kreatives Zuhause zu finden“, zitiert ihn der Streaming-Dienst. Es ist eine erstaunliche Aussage für einen der prominentesten Vertreter des independent cinema. Sollten ausgerechnet im Millionengeschäft der Streaming-Unterhaltung künstlerische Freiräume entstehen, wie sie sich die großen Filmstudios kaum noch leisten?

Wahrscheinlich ist das nicht, zumal Netflix im vergangenen Quartal zwei Millionen Abonnent:innen verlor. Venedig aber scheint davon überzeugt. Es war das erste der großen A-Festivals, das Netflix trotz des Cannes-Boykotts eine Bühne gab, im letzten Jahr lief unter anderem der spätere Oscar-Preisträger „The Power of the Dog“ im Wettbewerb. Mit gleich vier Produktionen zeigt Netflix jetzt einen Großteil seiner Oscar-Anwärter im Wettbewerb. Neben „White Noise“ sind das Andrew Dominiks Marilyn-Monroe-Biopic „Blonde“, Alejandro González Iñárritus „Bardo“ sowie „Athena“, ein französisches Drama über soziale Unruhen von Romain Gavras, dem Sohn von Costa-Gavras. Damit nicht genug: Auch Nicolas Winding Refns Mehrteiler „Copenhagen Cowboy“ wird in Venedig vorgestellt.

Man versteht, was Netflix davon hat: Zunächst von vielen Kinos boykottiert und noch immer kritisiert für die lieblosen Leinwandauswertungen seiner Produkte gewinnt der Konzern so an Renommée. Doch wer das an bedeutenden Spielfilmpremieren alles andere als reiche Programm in den letzten zwölf Monaten verfolgt hat und sich wenig für Serien interessiert, kann sich auch sagen: Warum nicht einfach den Dienst abbestellen und lieber einmal im Jahr nach Venedig fahren? Und es gibt dort ja mehr zu sehen als Netflix, auch an US-Kino.

Frederic Wiseman, 92, ist eine Legende im Dokumentarfilm. Nun überrascht er mit einem Spielfilm: „A Couple“ basiert auf den Briefen und Tagebüchern von Sophie Tolstoi, der Frau des berühmten Schriftstellers. Nathalie Boutefeu spaziert in dieser Rolle durch einen prunkvollen Garten und entlang des Meeres – und erinnert daran, dass Wirklichkeit und Fiktion im Kino oft dasselbe sind. Im frühen Stummfilm wurde darüber nicht einmal gestritten.

Die Spannbreite des Kinos, das hier gefeiert wird, könnte nicht größer sein: Über „White Noise“ kursiert in der Branchenpresse eine Budgetgröße von 100 Millionen Dollar. Wisemans Miniatur vor Naturkulissen kostet dagegen praktisch nichts.

Und wer zwei Personen vor die richtigen Landschaften stellt, hat vielleicht schon die Basis für ein Liebes-Horror-Drama wie „Bones and All“ gelegt: Luca Guadagninos Roadmovie bringt mit Timothée Chalamet jenen Jungstar zurück, der erst im vergangenen Jahr bei „Dune“ dem Lido einen lange nicht gesehenen Auflauf kreischender Teenager bescherte. Taylor Russell ist seine Partnerin in einem weiteren vielversprechenden Beitrag aus den USA.

Gleich zwei Liebesgeschichten hat Jafar Panahi in seinen neuen Film „No Bears“ verwoben, den er noch vor Antritt einer sechsjährigen Haftstrafe wegen „Propaganda gegen das Regime“ in Teheran ins Ausland schicken konnte. Seit er mit dieser Bedrohung leben musste, hat sein Kino an Freiheit nur gewonnen. Hier spielt er selbst die Rolle eines Regisseurs, der aus einem iranischen Grenzdorf heraus ein Filmteam in der Türkei anleiten möchte. Ein Regieassistent besucht ihn jede Nacht mit dem gedrehten Material und kehrt mit neuen Ideen zurück über die Geschichte eines Paars, das eine Flucht nach Frankreich plant. Zugleich gerät der Filmemacher bei den Dorfbewohnern in Verruf als angeblicher Mitwisser eines verbotenen Liebespaars vor Ort.

Wohl selten hat ein Filmfestival die gewaltigen Proportionen dessen, was Kino ist, so stark abgebildet: Mit Noah Baumbach das Glück des Filmemachers, der nach 30 Jahren im Geschäft erst im Schoß eines Weltkonzerns seine erste Großproduktion realisieren kann. Mit Frederic Wiseman die Freiheit des 92-jährigen Dokumentaristen, der an die Tür zum Spielfilm klopft. Und schließlich die Souveränität des Jafar Panahi, der noch kurz vor seiner Inhaftierung der Diktatur ein Schnippchen schlägt.

Auch interessant

Kommentare