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Schwelgerische Bilder, altbackene Geschichte: „A Herdade“.

Kino

Filmfestspiele Venedig: Überlange Filme haben Konjunktur

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In Venedig: Laurie Andersons Mondfahrt und die Wettbewerbsbeiträge „The Painted Bird“ und „The Domain“.

Man könnte verzweifeln am Erstarken des Populismus in Italien, der auch die Kommunalpolitik in Venedig mitbestimmt. Für viele Populisten ist Kultur bereits ein Schimpfwort, doch die Biennale lässt sich davon nichts anmerken. Die Kunstausstellung in den Arsenale hat sich mit ihren vielen afrikanischen und asiatischen Positionen vom Eurozentrismus weiter verabschiedet als jede vorherige, und im Filmprogramm ist nicht mehr wie in den Vorjahren das italienische Kino überrepräsentiert. Ohne dass dies ein Thema wäre, wurde das Personal um viele Menschen erweitert, die als Geflüchtete ins Land kamen. Und auch wenn Hollywood hier eine größere Rolle spielen darf als in Cannes – mit durchweg höchst vorzeigbaren Produktionen – steht die Kunst sichtbar vor der Wirtschaft.

Auf einer kleinen Insel vor der Insel glänzt gleichwohl die neueste Unterhaltungstechnologie, aber auch im Virtual-Reality-Programm setzt man auf künstlerische Inhalte. Laurie Anderson lädt in ihrer Arbeit „To the Moon“ zu einer etwas anderen Mondfahrt. Zwischen 2003 und 2005 war die Multimediakünstlerin bei der Nasa die erste und letzte Künstlerin „in residence“. Ihre gemeinsam mit Hsien-Chien Huang realisierte, dreidimensionale Virtual-reality-Arbeit führt nicht in die nostalgische Idylle fünfzigjähriger Fernseherinnerungen, sondern auf einen geschundenen Erdtrabanten in unbestimmter Zukunft. Mit Schrecken hatte Anderson damals bei der Nasa von Plänen gehört, den Mond als Atommüll-Endlager zu verwenden, was nicht zuletzt auch das Ende aller romantischen Verklärung der Himmelsschwärmer bedeutet hätte. Nun führt Anderson den schwerelosen Betrachter auf einen Müllplaneten, freilich sanft wie stets in ihrem Werk.

Filmfestspiele Venedig: „The Painted Bird“ wirkt verstörend

Ungleich verstörender freilich ist im Filmwettbewerb eine andere Surrealität mit historischem Bezug: „The Painted Bird“. In 169 schwarzweißen Filmminuten hat der Tscheche Václav Marhoul den gleichnamigen Roman von Jerzy Kosinski verfilmt. Die fiktive Überlebensgeschichte eines jüdischen Jungen nach dem Überfall der Deutschen auf Polen ist untrennbar von ihrer wechselhaften Rezeptionsgeschichte. Bei seinem Erscheinen 1965 zunächst als Autobiografie missverstanden, erlebte das Buch in späteren Jahren eine Neubewertung als surreale „Autofiktion“ auf der Grundlage historischer Verbrechen. Marhoul nimmt die beschriebenen extremen Grausamkeiten, die dem Sechsjährigen entweder angetan werden oder deren Zeuge er wird, als Grundlage für eine unbeirrte illustrative Abarbeitung.

Jede einzelne der in sich abgeschlossenen kurzen Sequenzen führt zur nächsten grausamen Vision. Die übersteigerte Zeichnung einer abergläubischen und sexualisierten Landbevölkerung hat den irritierenden Effekt, dass auch die minuziöse Darstellung sadistischer Kriegsverbrechen, für die es historische Belege gibt, in der Wahrnehmung ins Irreale rückt. Schon nach wenigen Szenen tritt bei der Betrachtung ein Effekt der Abstumpfung ein, der fraglos gewünscht ist.

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Das alles ließe sich als Erfahrung loben, wenn nicht die aufwendige Inszenierung dabei ihr eigenes Kunstgewerbe produzierte. Einerseits bewundert man die echte 35mm-Cinemascope-Fotografie von Vladimír Smutný, die leider nur digital projiziert wurde. Doch die gezirkelten Bilder wirken in ihrer Perfektion pedantisch, die Inszenierung leblos und uneinheitlich.

Udo Kier gibt eine bravouröse Performance als sadistischer Müller, der einem Unschuldigen aus Eifersucht die Augen herausdrückt, Harvey Keitel hat einen ebenso imposanten kurzen Auftritt als scheinheiliger Priester. Andere Schauspieler aber können nicht zu ähnlicher Präsenz auflaufen, sie wirken wie Staffage in den opulenten Szenerien. Der Film wirkt wie eine Graphic novel und über weite Strecken völlig leblos, eine Art Werbefilmästhetik im Dienst des Grauens.

Filmfestspiele Venedig: Klassische Drei-Akt-Strukturen verlieren ihre Wirkung

Überlange Filme haben Konjunktur, auch das mag mit dem Einfluss von Netflix und Co zu tun haben – wer Filme im Heimkino nach Belieben unterbrechen kann, sieht sie in anderen Dimensionen, klassische Drei-Akt-Strukturen verlieren ihre Wirkung. Noah Baumbachs Scheidungsdrama „Marriage Story“ ist ein Beispiel dafür, was seine Qualität nicht schmälert. Für die Preisverleihung am heutigen Samstag bleibt zumindest das meisterliche Drehbuch ein würdiger Kandidat.

164 Minuten dauert das portugiesische Epos „A Herdada (The Domain)“. Spielort ist eines der größten privaten Grundstücke in Europa, eine von einem Patriarchen mit strenger Hand geführte Farm. Wie ein Königreich innerhalb des Staates überdauert es auch die faschistische Diktatur; der Film führt von den 40er Jahren bis in die 90er.

Filmemacher Tiago Guedes weiß, wie man mit einem solchen Setting eine Leinwand füllen kann. Sein Film erinnert an Klassiker wie „Giganten“ von George Stevens oder Terrence Malicks „In der Glut des Südens“, doch das Gefühl für einen Spielort macht noch keinen Film. Die Familiensaga, die hier erzählt wird, könnte mit ihrem muffigen Vater-Sohn-Konflikt und einer nicht weniger altbackenen Inzestgeschichte nicht weniger mit all dem Aufwand anstellen.

Es ist schon verrückt: Da findet „The Painted Bird“ bei allem Bemühen um seine übermächtige Vorlage nur zu einer Abarbeitung. Und der Portugiese hat in seiner schwelgerischen, eleganten Arbeit nichts Lohnendes zu erzählen.

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