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Filmfestival Locarno: Das Glück ist nicht immer ein Spaß

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Von: Daniel Kothenschulte

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Da wächst Eva ein Pferdeschwänzchen: Szene aus „Piaffe“. Foto: Schuldenberg Films
Da wächst Eva ein Pferdeschwänzchen: Szene aus „Piaffe“. Foto: Schuldenberg Films © ©Schuldenberg Films

Das Schweizer Filmfestival von Locarno beschenkte sich zum 75. mit einem seiner schönsten Jahrgänge – auch wenn bei der Preisverleihung starke Filme leer ausgingen.

Wen würden wir uns wohl zum Geburtstag einladen, wenn wir könnten? Matt Dillon, der seit Teenagertagen durchgehend in vielen der besten amerikanischen Filme gespielt hat? Kelly Reichardt und Todd Haynes, verantwortlich für einige der kunstvollsten US-Filme der letzten zwei Jahrzehnte? Costa-Gavras, diesen ungemein liebenswerten Altmeister einer politischen Nouvelle Vague? Oder Laurie Anderson, die visionäre Klang-, Wort- und Filmkünstlerin? Sie alle kamen aus Anlass des 75. Jubiläums zum wichtigsten Festival der Schweiz und bestätigten einmal mehr seinen Rang als eines der bedeutendsten Schaufenster für den künstlerischen Film.

Es war wahrlich ein Fest, dem die vollständige Retrospektive des Werks des deutsch-amerikanischen Ufa- und Hollywoodregisseurs Douglas Sirk als verlässliches Rückgrat diente. Todd Haynes brauchte nur fünf Worte, um es in seiner Einführung zu Sirks Klassiker „Was der Himmel erlaubt“ auf den Punkt zu bringen: „Happiness isn’t always fun“ – „Das Glück ist nicht immer ein Spaß“. Tatsächlich beginnen Sirks Filme oft erst dort, wo andere Filme enden. Im vermeintlichen Glück einer arrivierten Mittelstandsexistenz. Für Fred MacMurray kann in „Es gibt immer ein Morgen“ schon der Besuch einer Jugendfreundin genügen, um Erreichtes und Verlorenes in eine neue Beziehung zu setzen.

Es gibt immer ein Morgen, das gilt natürlich auch für das deutsche Festivalkino, das zuletzt in Cannes durch Abwesenheit glänzte. Im Wettbewerb von Locarno stachen nun zwei deutsche Beiträge heraus – wann konnte man das zuletzt sagen? Ihre Regisseurinnen leben beide in Berlin, drehen auf analogem Filmmaterial – und übertragen in ihren Werken die visuelle Poesie des Avantgardefilms in experimentelle Spielfilmformen. Das einzige, das man gegen Helena Wittmanns schwelgerische und doch stilsichere Reiseerzählung „Human Flowers of Flesh“ vorbringen könnte, ist, wie sichtbar ihr Vorbild, Claire Denis’ „Beau Travail“ („Der Fremdenlegionär“), dabei geblieben ist.

Das Ruder der assoziativ entwickelten Geschichte hält Ida in der Hand, gespielt von der Griechin Angeliki Papoulia. Sie besitzt eine Segelyacht und befindet sich mit ihrer fünfköpfigen, internationalen Crew auf einer selbstdefinierten Mission: Was die wie ein musikalisches Ensemble harmonierende Gruppe antreibt, bleibt undefiniert. Ist es naturwissenschaftlich-archivarisches Interesse (man sammelt und trocknet Pflanzen)? Oder soziologische Neugier (man reist von Marseille über Korsika nach Algerien, um die Geschichte der französischen Fremdenlegion zu studieren)?

Das Auftauchen des Schauspielers Denis Lavant, der schon bei Claire Denis den Fremdenlegionär spielte, führt jedenfalls cineastisch auf den richtigen Kurs. Und so ist dieser Film, dessen weite Kameraeinstellungen dazu einladen, sich selbst ein Bild zu machen, vor allem eines: Eine Metapher für ein Kunstideal, das nicht Konzepte abarbeitet, sondern Freiheit schenkt, im Suchen und im Finden.

Umso mehr gilt das für den zweiten deutschen Beitrag, „Piaffe“, den ersten Spielfilm der aus Tel Aviv stammenden Videokünstlerin Ann Oren. Dass keiner von beiden einen Jurypreis erhielt, sollten die Filmemacherinnen nur als Bestätigung auffassen: Die Avantgarde läuft nun einmal voraus. So verlässt „Piaffe“ das Festival als ein noch immer zu entdeckendes Juwel: Eine betörend-sinnliche Choreografie aus körperlicher und fotografischer Bewegung, aus Tönen und den zarten, lebenden Farben, die Kodaks 16mm-Film noch immer der Gegenwart entlockt.

Schon in ihren Videoarbeiten, die meist auch akustische Kunstwerke sind, sät und erntet Ann Oren auf den brach liegenden Äckern des filmischen Surrealismus. Hier steht eine junge Frau namens Eva im Mittelpunkt, gespielt von der Mexikanerin Simone Bucio, die sich als Geräuschemacherin für einen Pferdefilm versucht. Dabei wächst ihr selbst ein Pferdeschwanz am Steißbein, begleitet von einer neuen sexuellen Empfindsamkeit.

Selten hat man im Kino eine so freie, undefinierte Erotik gesehen. Zugleich ist es einer der schönsten Berlin-Filme, der vernachlässigte Denkmäler wie die Hufeisensiedlung im Ortsteil Britz zum Strahlen bringt. Was für ein Geschenk: Wäre Maya Deren, die große amerikanische Avantgarde-Pionierin, heute noch am Leben, dann machte sie wohl einen Film wie diesen.

Schwer zu verstehen, dass bei der Preisverleihung dann ausgerechnet der zweite, weit konventionellere Wettbewerbsbeitrag über eine sexuelle Erweckung ausgezeichnet wurde: „Rule 34“ der Brasilianerin Júlia Murat erzählt von einer Jurastudentin, die nebenher als Online-Sexarbeiterin arbeitet und dabei BDSM-Praktiken für sich entdeckt. Leider blickt Murat so wenig unter die Oberflächen dieser sexuellen Orientierung wie „Fifty Shades of Grey“. Zugleich fehlt ihr jedes Interesse für die soziale Realität der in Südamerika boomenden Online-Sexarbeit.

Auch die semidokumentarischen Szenen aus dem Jurastudium wirken aufgesetzt, doch das Oberflächlichste sind die Figuren. Selten hat man einen so unsinnlichen Film über Sexualität gesehen. So ist es nun einmal mit Festivals, die nach Extremen suchen: Auf zwei Perlen, die man findet, folgt ein Fehlgriff, doch das ist die Reise nach Locarno mehr als wert.

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