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Mona Fastvolds „A World to Come“.

Kino

Aus der Zeit gefallen

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Das Filmfestival Venedig findet Beiträge, die zu seinem Schwebezustand im Post-Lockdown gut passen – Neues aus Italien, Russland und den USA.

Wer sagt, dass heute keine Kinos mehr gebaut werden? Das Filmfestival am Lido stampft sie alle Jahre wieder aus dem Boden. Über jenem berüchtigten Loch, das vom vor Jahren abgebrochenen Neubau des Festivalzentrums übrig geblieben ist, erhebt sich ein glänzender roter Kubus, und auch der riesige „PalaBiennale“ ist nur ein großes Zirkuszelt. Hinzu kommen diesmal noch zwei prächtige Open-Air-Arenen, die an die goldenen italienischen Kinosommer erinnern. Es sind Monumente auf Zeit für eine in ihrem Überleben bedrohte Kunstform, die doch aus der italienischen Kultur besonders wenig wegzudenken ist.

Zum zweiten Mal schreibt Venedig mit seinem Festival Filmgeschichte. 1932 war es das weltweit erste seiner Art, nun ist es das erste große Festival nach dem Corona-Lockdown. Tatsächlich gelten auf dem Campus mit seiner konsequenten Maskenpflicht strengere Regeln als irgendwo sonst in Italien. Für die professionellen Gäste spielen Geschäfte dabei nur eine untergeordnete Rolle. Der deutsche Filmproduzent Michael Weber, der als Geschäftsführer des Weltvertriebs Match Factory die Wettbewerbe der wichtigsten Festivals beliefert, bestätigt diesen Eindruck: „Wer hier ist, der will vor allem, dass es weitergeht.“ 50 Prozent seines Geschäfts sind durch die Corona-Krise weggefallen, die Absage von Cannes, das mehrere seiner Filme gebucht hatte, war ein schwerer Schlag. „Es wäre unser bestes Cannes gewesen.“ Weltvertriebe sind für Filmfestivals das, was Galerien im Kunstbetrieb sind: Eng arbeiten sie mit den Künstlern zusammen, deren Werke sie verkaufen, vermitteln und auf Festivals platzieren. In der öffentlichen Wahrnehmung (auch der Filmförderung) spielt ihre wichtige Arbeit freilich wenig Beachtung.

Auch Gianfranco Rosis Dokumentarfilm „Notturno“ (zu deutsch etwa: „Nacht werdend“) gehört zum Portfolio von Match Factory, es ist einer der stärksten des Wettbewerbs. Angeregt durch Begegnungen am Rande seines Berlinale-Gewinnerfilms „Seefeuer“ reiste Rosi zu Menschen, die an den Grenzen zu Syrien, Kurdistan und Libanon und zum Irak leben, um sie in ihrem Alltag zu beobachten. Insbesondere den kurdischen und jesidischen Leidtragenden von IS-Terror, Syrienkrieg und türkischer Politik setzt er dabei ein stilles Denkmal – wie etwa den trauernden Müttern, die in der Anfangsszene ein verlassenes Foltergefängnis besuchen.

In einer anderen Szene spielt eine jesidische Mutter Sprachnachrichten ab, die sie von ihrer Tochter erhält, die vom IS gefangen gehalten wird. In einem kurdischen Gefängnis wird versucht, den Hass der einsitzenden IS-Kämpfer in Schach zu halten. Andere Szenen bezeugen dagegen die Kontinuität des Lebens: Ein Mann macht sich im Morgengrauen auf Fischfang in der Sumpflandschaft in der Nähe umkämpfter Ölquellen; ein Straßensänger wird von seiner Freundin eingekleidet, bevor er seinen Ort mit geistlichen Gesängen weckt.

Rosis diskreter Filmstil, sein gleichzeitiges Gespür für menschliche Würde und den piktoralen Eigenwert jeder Kameraeinstellung verbindet ihn mit den großen Fotografen des zwanzigsten Jahrhunderts. Doch seine Sequenzen sind mehr als Bildreportagen, sie entwickeln eine eigene Erzählkraft, die ohne jede verbale Erklärung auskommt. Während noch immer viele Filmemacher mit dem Herausbringen ihrer Werke auf bessere Zeiten hoffen, wollte Rosi nicht mehr warten. Sein Film mag zeitlos sein, doch was er zeigt, ist hoch aktuell.

Gianfranco Rosis „Notturno“.

Auch zwei bemerkenswerte Spielfilme im Wettbewerb bezeugen die Aktualität einer aus dem kommerziellen Film fast ausgestorbenen Ästhetik. In Schwarzweiß und im 4:3-Normalformat erinnert der russische Regieveteran Andrei Kontschalowski in „Dear Comrades!“ an ein staatlich angeordnetes Verbrechen der Chruschtschow-Ära, die Niederschlagung des Aufstands in Nowotscherkassk. Am 1. und 2. Juni 1962 zogen die Arbeiter einer Lokomotivenfabrik in den Ausstand, nachdem die Löhne um 35 Prozent gekürzt und die Lebensmittel im gleichen Umfang verteuert worden waren. Ein Militäreinsatz, den die Regierung lange totzuschweigen versuchte hinterließ zwischen 24 und 26 Toten.

Der 83-jährige Regisseur entlässt das Militär nun weitgehend aus seiner Verantwortung. Im Film sind es Scharfschützen des KGB, die auf die Demonstranten schießen. Wie immer dieses Detail zur restaurativen Stimmung auch in der gegenwärtigen russischen Kulturpolitik zu bewerten ist, interessant ist Kontschalowskis Film durchaus: Seine Hauptfigur ist eine stalinistisch eingestellte örtliche Parteifunktionärin (Julia Vysotskaya), die fürchten muss, ihre Tochter verloren zu haben. Gemeinsam mit einem KGB-Mann macht sie sich unter Lebensgefahr auf die Suche nach verschleppten Leichen, wobei sich Schutzgefühle und eine noch immer verteidigte Ideologie grotesk vermengen. Selbst als beide glauben müssen, die Leiche des Mädchens gefunden zu haben, finden sie noch Trost in einem patriotischen Filmsong aus einem bis heute beliebten Musical der Stalinzeit, Grigori Alexandrows „Frühling“. Wenn es also doch etwas Sperriges gibt an diesem auf eine sehr klassische Weise mitreißenden Historiendrama, dann liegt es ausgerechnet im Porträt einer strammen, unbeirrbaren Stalinistin.

Andrei Kontschalowskis „Dear Comrades!“.

Auch die norwegische, in den USA tätige Regisseurin Mona Fastvold nähert sich in „A World to Come“ einem historischen Stoff mit den Mitteln klassischer Filmästhetik – hier dem meisterlichen Umgang mit 35mm-Film, belichtet von André Chemetoff. Angesiedelt unter einfachen Farmern in der Mitte des 19. Jahrhunderts, erweist sich die Geschichte zweier Paare als verhinderte Liebesgeschichte. Nach dem Tod ihrer kleinen Tochter findet die von Katherine Waterston verkörperte Abigail Trost im Schreiben und schließlich auch in der Bekanntschaft mit der unglücklich verheirateten, entfernten Nachbarin Tallie (Vanessa Kirby).

Ersteres repräsentiert der Film im leider überbordenden Einsatz von erzählerischem „voice-over“; letzteres in einer höchst sensibel entsponnenen lesbischen Romanze. Das beides, das Erzählen im Hintergrund und das mit zartem Atem fotografierte Kammerspiel zusammenfinden, ist immer wieder überraschend. Die Brecht’sche Distanz passt sehr gut zum Thema einer im Amerika des 19. Jahrhunderts kaum vorstellbaren Liebesbeziehung – und wird noch einmal betont durch die wunderbare, minimalistische Filmmusik des jungen Komponisten Daniel Blumberg.

Es ist einer der feinsten Filme hier in einem täglich lohnenden Programm, schwerelos und dennoch alles andere als leichtgewichtig.

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