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Filmfestival Cannes: Himmel und Hölle

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Von: Daniel Kothenschulte

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Auf der Suche nach perfekten Abnehmern: „Broker“ von Kore-eda Hirokazu.
Auf der Suche nach perfekten Abnehmern: „Broker“ von Kore-eda Hirokazu. © Filmfestival Cannes

Der Cannes-Wettbewerb erlebt eine Achterbahnfahrt zwischen Höhen und Tiefen: Beiträge von Valeria Bruni Tedeschi, Claire Denis und Kore-eda Hirokazu.

Im Strandpavillon, mit dem das deutsche Kino auch ohne Wettbewerbsteilnahme für sich wirbt und der Branche eine komfortable Anlaufstelle bietet, herrscht Hochbetrieb wie vor der Pandemie. Der fröhliche Gesprächston jedoch täuscht. „So eine Krise habe ich in meinem Leben noch nicht erlebt“, klagt der Vertreter eines deutschen Verleihs für Art-House-Filme. Auch die besten Stücke locken derzeit nur einen Bruchteil des gewohnten Publikums an. Das passt zu einem Kommentar, den mir ein Leser am Vortag geschickt hat: „Kino, das geht nicht mehr lange. Also so, wie wir es kannten.“

Wie geht das zusammen mit der guten Stimmung einer Kinobetreiberin aus Nordrhein-Westfalen? Sie könne nicht klagen, ihre beide Häuser habe sie renoviert, und finanziell sei alles in Ordnung – den aktuellen Besucherschwund verschmerzt sie. „Ja, viele Kinos haben während der Corona-Schließungen so gut verdient wie nie“, erklärt mir dazu der Verleiher. Manche hätten mehr als eine Million Euro an Corona-Hilfe bekommen.

Doch der Elefant im Raum ist auf dem wichtigsten Filmfestival der Welt nicht mehr zu übersehen: Ein Kinosterben könne drohen wie Anfang der sechziger Jahre. Natürlich wäre es ungerecht, vom Wettbewerb dieses Krisenjahrs Überlebensbeweise von besonderer Qualität zu erwarten. Wer auch immer an diesem Samstag die Goldene Palme in den Händen halten wird – sie oder er hat etwas geschaffen, was in 75 Festivalausgaben dem Publikum zumindest eins gewesen ist: Eine Einladung, aus dem Haus zu gehen für ein paar schöne Stunden. Aber was tun, wenn sie nicht mehr angenommen wird?

Vielleicht gewinnt ja eine der nur vier Regisseurinnen im Wettbewerb: Valeria Bruni Tedeschi hat ihre Erinnerungen als Schauspielschülerin im Théâtre des Amandiers in Nanterre verfilmt. Die von Patrice Chéreau und Pierre Romans geleitete Talentschmiede feiert Tedeschis Ensemblefilm „Les Amandiers“ in leuchtenden Farben: als Sehnsuchtsort und Nadelöhr auf dem Weg vom Himmel durch die Welt zur Hölle. Dass Chéreau (gespielt von Louis Garrel) mit seiner strengen Art gegenüber dem zugänglichen und liebenswürdigen Romans (Micha Lescot) eher für letztere steht, dürfte ihn selbst nicht stören: Tedeschi hat ihm auch so ein Denkmal gesetzt. Es ist ein ebenso mitreißender Appell an die Teenagergeneration, dem künstlerischen Ruf zu folgen, wie es zur Spielzeit in den 80er Jahren Alan Parkers „Fame – der Weg zum Ruhm“ war.

Zentrale Figur ist die von Nadia Tereszkiewicz gespielte Stella, ein Teenager aus bürgerlich-kulturaffinem Haus. Schon im ersten Semester verliebt sie sich bis zum Hals in ihr schillerndes Gegenstück, ein charismatisches Naturtalent aus der Arbeiterklasse mit einem Drogenproblem. Wer wird einer autobiographischen Geschichte ihre romantische Melodramatik zum Vorwurf machen? Wie oft ist es ja das Leben selbst, das uns wie Theater oder Kino vorkommt. Das heißt, so lange sich noch Menschen daran erinnern, was Kino einmal war.

Claire Denis’ Wettbewerbsbeitrag „Stars at Noon“ ist sich seiner immanenten Kinoqualitäten leider allzu sicher. Gut möglich, dass schon der gefeierte US-amerikanische Schriftsteller Daniel Johnson dem Setting seines Romans etwas Filmisches einhauchen wollte. Eine junge amerikanische Journalistin versumpft darin förmlich im revolutionören Nicaragua des Jahres 1984, als Ortega erstmals Präsident wurde. Margaret Qualley verkörpert sie als rätselhafte Schönheit mit einer modelhaften Perfektion, die an frühe Rollen ihrer Mutter Andie MacDowell erinnert. Während sie sich als Gelegenheitsprostituierte in ihrem Hotel durchschlägt, bleiben ihre eigentlichen Ziele ein Geheimnis.

Und als ihre Liebesbeziehung mit einem britischen Geschäftsmann (Joe Alwyn) die Aufmerksamkeit eines CIA-Agenten (Benny Safdie) weckt, findet sie sich inmitten eines wahren Spinnennetzes politisch-wirtschaftlicher Konflikte. Doch auch darüber lässt sie der Film bis zum Ende sorglos hinwegschreiten.

Denis, die einige ihrer besten Filme über kolonialistisches Erbe und soziale Differenzen drehte, haucht dieser dialoglastigen Adaption zu keinem Zeitpunkt Atmosphäre ein – vielleicht auch deshalb, weil sie es, wie sie sagt, geschmacklos fand, während der neuerlichen Präsidentschaft Ortegas in Nicaragua zu drehen. So entstand ihr bis zur Stagnation entschleunigtes Drama in Panama. Ihrer erklärten Absicht, einen Film über die „Furcht und den Terror der Liebe“ zu drehen, nähert sie sich zu keinem Zeitpunkt.

Während sich hier eine der besten Regisseurinnen unserer Zeit in einem seltenen Moment des Scheiterns präsentiert, übertrifft sich der Japaner Kore-eda Hirokazu selbst. Dass auch er im Ausland drehte, in Südkorea, ist kein Hindernis. Seine neue Tragikomödie, „Broker“, hebt sein Lieblingsthema – unorthodoxe Familienkonstellationen – auf eine neue Stufe. Eine junge Frau legt ihr Kind vor der Babyklappe eines Waisenhauses ab, doch als sie es am nächsten Tag zurückholen möchte, weiht man sie in ein korruptes Geschäftsmodell ein. Zwei Mitarbeiter wollen das Kind verkaufen und sie am Erlös beteiligen. Dass den Dreien kein potentielles Käuferpaar gut genug ist, schweißt sie in einem überraschend fürsorglichen Bund zusammen. Gemeinsam mit einem kleinen Jungen reisen sie zu den potentiellen Kunden, während zwei Polizistinnen ihnen auf den Fersen sind.

Schon mit seinem ähnlich angelegten Meisterwerk „Shoplifters“ gewann Kore-eda hier 2019 die Goldene Palme, dieser Film steht ihm in nichts nach. Und ein besseres Mittel gegen Kino-Abstinenz ließe sich auch schwerlich finden.

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