+
Grelle Satire, psychologischer Thriller - und vielleicht ein Geheimfavorit: „Parasite“ von Bong Joon Ho.

Cannes

Genre-Kino mit Kunstanspruch dominiert Wettbewerb in Cannes

  • schließen

Mit der Verleihung der Goldenen Palme endet am 25. Mai das Festival. Eine herbe Enttäuschung liefert Abdellatif Kechiche, ein koreanischer Thriller wird hoch gehandelt.

Neben der großen Treppe hat Cannes auch seine Hintertreppen. Tausende von Filmen und Projekten werden auf dem Marché du film angeboten, der größten Filmmesse der Welt. Und anders als das offizielle Programm, das um 8 Uhr 30 anfängt, aber nach Mitternacht auch einmal zu Ende ist, kommen seine windigsten Akteure nie zur Ruhe. Um zwei Uhr nachts trifft man im billigen indischen Imbiss am Bahnhof das hart arbeitende Fußvolk der Traumfabriken, Leute wie John David Ware, einen nicht mehr ganz jungen Regiedebütanten aus Los Angeles.

Dort ist normal, was in Europa nur ganz wenige versuchen – Filmemachen ohne Förderung. Das allein verdient Respekt. Nach 168 Filmprojekten in diversen Funktionen erzählt er stolz von seinem Erstling, dem Pferdefilm „Unbridled“: Die Teenagertochter eines gewalttätigen Vaters kümmert sich in einer Pferdetherapie um einen misshandelten Hengst namens „Dreamer“. Mit Julia Roberts’ Bruder Eric hat er sogar einen veritablen B-Film-Star verpflichten können. „Aber Sie müssen bedenken, Eric dreht 40 Filme im Jahr.“ Das klingt weniger spannend als sein neuestes Projekt – ein Musical nach dem Stummfilmklassiker „Das Kabinett des Dr. Caligari“. Die Songs, die er mir sogleich vom Handy vorspielt, hat er höchstpersönlich eingesungen. Allerdings klingen sie verdächtig nach „Phantom of the Opera“.

Wenigstens einen Filmemacher gibt es aber auch im Wettbewerb, der seine Filme mit hohem persönlichem Risiko finanziert. 2016 wollte der Franzose Abdellatif Kechiche sogar seine Goldene Palme versteigern, um ein Loch in der Finanzierung seiner Literaturverfilmung „Mektoub – My Love“ zu schließen: Nachdem er eine sechs- statt zweistündige Fassung präsentierte, galt das Werk als unverkäuflich. Inzwischen ist es noch länger geworden; der zweite Teil der wegen seiner erotisierenden Fotografie umstrittenen Coming-of-Age-Trilogie läuft im Wettbewerb.

Tiefpunkt des Festivals: „Mektoub – My Love“.

Zu den drei Stunden des ersten Teils kommen noch etwa drei Stunden und vierzig Minuten hinzu – ohne, dass der Konflikt der Romanvorlage „La Blessure, la vraie“ des Autors François Bégaudeau endlich angerissen würde: Amin, ein etwa zwanzigjähriger Fotograf, muss sich darin zwischen Kunst und Liebe entscheiden, als sich die Frau seines Auftraggebers in ihn verguckt. Wie im ersten Teil spielen rund drei Stunden während einer Nacht in einer Provinzdisko, und etwa die Hälfte davon buchstäblich auf Brüsten und Pos der Protagonistinnen. Dazu gibt es eine Exposition am Strand des Ortes, wo es die gleichen Attraktionen zu bestaunen gibt.

Im Mittelpunkt der skizzenhaften Handlung steht diesmal nicht mehr Amin, sondern eine abenteuerlustige 20-jährige Pariserin. Wer die ersten drei Stunden ausharrt, den belohnt der Regisseur mit dem zweifelhaften Höhepunkt einer ausgedehnten, offensichtlich reell ausgeführten Cunnilingus-Szene. Entwickelte der erste Teil wenigstens noch partiell eine gewisse rauschhafte Visualität und unterhielt mit einem hochkarätigen Dancefloor-Soundtrack, fehlten dafür diesmal offenbar die Mittel. Billige Coverversionen von Abba und Donna Summer sind zu hören, dazu liebloser Dutzendtechno.

Bevor der Wettbewerb an diesem Samstag mit der Verleihung der Palmen enden wird, erlebte er mit diesem Beitrag seinen absoluten Tiefpunkt – wie wohl überhaupt in der Geschichte des Festivals kaum ein früherer Gewinner so weit unter sein Niveau gefallen sein dürfte.

Klassischer Autorenfilm ist eine begehrte Rarität

Das Genre-Kino mit Kunstanspruch dominierte den 72. Wettbewerb in Cannes. Das machte den klassischen Autorenfilm, wie man ihn üblicherweise ausgezeichnet hat, zu einer begehrten Rarität – und die Endauswahl für die von Oscarpreisträger Alejandro González Iñárritu geleitete Jury wohl überschaubar. Als chancenreich gelten besonders Terrence Malicks kompromissloser Kunstfilm über zivilen Widerstand, „A Hidden Life“, und Pedro Almodòvars autobiografisch gefärbter Essay über einen alternden Regisseur, „Dolor y Gloria“. Dazu die kunstvollsten der Genrefilme, Ladj Lys virtuoses Jugend- und Polizeidrama aus einem Pariser Vorort, „Les Misérables“, und ein durchgehend überraschender Thriller aus Korea: „Parasite“ von Bong Joon Ho erinnert während der ersten 90 von insgesamt 132 Minuten Laufzeit an einen der Lieblingsstoffe der koreanischen Filmgeschichte.

Seit dem Klassiker „The Housemaid“ (1960) ist man dort fasziniert von Rachefantasien einer ausgebeuteten Unterschicht an der reichen Klasse. Hier nun gelingt es einer ganzen Familie, sich im Haushalt eines reichen Unternehmers unverzichtbar zu machen: Der Sohn gibt der Tochter Nachhilfe, die sich gleich in ihn verliebt; seine Schwester verschafft sich eine Anstellung als angebliche Kinderpsychologin. Der Vater nimmt den Platz des Chauffeurs ein, die Mutter vertreibt erfolgreich die Haushälterin von ihrem Platz. Kaum merkbar wandelt sich der Film von einer etwas grellen Satire in einen psychologischen Thriller, bis er in einer unvorhersehbaren Wendung sein Gesicht noch einmal ändert.

Gerne entsprechen wir dem Wunsch des Regisseurs, sie an dieser Stelle nicht zu verraten; eine Extraladung gesellschaftskritischen Pulvers kommt darin förmlich zur Explosion. Vielleicht ist die Geschichte moderner Parasiten tatsächlich der Geheimfavorit des Festivals. Jedenfalls kann man in seiner sozialen Aussage auch eine Verwandtschaft zum jüngsten Erfolg des Jurypräsidenten Alejandro González Iñárritu ausmachen, dem Netflix-Drama „Roma“.

Lesen Sie auch:

„The Dead Don’t Die“: Jim Jarmusch lässt in Cannes Zombies gegen Hipster antreten

Cannes: Denkmal für Elton John, Ken Loach verfehlt seine guten Absichten

Quentin Tarantino in Cannes: Es war einmal in Hollywood

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion