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„Filmerbe – digital“ in Frankfurt: Nachtschatten

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Von: Daniel Kothenschulte

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Aus Peter Zadeks „Ich bin ein Elefant, Madame“ (1969). Bild: DFF / Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt am Main
Aus Peter Zadeks „Ich bin ein Elefant, Madame“ (1969). © DFF / Deutsches Filminstitut & Filmmuseum Frankfurt am Main

„Filmerbe – digital“ am Wochenende in Frankfurt: Das Deutsche Filmmuseum präsentiert aktuelle Restaurierungen – ein Fest der Entdeckungen.

Das Kino kämpft nicht erst heute ums Überleben. Schon früh gingen Filme für immer verloren, ein prominentes Beispiel ist der Filmzauberer Georges Méliès, der eigenhändig die meisten seiner Negative verbrannte, weil er, vom Erfolg verlassen, keine Verwendung mehr dafür sah. Vor allem der Medienwandel beschleunigte immer wieder den Verlust: Der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm ließ vielen Produzenten auch ihre größten Erfolge plötzlich wertlos erscheinen. Und nun soll uns ausgerechnet der technisch radikalste Medienwandel, die Umstellung vom analogen zum digitalen Film, als Rettungsengel erscheinen?

Zum dritten Mal feiert das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt sein „Film Preservation Weekend“ unter der Überschrift: „Filmerbe – digital“. Und tatsächlich: Die Auswahl der oft in verblüffender Bild- und Tonqualität digitalisierten Filme füllt gleich eine Reihe filmhistorischer Bildungslücken, von denen wir Cinephile nicht einmal wussten, dass wir sie hatten.

2012 wurden im Berliner Jüdischen Museum elf Nadelton-Schallplatten mit der Stimme des großen Tenors Richard Tauber entdeckt. Mit solchen 40-Zentimeter-Schellackplatten wurden viele der ersten Tonfilme vorgeführt, bevor das Verfahren bald darauf vom praktischeren Lichtton verdrängt wurde. Eine Suche nach den verschollen geglaubten Bildern zum Schellack-Soundtrack, dem musikalischen Sozialdrama „Ich glaub’ nie mehr an eine Frau“, verlief unerwartet: Gleich an vier Orten waren Kopien erhalten, die beste davon in der Cinemateca Portoguesa in Lissabon. Ironischerweise besaßen sie alle Lichtton, die Platten hätte man gar nicht gebraucht, nur wenige Sekunden gingen in die Frankfurter Restaurierung ein. Aber ohne ihren Fund hätte man wohl gar nicht nach den Filmrollen gesucht. Und das wäre wirklich, wirklich ein Verlust gewesen.

Tauber selbst komponierte den Titelsong. Kein Geringerer als Paul Dessau verantwortete die orchestrale Filmmusik. Der Tenor spielt den Freund eines Seemanns, der sich unwissentlich in eine Prostituierte verliebt. Diese Erkenntnis schreckt ihn wenig – wäre sie nicht, wir ahnen es lange vor ihm, zugleich seine Schwester. Regisseur Max Reichmann, wie Tauber jüdischer Herkunft, musste vor den Nazis fliehen. Der enorm frisch klingende Fund bestätigt seinen Ruf als Tonfilmpionier.

Brachialer Slapstick

Von solchem audiovisuellen Zauber konnten Lillian Harvey und Willy Fritsch nur träumen, als sie im Stummfilm „Die keusche Susanne“ (1926) erstmals ein Liebespaar spielten. Richard Eichbergs Film ist eine weitere staunenswerte Entdeckung, und wieder nehmen erzählerische Unvollkommenheiten hier nichts weg vom Reiz. Im Gegenteil: Die verwickelte Beziehungskomödie poltert – wenn man das von einem Stummfilm sagen darf – gnadenlos vor brachialem Slapstick. Ernst Lubitsch wäre entsetzt über das ungelenke Timing. Aber wer sich darauf einlässt, liegt am Ende möglicherweise vor Lachen unter dem Sitz.

Das NS-Kino ist nicht unbedingt bekannt für ästhetischen Innovationsgeist. Eine seltene Ausnahme ist Curt Oertels abendfüllender Dokumentarfilm „Michelangelo – das Leben eines Titanen“ (1940). Allein mit Landschaftsaufnahmen, höchst lebendigen Filmbildern der Skulpturen und am Tricktisch abgefilmten Bilddokumenten vermittelt der mit Matthias Wiemanns Stimme unterlegte Film Leben und Werk. Oertel eröffnete damit dem Essayfilm neue Wege, die Alain Resnais ebenso aufgriff wie Robert Flaherty: Letzterer gewann für seine Neubearbeitung des Oertel-Films 1951 sogar einen Oscar.

Oertel, der nach dem Krieg als Mitbegründer der FSK Ansehen genoss, kann in „Michelangelo“ allerdings auch seine nationalsozialistische Gesinnung nicht verhehlen – unmotiviert ist da plötzlich vom alten Rom und seinem „Sieg über die Juden“ die Rede.

Der Dokumentarfilm steht und fällt mit der Qualität seiner Kameraleute. Das Programm „Frühe Filme aus Frankfurt am Main“ überrascht mit sensationellen Dokumentarfilmen von Paul Wolff. Bekannt vor allem als Pionier der Leica-Kleinbildfotografie, ist er heute als Filmemacher weitgehend vergessen. Lediglich seine Dokumente zum sozialen Wohnungsbau und der „Frankfurter Küche“ gehören zum Standard-Repertoire von Bauhaus- und Modernismus-Ausstellungen. Zu den Entdeckungen zählen hier der Hygiene-Film „In Luft und Licht“ (1925) und die lokale Auftragsproduktion „Städtische Schulspeisung in Frankfurt a. M.“ (1930).

Die mit Bundesmitteln geförderte Digitalisierungsoffensive zum Filmerbe steht oft unter dem Vorwurf einseitiger Auswahl – wiederholte Klassiker-Restaurierungen als „Leuchtturmprojekte“ und eine Förderung kommerziell auswertbarer Projekte ziehen Mittel ab, die woanders nötiger gebraucht würden. Dieses von Filmarchivleiter Thomas Worschech exzellent kuratierte Programm beweist, welche Chancen solche Projekte für die Filmgeschichte bieten, wenn sie Unbekanntes, Vergessenes oder aus anderen Gründen Unsichtbares wieder ans Licht holen. Das gilt nicht nur für die Stummfilm- und frühe Tonfilmzeit, sondern gerade für die vermeintlich geläufigeren Perioden der Filmgeschichte.

Eine Entdeckung aus dem noch immer mit Vorurteilen belegten deutschen Unterhaltungskino der fünfziger Jahre ist Frank Wysbars Pressekrimi „Nasser Asphalt“ (1958). Produzent Wenzel Lüdecke, der Horst Buchholz mit „Die Halbstarken“ zu Starruhm verholfen hatte, engagierte ihn als ehrgeizigen Reporter, der in seinem Berufsstand einen Fälscher entlarvt – eine Art Juan-Moreno-/Claas-Relotius-Geschichte aus der für Fake News nicht weniger anfälligen Zeit des Kalten Krieges.

Moritat aus dem Moor

Die Ära des Neuen Deutschen Kinos ist präsent mit einer wenig bekannten, aber sehr unterhaltsamen Pionierarbeit – Peter Zadeks politisierter Schüler-Geschichte im Pop-Art-Stil, „Ich bin ein Elefant, Madame“ (1969) – und Niklaus Schillings zugegeben etwas schleppend erzählter, norddeutscher Moor-Moritat „Nachtschatten“ (1972).

Das feministische Kino zeigt sich schließlich mit einer wirklichen Wiederentdeckung aus Frankfurt: Eva Heldmann stellt persönlich ihren Essayfilm „Fremd gehen – Gespräche mit meiner Freundin“ (1999) vor, basierend auf Super-8-Aufnahmen der späteren Filmtheorie-Professorin Annette Brauerhoch. Dieser Essayfilm über intime Beziehungen zu afro-amerikanischen Soldaten und die Inbesitznahme vermeintlicher Männerwelten erscheint rückblickend als Bindeglied zwischen zwei Klassikern des feministischen Kinos, Birgit Heins „Baby, I Will Make You Sweat“ (1995) und Claire Denis‘ „Beau Travail“ (1999).

Filmarchive sind Zeitmaschinen. Nichts kann das erhellende Glücksgefühl ersetzen, das ihre künstlerischen Zeitreisen bereiten.

Deutsches Filmmuseum, Frankfurt: 19. – 21. Januar.

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