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Filme von Claire Denis, Nicolette Krebitz, Ursula Meier: Das Alphabet der Liebe

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Von: Daniel Kothenschulte

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Vincent Lindon und Juliette Binoche in Claire Denis’ „Both Sides Of the Blade“.
Vincent Lindon und Juliette Binoche in Claire Denis’ „Both Sides Of the Blade“. © Curiosa Films 2022

Die bislang besten Filme des Berlinale-Wettbewerbs stammen von großen Regisseurinnen: Beiträge von Claire Denis, Nicolette Krebitz und Ursula Meier.

Irgendwie sieht jeder hier ein bisschen aus wie ein Berlinalebär mit seiner FFP2-Maske. Auch auf der Straße zwischen den Festivalkinos müsse man sie tragen, erklärt mir ein Mitarbeiter des Sicherheitsteams, „außer Sie wollen rauchen oder trinken.“ Nichts ist zu spüren vom Freiheitsgefühl der ersten großen Festivals in der Pandemie in Venedig oder Cannes. Spontane Begegnungen mit Kollegen sind selten, und im Kino gibt es keine Platznachbarn. Anders als selbst kleine Festivals hat es die Berlinale nicht mal zu einer praktischen Ticket-App gebracht. Es gibt nur eine Webseite, die zwar feste Plätze ausgibt, aber oft die nötigen QR-Codes vergisst, die das Kinopersonal zur Kontrolle braucht. So denkt das System, man schwänze den Besuch, und beim dritten Mal droht die Sperrung.

Großes Kino steht natürlich über diesen Dingen, es findet einen doch. Und wenn die Brille mal wieder beschlägt über der Maske, kann sich das romantisch anfühlen wie Regen im Autokino.

Wie im vergangenen Jahr stammen die bislang besten Beiträge von Filmemacherinnen. Allen voran Claire Denis, die mit jedem Werk aufs Neue verblüfft. Aus den Basiszutaten des Kinos speist sich ihre Virtuosität, sei es das Licht, die Musik (hier wieder von den Tindersticks) oder diesmal hochemotionale Dialoge, die sie mit der Schriftstellerin Christine Angot geschrieben hat.

„Both Sides Of the Blade“ ist der internationale Titel: Juliette Binoche und Vincent Lindon, zwei der besten Schauspieler Frankreichs, inspirieren Claire Denis zu einer emotionalen Tour de Force als Ehepaar, das auf die dramatischen Anfänge seiner Liaison zurückgeworfen wird: Sie war zuvor mit seinem besten Freund zusammen, nun ist dieser in beider Leben zurückgekehrt, als Geschäftspartner des Mannes und Liebhaber der Frau.

Lindon, der zuletzt dem Cannes-Gewinner „Titane“ zu einer erstaunlichen emotionalen Erdung verhalf, ist wieder in seinem Element. Wenn es um die unterdrückte Gefühlswelt gestandener Männer geht, ist er der Spezialist. Vergeblich kratzt Juliette Binoches Figur immer wieder an seiner Oberfläche. Und dann ist sie es, die lügt, als er der Affäre auf die Schliche kommt, die noch dazu lügt, dass sich die Balken biegen. Wie viele grandiose Dreiecksgeschichten hat das französische Autorenkino hervorgebracht – und doch scheint dieser Film ohne Vorbild, so leichthändig dirigiert Denis alle Triebkräfte ihres Liebesdramas.

Dagegen ist das Drama nur ein flüchtiger Gast im neuen Film von Nicolette Krebitz. „AEIOU – Das schnelle Alphabet der Liebe“ ist so leicht, wie der Titel verspricht. Sophie Rois spielt eine 60-jährige Schauspielerin, die als Sprachcoach einem Schüler das Nuscheln austreiben soll. Aufgefallen ist er ihr indes bereits zuvor – als Taschendieb. Was folgt, ist eine in ihrer Richtung vorhersehbare, in der Ausführung aber doch immer wieder überraschende Romanze. Die Filmgeschichte ist voller Männerfantasien, dagegen setzt Krebitz das Konzept einer Frauenfantasie – schwelgerisch und dennoch immer wieder gebrochen, wenn Sehnsüchte und Rollenbilder direkt zum Thema werden. Immer wieder nennt ihre weibliche Pygmalion-Geschichte die Klischees förmlich beim Namen – und verleiht ihnen in der Entzauberung wiederum einen eigenen Zauber.

Die Dritte im bemerkenswerten Trio des Wettbewerbswochenendes ist die französisch-schweizerische Filmemacherin Ursula Meier. Die titelgebende Markierung in „La Ligne“ trennt eine gewalttätig gewordene Tochter (Stéphanie Blanchoud) vom Haus ihrer Mutter (Valeria Bruni Tedeschi). Auf richterlichen Beschluss gilt eine Hundertmeter-Absperrung, doch die junge Frau wird immer wieder von der mit blauer Farbe auf die Wiese gezogenen Grenze aus Kontakt aufnehmen. Mit einer handfesten Attacke in Superzeitlupe führt der Film fast surreal in einen Musikerhaushalt: Schallplatten fliegen umher, die Angreiferin selbst verletzt sich beim Aufprall auf der Tastatur des Flügels. Bleibenden Schaden aber trägt vor allem die Mutter davon, die ein Teil ihres Gehörs verliert.

Doch dieser ungewöhnliche Blick auf häusliche Gewalt ist nur eine der vielen ungewohnten Perspektiven dieses intensiven Familiendramas. Es ist ein bezwingend dichter Film über ungleiche Liebesfähigkeit und das Ventil, das die Kunst den Talentierten manchmal dafür bieten kann. Erst allmählich wird klar, dass die ungeliebte Tochter zugleich das verkannte Genie der Familie sein muss.

Drei wirklich sehenswerte Filme sind in der Tat ein fairer Ausgleich für einige ungewohnte Hindernisse dieser 72. Berlinale.

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