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Blick auf das offizielle Cannes-Poster.

Filmfestival Cannes

22 Filme von 22 Männern

Eine Geschlechterdebatte umwölkt das Filmfestival Cannes. Nicht ein einziger Film von einer Frau ist im Wettbewerb dabei. Eröffnet wird das Festival mit „Moonlight Kingdom“ von Wes Anderson.

Von Anke Westphal

Eine Geschlechterdebatte umwölkt das Filmfestival Cannes. Nicht ein einziger Film von einer Frau ist im Wettbewerb dabei. Eröffnet wird das Festival mit „Moonlight Kingdom“ von Wes Anderson.

Marilyn Monroe ist schon da. Hoch über dem Festivalpalast von Cannes pustet sie eine Kerze auf der Geburtstagstorte aus und sieht dabei, selbstverständlich, umwerfend aus: Männerfantasie und Beauty-Leitbild vieler Frauen. Das Filmfestival von Cannes begeht dieser Tage seinen 65. Geburtstag; wer wünschte sich nicht einen solchen Gast! Aber es ist natürlich nur ein Bild, das auf die Croisette herabstrahlt: Das Festivalplakat hätte glamouröser nicht ausfallen können.

Und doch fällt ein Schatten auf das Ganze. Das Festival hat noch nicht richtig begonnen und schon einen ersten ernsthaften Protest abzuwehren. Der richtet sich gegen die Programmpolitik von Cannes, wo in den kommenden elf Tagen 22 Wettbewerbsfilme von 22 Männern miteinander um die Goldene Palme konkurrieren werden. Nicht ein einziger Film einer Regisseurin ist darunter. Das hätte sich der Berlinale-Chef Dieter Kosslick, einst Frauenbeauftragter, nie getraut! Und es lässt sich auch in Frankreich, wo Royalismus und Imperialität irgendwie alle Revolutionen überlebt haben nicht rechtfertigen. Am Wochenende protestierten nun namhafte Regisseurinnen gegen die einseitige Einladungspolitik. Der künstlerische Leiter Thierry Frémaux weist die Kritik zurück: Man würde nie einen Film einladen, nur weil er von einer Frau sei. Das verlangt auch niemand. Nur ist es schlicht nicht vorstellbar, dass es in den vergangenen elf Monaten auf der ganzen Welt nicht einen tollen Film einer Regisseurin gegeben haben soll. Was wäre mit „Camille redouble“, der Regiearbeit der Schauspielerin Noémie Lvovsky, welche die Cannes-Nebenreihe „Quinzaine“ abschließen wird? Wahre Gleichberechtigung ist erst erreicht, wenn Frauen genauso mittelmäßige oder gar schlechte Filme drehen dürfen wie Männer, ohne dass ihnen der Zugang zu den A-Wettbewerben der Festivals verwehrt wird!

Erfüllung auch für traumatisierte Menschen

Unter dem Titel „Frauen zeigen in Cannes ihr Gesicht, Männer ihre Filme“ veröffentlichten Coline Serreau („Drei Männer und ein Baby“), Virginie Despentes („Baise-Moi“) und Fanny Cottencon („Dialog mit meinem Gärtner“) ihren Protest in Le Monde. Inzwischen haben ihn im Internet mehr als 550 Männer und Frauen unterzeichnet. „Ganz im Bewusstsein der eigenen herausgehobenen Stellung haben Sie jegliches weibliche Bestreben, in diesen wohlbehüteten Bereich vorzustoßen, unterbunden“, wird Frémaux und dem Festival-Präsidenten Gilles Jacob (81), sarkastisch unterstellt.

Tatsächlich hat in Cannes nur eine Frau je die Goldene Palme gewonnen: die Neuseeländerin Jane Campion mit „Das Piano“ (1993). Das ist lange her. Und auch wenn es uns zuwider ist, sich immer wieder in diese ewig gleichen Geschlechterdebatten zwingen zu lassen – es bleibt doch keine andere Wahl. Das Festival eröffnet am heutigen Mittwoch Abend Wes Andersons neuer Film „Moonrise Kingdom“, der zu schönsten Hoffnungen berechtigt.Schließlich weiß dieser US-amerikanische Regisseur („The Royal Tenenbaums“, „Darjeeling Limited“) so feinfühlig und klug wie kaum ein zweiter das Phänomen dysfunktionaler Familien und verstörter Heranwachsender zu verhandeln, ohne sich der in solchen Fällen naheliegenden Tragödie je zu ergeben. Wes Andersons Filme erzählen, dass auch traumatisierte Menschen ein erfülltes Leben und Beglückung finden können.

In „Moonrise Kingdom“ geht es um einen kleinen Pfadfinder, der auf einer Insel vor der Küste New Englands gemeinsam mit seiner Freundin durchbrennt, was zu einer großangelegten Suchaktion und dramatischen Höhepunkten führt. Die Mitwirkenden Bruce Willis, Bill Murray, Frances McDormand und Edward Norton werden heute Abend über den roten Teppich am Palais des Festival laufen und, wenn sie dann die Treppe zum Olymp des Kinos erklommen haben, den Blick auf eine große Baustelle genießen. Ein etwas banales, aber sich angesichts der Gleichberechtigungsdebatte anbietendes Gleichnis für dieses Festival, das die neuen Arbeiten von Altmeistern wie Michael Haneke, David Cronenberg, Ken Loach und Alain Resnais zeigt und sich dessen rühmt: „Diese beispielhafte Auswahl sendet ein starkes Signal an die Branche und die Weltöffentlichkeit aus.“ Doch nicht nur Regisseurinnen müssen draußen bleiben. Der deutsche Film etwa kann sich in der Heimat noch so frenetisch feiern, er ist im Wettbewerb des weltweit wichtigsten Festivals wieder nicht dabei, sondern nur am Rande: Kurzfilme, Koproduktionen. Fatih Akins Dokumentation „Müll im Garten“ läuft immerhin am Donnerstag als Séance Speciale.

Nanni Moretti leitet die Jury

Niemand weiß, wie lange es Filmfestivals überhaupt noch an bestimmte Orte gebunden geben wird und nicht nur als Datenstrom irgendwo im Cyberspace. Schon jetzt kommt keins mehr ohne offensive politische Parteinahme aus. Cannes lebt hier seine Gegensätze. Am 18. Mai leitet der Hollywoodstar und Politaktivist Sean Penn die Benefizveranstaltung „Haiti: Carnival“, die von Giorgio Armani präsentiert wird und ein Dinner einschließt. Es ist das erste Charity-Event des Festivals seit 1996. Am 25. Mai läuft Bernard-Henri Levys Film über die Rebellion in Libyen „Le Serment de Tobrouk“, als Teil des offiziellen Programms.

Der Jury steht der italienische Regisseur Nanni Moretti vor. Unter seiner Leitung urteilen die palästinensische Schauspielerin und Regisseurin Hiam Abbass, die britische Regisseurin Andrea Arnold, die französische Schauspielerin Emmanuelle Devos, die deutsche Actrice Diane Kruger, der französische Designer Jean Paul Gaultier, der britische Schauspieler Ewan McGregor, der US-Regisseur Alexander Payne und Raoul Peck, Regisseur aus Haiti, über die 22 Filme von 22 Männern.

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