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Film über Ennio Morricone: Meister aller Klassen

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Von: Daniel Kothenschulte

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Komponist, Dirigent und Oscapreisträger: Ennio Morricone in einer Szene des Films.
Komponist, Dirigent und Oscapreisträger: Ennio Morricone in einer Szene des Films. © dpa

Giuseppe Tornatore ergründet in einem enzyklopädischen Filmporträt das Genie des Komponisten Ennio Morricone

Ein Film über Ennio Morricone muss mindestens so lange dauern wie ein Epos von Sergio Leone. Zwei Stunden und 36 Minuten hat Giuseppe Tornatore folgerichtig für sein dokumentarisches Porträt veranschlagt, das ist in etwa so lang wie Leones „Todesmelodie“. Der deutsche Filmverleih wusste schon, warum er seinerzeit diesem Italo-Western und seinem Vorgänger, „Spiel mir das Lied vom Tod“, die Musikalität schon in die Titel schrieb. Erst Morricones Filmmusik bahnte den epischen Bildern den Weg unter die Haut – und strahlte gleich darauf weiter in die Popkultur.

In diesem aus unzähligen Einzelstimmen komponierten Recherchekonzert kommt die Zusammenarbeit mit Leone natürlich nicht zu kurz. Eifersüchtig verhinderte der Regisseur, wie man erfährt, ein Engagement Morricones für Stanley Kubricks Film „A Clockwork Orange“, in dem er gegenüber dem Kollegen dreist behauptete, dieser sei gerade für seinen eigenen Film unabkömmlich. „Dabei waren wir schon fertig! Das ist der einzige Film, um den es mir in meiner Karriere leidtut“, kommentiert Morricone das Versäumnis.

Die Moral vergessen

Im Wetteifern um die beste Morricone-Musik vergaßen Filmemacher schon einmal die Moral. Als Gillo Pontecorvo 1969 im Studio aus dem Nachbar-Schneideraum Morricones orgiastisches Thema zu Liliana Cavianis Film „I Cannibali“ hörte, stahl er nach Feierabend kurzerhand das Tonband vom Tisch, um es seinem eigenen Film „Queimada – Insel des Schreckens“ zu unterlegen. Salomonisch komponierte ihm Morricone dann zwar lieber etwas ähnliches, doch Caviani wirkt noch immer säuerlich, wenn sie sich vor der Kamera an Morricones Selbstplagiat erinnert.

Aber auch im Selbstverständnis Morricones, der mit Tornatore eine Reihe hoch konzentrierter Interviews führte, waren Wiederholungen eigentlich tabu. Tatsächlich besitzt sein mehr als 500 Soundtracks umfassendes Werk, nicht gerechnet die zahllosen Pop-Arrangements und Werke absoluter Musik, eine einzigartige Vielfalt. Einerseits unverkennbar, überraschen Morricone-Soundtracks durch seine gesamte Schaffenszeit.

Wer sich später von ihm – wie Oliver Stone bei „U-Turn“ – etwas Ähnliches zu seinen Italo-Western wünschte, hatte jedenfalls die Rechnung ohne den Komponisten gemacht.

Ebenso wenig hätte er sich wohl auch für ein typisches dokumentarisches Künstlerporträt hergegeben, das sich in Anekdoten und dem Lob von Weggefährten und -gefährtinnen genügt. Zwar hat Tornatore durchaus den Ehrgeiz, eine Fülle prominenter Verehrer wie Bruce Springsteen, Pat Metheny oder Wong Kar-wai zu interviewen. Doch zwischen emphatischen Einleitungs- und Schlusskapiteln stecken zwei intensive Stunden Filmmusikvermittlung auf höchstem Niveau.

Es ist selten genug, dass in Musikerporträts wirklich über Musik geredet wird. Tornatore aber findet den zentralen Konflikt in Morricones Karriere da, wo nur musikologischer Sachverstand wirklich weiterhilft: In seiner Positionierung in der von Verfechtern der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts hochgehaltenen Dialektik zwischen Hoch- und Trivialkultur. Tatsächlich verwehrte der seriöse Musikbetrieb Morricone lange die Anerkennung.

Minderwertigkeitskomplex

Eine zentrale Figur in dieser historischen Debatte ist Morricones Hochschullehrer, der bedeutende italienische Komponist Goffredo Petrassi: Ausgehend vom Neoklassizismus zeigte sich sein Werk offen für die Neuerungen der atonalen Musik und betrieb eine Wiederentdeckung von Madrigalchören. Morricone lernte begeistert und etablierte sich gleich nach dem Studium in der zeitgenössischen Konzertmusik. Dann aber übernahm ein nach damaliger Auffassung profanerer Nebenjob den Großteil seiner Schaffenskraft: Als Arrangeur beeinflusste er maßgeblich den Klang der italienischen Popmusik der 60er Jahre. Eine Rückkehr in die „seriöse“ Musik blieb ihm verwehrt.

Ein ehemaliger Mitstudent vermutet bei dem Komponisten deshalb einen Minderwertigkeitskomplex, der ihn über Jahrzehnte begleitete. Petrassi selbst verachtete Filmmusik als minderwertige Gattung, obgleich er sogar selbst den Klassiker „Bitterer Reis“ vertonte. Wer Morricone bei seinen späteren öffentlichen Auftritten als noblen, aber auch etwas verschlossenen Maestro erlebte, kann hier auch eine überraschend verletzliche Seite kennenlernen.

Und man versteht die spielerische Verwendung experimenteller Klangfarben, die besonders seine Arbeiten für Dario Argento aber schon viele frühe Pop-Arrangements auszeichnet, auch im Wechselspiel zu zeitgenössischen Einflüssen: In Darmstadt hatte er noch in seiner Studentenzeit John Cage bei einem Workshop erlebt – dies inspirierte seine spätere Geräuschmusik, etwa am Anfang von „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Es ist diese grenzenlose Freiheit, die er zeitlebens auch für die Filmmusik erstritt. „Der Regisseur überwacht alles“, sagt er einmal in diesem Film, „aber nicht die Musik. Meiner Meinung nach muss Filmmusik alleine stehen, wenn sie dem Film wirklich dienen soll.“ Immer deutlicher seien ihm dabei im Leben die Konvergenzen zwischen absoluter Musik und Filmmusik geworden.

Immer wieder hatte sich der 2020 verstorbene Künstler in seiner langen Karriere die Frage gestellt, wie viel Avantgarde er dem Publikum zumuten dürfe. Aber gilt das nicht auch für die Beatles? Wahrscheinlich hat sonst niemand mehr große Kunst unbemerkt unter das Volk gebracht. Morricones kompositorische Tricks ebenso leicht vermittelt zu sehen, ist schon ein besonderes Glück.

Ennio Morricone. Der Maestro. Dokumentarfilm, Italien/USA 2021. Regie: Giuseppe Tornatore. 146 Min.

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