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Für den Nimbus des Mediums bleibt es nicht folgenlos, wenn Filme auf DVD verramscht werden.
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Für den Nimbus des Mediums bleibt es nicht folgenlos, wenn Filme auf DVD verramscht werden.

Lars Henrik Gass

Film am Scheideweg

Die Digitalisierung stellt das Medium Film vor einen Paradigmenwechsel: Wie sieht das Kino in zwanzig Jahren aus? Lars Henrik Gass formuliert Thesen für ein Kino „nach dem Kino“.

Von Claus Löser

Die Digitalisierung stellt das Medium Film vor einen Paradigmenwechsel: Wie sieht das Kino in zwanzig Jahren aus? Lars Henrik Gass formuliert Thesen für ein Kino „nach dem Kino“.

Gegenwärtig befindet sich das Kino in einem grundlegenden Umbruch. Niemand weiß, wie sich die Leinwandkultur in zwanzig Jahren ausnehmen wird, nicht einmal Prognosen auf fünf oder zwei Jahre erscheinen seriös. Äußerlich markiert wird dieser Paradigmenwechsel durch die von Wirtschaft und Politik massiv vorangetriebene Digitalisierung. Dass es eben noch einen Bereich der Freizeitkultur gab, der nach technologischen und logistischen Prämissen des beginnenden 20.?Jahrhunderts funktionierte, erscheint plötzlich als unhaltbar.

Dahinter stehen ganz klar ökonomische Begehrlichkeiten: Durch die galoppierende Summierung von Speicherkapazitäten und die immer höhere Auflösung nicht-analogen Trägermaterials ergibt sich erstmals die Gelegenheit, bislang aufwendige Verwertungswege für Filme entschieden abzukürzen und damit sehr viel Geld einzusparen.

Parallel zu den physischen Veränderungen in den Verbreitungs- und Konsumgewohnheiten läuft die Umwertung auf mentaler Ebene. Natürlich bleibt es für den Nimbus des Mediums nicht folgenlos, wenn heute Filme für ein paar Euro auf DVD verramscht werden, wenn sie gestreamt oder auf dem Smartphone angesehen werden können. Was bedeutet es denn nun für die „auratische Qualität“ des Filmerlebnisses, wenn der ursprünglich einzige Ort seiner Wahrnehmung – das Kino – zusehends von anderen Plattformen abgelöst wird?

Kino verliert „wertschöpfende Bedeutung“

Lars Henrik Gass hat dazu eine Reihe von spannenden Ideen entwickelt. Im Zentrum seiner unter dem Buchtitel „Film und Kunst nach dem Kino“ (Philo Fine Arts, Hamburg 2012, 133 S., 10 Euro) veröffentlichten Thesen steht der Gedanke, dass das Kino seine „wertschöpfende Bedeutung“ verloren habe, dies sowohl in wirtschaftlicher als auch sozialer Hinsicht. Davon ausgehend stellt Gass Überlegungen an, welche „Mutationen und Migrationen“ die Filme in Konsequenz dieser Entwicklung nehmen könnten oder tendenziell bereits genommen haben.

Gass ist Direktor der Kurzfilmtage Oberhausen. Sein Vorschlag, dass Filmfestivals nun in die sich ergebende Bresche springen können, lässt sich aus seiner Sicht nachvollziehen. Dienten die Festivals früher als Podien, um aktuelle Filmproduktionen erstmals in der Branche vorzustellen und ihnen eine Basis für weltweites Marketing zu verschaffen, so sei diese Bedeutung heute nicht mehr gegeben. Da die traditionellen Filmtheater nicht mehr in der Lage oder willens seien, Filme adäquat aufzuführen, bieten die Festivals für viele Filme den einzigen Abspielort überhaupt. Sie leisten damit quasi kulturelle Grundversorgung auf hohem Niveau.

Schuld am Dilemma des filmischen Bedeutungsverlustes, der nun von den Festivals ausgeglichen werden muss, tragen laut Gass die üblichen Verdächtigen: Die Filme selbst (die ab einem bestimmten Punkt „nicht mehr Ausdruck von Kino“ waren), die konventionellen Kinos, die Presse und natürlich die Filmförderung. Mehrfach fallen die Argumentationen derart verkürzt aus. Fakten werden auch schon mal geschmeidig angepasst. Wenn zum Beispiel von der aktuellen Krise des Kinos die Rede ist, hantiert Gass mit Vergleichswerten aus den 50er-Jahren. Dass sich die jährlichen Besucherzahlen in Deutschland seit geraumer Zeit stabil zwischen 150 und 125 Millionen bewegen, bleibt unerwähnt.

Genaue Analysen neben groben Pauschalisierungen

Unhaltbar ist seine Behauptung, die Kinos würden durch Subventionen künstlich am Leben erhalten. Hier hätte sich der Autor ein wenig genauer mit der Sachlage beschäftigen müssen. Außer Preisgeldern für „herausragende Jahresprogramme“ und Krediten für Baumaßnahmen gibt es für Filmtheater nämlich gar keine Förderung.

Im zweiten Teil seines Textes schwenkt Gass von filmpolitischen auf kulturtheoretische Aspekte, wo er sich spürbar besser auskennt. Ihn interessieren die wechselseitigen Durchdringungen von Filmkunst und Kunstmarkt, die „Migration“ von Filmemachern wie Harun Farocki ins Ausstellungswesen einerseits, von bildenden Künstlern wie Steve McQueen in die Filmproduktion andererseits. Völlig zutreffend benennt er die Präsentation von stundenlangen Dokumentar- und Spielfilmen in Ausstellungen als Unsinn oder kritisiert den Trend, „Kino dekorativ auszuschlachten und für den Kunstbetrieb herzurichten“. Insgesamt wirkt das kleine Buch von Lars Henrik Gass etwas widersprüchlich: Genaue Analysen stehen neben groben Pauschalisierungen. Als Streitschrift über die Situation des Kinos ist es wichtig. Nun könnte die Diskussion beginnen.

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