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NDR-Film

Prämierter Film „Lovemobil“: Dokumentarfilm über Prostitution entpuppt sich als Inszenierung

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der vermeintliche NDR-Dokumentarfilm „Lovemobil“ von Elke Margarete Lehrenkrauss erweist sich als Inszenierung – und wirft Fragen auf über zweifelhafte Qualitätsstandards.

Bertolt Brecht nannte Hollywood „den Markt, wo Lügen verkauft werden“. Gleichwohl gehört es zu den Wundern der Kunst, aus dem Falschen eine höhere Wahrheit erschaffen zu können. Darauf beruft sich auch die Filmemacherin und Fotokünstlerin Elke Margarete Lehrenkrauss.

Im Gespräch mit einer Journalistin des NDR-Magazins „STRG_F“, das ihren vermeintlichen Dokumentarfilm „Lovemobil“ als Inszenierung enttarnt hatte, verteidigte sie sich: In der Arbeit mit den Darstellerinnen und Darstellern sei es gelungen, „eine viel größere Realität zu schaffen, als hinter dem Busch zu sitzen und Menschen zu verpixeln, die zufällig vorbeikommen.“

TV-Sender NDR hat Film mitfinanziert: Castings gehören heute auch bei Dokus dazu

Wer wollte dem widersprechen, hätte Lehrenkrauss ihr Wohnwagen-Kammerspiel über Armutsprostitution in Niedersachsen nicht für die Dokumentarfilmredaktion des NDR gedreht. Aber ist das nun unbedingt, um mit Brecht zu sprechen, der Markt, wo die Wahrheit verkauft wird? Inszenierungen sind in den dokumentarischen Formaten des deutschen Fernsehens alltäglich. Niemand nimmt daran Anstoß, solange die Protagonistinnen und Protagonisten sich selbst spielen. Die Grenzen sind fließend. Wie im Spielfilmbereich durchlaufen sie häufig Castings, um ihre Kameraeignung zu testen, es werden Honorare gezahlt, was die soziale Situation, die gezeigt werden soll, bereits verändern kann.

Fiktive Szene aus vermeintlichem Dokumentar-Film.

Auch Hybridformen, in denen Profis und Laien gemeinsam agieren, sind zur Zeit besonders populär: „Nomadland“, der Oscar-Favorit über Wanderarbeiter in den USA, bezieht sich auf eine Filmsprache, wie sie schon Roberto Rossellini und Ingrid Bergman 1950 im Film „Stromboli“ verwendeten. Sieht man solche Hybride bei Filmfestivals, weiß man oft nicht, womit man es genau zu tun hat. Umso genauer schaut man hin.

Hybridformen im Film: Aus weichen Grenzen zwischen Doku und Spielfilm wurde Kunst gemacht

Manchmal schaffen erst die Namen im Abspann oder ein Gespräch mit den Filmschaffenden nach der Vorführung Klarheit. Denn obwohl große Dokumentarfilme meist auch große Kunstwerke sind – so wie eben auch dokumentarische Fotografie Kunst sein kann –, will man es doch wissen. Das sogenannte Dispositiv, also der Entstehungs- und Wirkungskontext eines Kunstwerks, für dessen Wirkung und Verständnis schließlich elementar.

Elke Margarete Lehrenkrauss hat etliche internationale Filmpreise mit ihrem Film gewonnen, ließ aber Publikum und Jurys glauben, die Menschen auf der Leinwand seien selbst Prostituierte, Zuhälter oder Freier. Man konnte beim Zuschauen durchaus bezweifeln, dass eine Szene wie jene, in der ein Kunde mit der „Rita“ genannten Nigerianerin über ungeschützten Verkehr verhandelt, so einfach mitgefilmt werden konnte. Man hielt sie für nachinszeniert.

Aber auch dafür braucht es ein besonderes Vertrauen gegenüber den vermeintlich authentischen Mitspielenden. Die Anerkennung, die Lehrenkrauss etwa bei der Jury des Deutschen Dokumentarfilmpreises gewann, dürfte zum Teil auf dieser falschen Annahme basieren. Die Regisseurin zog bereits Konsequenzen und möchte den Preis zurückgegeben.

NDR-Doku-Film „Lovemobil“: Keine Fälschung wie ein Relotius-Artikel

Aber man konnte auch künstlerische Leistungen bewundern, die nicht im Widerspruch zur dokumentarischen Ethik stehen – etwa in der Darstellung des monotonen Alltages, des Verstreichens endloser Zeit, im Kontrast zwischen dem engen, schrill-farbig beleuchteten Innenraum zur niedersächsischen Landschaft. Das sind Qualitäten, die eine bloße „Fälschung“, ein Relotius-Artikel, nicht hat.

Bleibt die Frage, warum Lehrenkrauss, die an der Kölner Kunsthochschule für Medien studierte, ihren Film als etwas ausgab, was er nicht ist – ein Stück „cinema verité“. Beim Filmfestival Braunschweig, wo „Lovemobil“ zwei Preise gewann, erzählte sie sogar von Sexszenen mit echten Freiern, die erst im Schnittprozess herausgeflogen seien. Die kann es kaum gegeben haben.

Authentisches bekommt oft besondere Anerkennung: Preise für vermeintlichen Doku-Film des NDR

Gut möglich, dass Lehrenkrauss nicht mehr zurückrudern konnte oder wollte, nachdem sich der produzierende NDR im Glauben wähnte, die Beteiligten seien authentisch. Offensichtlich aber bemerkte sie auch, dass dem vermeintlich Authentischen eine besondere Anerkennung zuteilwird, die für eine Inszenierung nicht so einfach zu bekommen ist; jedenfalls kaum für einen so einfach herzustellenden Naturalismus und eine derart simple Dramaturgie.

In jedem Fall führt uns dieser Film ein Dilemma der gegenwärtigen Dokumentarfilmkultur vor Augen: Warum wünschen sich Fernsehredaktionen und Festivals Dokumentarfilme, die aussehen wie Spielfilme? Und warum ist ein Publikum so leicht bereit, diese Inszenierung für authentisch zu halten? Hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass man einer Nigerianerin und einer Bulgarin eher zutraut, „echte“ Prostituierte zu sein, und dieser Effekt mit deutschen Laiendarstellerinnen nicht so einfach leicht zu erreichen gewesen wäre? Werden hier subtil Vorurteile bedient?

Inszenzierter Doku-Film: NDR zeigt sich enttäuscht von Regisseurin

Sie habe keinen Voyeurismus gewollt, sagte Lehrenkrauss in Braunschweig. Aber was ist denn die Präferenz des Authentischen vor der Inszenierung in einem Film über Armutsprostitution anderes als Voyeurismus? Müssten wir nicht eigentlich die Betroffenen vor ihrer Zurschaustellung schützen? Und hat das Kino nicht immer dort eine besondere Bedeutung gehabt, wo es gelang, die Wirklichkeit mit künstlerischen Mitteln zu repräsentieren?

„Wir fühlen uns getäuscht“, sagt NDR-Redaktionsleiter Dirk Neuhoff im eigenen Sender, als sei nur der Regisseurin ein Vorwurf zu machen. Dabei haben seine Redaktion und zwei Filmförderungen eine Kalkulation gelesen, in der es eine Besetzungsliste gegeben haben muss.

Rubriklistenbild: © WDR/NDR/Christoph Rohrscheidt

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