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Kino

Ein Film als Katalysator

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Der polnische Regisseur Wojciech Smarzowski rüttelt mit seinem Spielfilm "Klerus" an der Autorität der katholischen Kirche in seiner Heimat - und die Menschen stürmen die Kinos.

Alles eine Verschwörung – wettern die rechten Blätter, rechtskonservative Politiker und Geistliche in Polen. Verschworen haben sich demnach eine diffuse liberale Linke und die Filmemacher des Spielfilms „Kler“, übersetzt: der Klerus. Denn es könne ja kein Zufall sein, dass die weltweite Pädophilen-Debatte in der Romkirche just mit der Premiere des kirchenkritischen Kassenschlagers von Regisseur Wojciech Smarzowski zusammenfällt.

„Der Film ist als ein Schlag gegen die Kirche, die Religion und die Gläubigen gedacht“, schreibt Elzbieta Królikowska-Avis im regierungsnahen Onlineportal Wpolityce. Die wichtigste Nachrichtensendung im von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) kontrollierten Staatsfernsehen TVP spricht von „angeblichen Eliten, die die katholische Kirche angreifen“ – und vom deutschen Springer-Konzern, der den Film in seinen Medien an der Weichsel „promote“.

Worüber sich die Rechtskonservativen und Nationalisten derart echauffieren, ist in der Tat ein künstlerisch höchst radikaler und offenbar wirkungsvoller Hieb gegen die katholische Kirche Polens. Der Film, der in manchen Kinos wegen des Besucherandrangs mehr als 20 Mal am Tag gezeigt, in einigen konservativ regierten Kommunen in stadteigenen Kinos indes boykottiert wird, hat bereits eine Woche nach seiner Premiere den Allzeit-Zuschauerrekord gebrochen. Die Titelblätter der Presse sind mit Berichten und Interviews zum Status quo der katholischen Kirche gefüllt – auch zu den Motiven des 55-Jährigen Regisseurs, der für seine gesellschaftskritischen und politischen Filme bekannt ist.

Zuletzt hatte Smarzowski 2016 in „Wolyn“ die massenhafte Vertreibung von Polinnen und Polen aus der heutigen Ukraine thematisiert – und sich die Sympathien jener Konservativen und Nationalisten gesichert, die ihn heute am liebsten zur Hölle schicken würden.

Denn in dem Spielfilm „Kler“ projiziert Smarzowski die Themen Kindesmissbrauch sowie Geld- und Machtgier in der Kirche schonungslos auf seine Heimat. Den Handlungsstrang des zweistündigen Films bilden die miteinander verwobenen Biografien von vier Geistlichen – einem Pädophilen, einem Zölibatsbrecher, einem fast gänzlich amoralischen Vatikan-Karrieristen sowie einem zynischen und geldgierigen Erzbischof.

Doch Smarzowski drischt mit seiner Fiktion nicht einfach nur auf die Priesterkaste ein. Nach und nach lässt er den Zuschauer tiefer in die Lebens- und Seelengeschichte seiner Protagonisten blicken. Er zeigt sie als fehlbare Menschen, die wie alle anderen mit Verlockungen und Versuchungen ringen – und diesen, die das Priesterdasein auf allen seinen Hierarchiestufen bietet, erliegen.

Zwei von ihnen sind als Kind selbst Opfer beziehungsweise verstörte Zeugen von Missbrauch gewesen, den sie nicht aufgearbeitet haben. Smarzowski zeigt zwei Wege auf, die für die Geistlichen aus ihren Verstrickungen offenstehen: So lässt er den Zölibatsbrecher Tadeusz Trybus, der mit den großzügigen Gaben seiner ärmlichen Dorfgemeinde seine Alkoholsucht und die schwangere Geliebte finanziert und jeden Vers der Bibel auswendig kennt, zu sich finden. Trybus schafft es schließlich, sich bei der Polizei zu einer alkoholisierten Autofahrt zu bekennen, von der er glaubt, einen Menschen getötet zu haben. Und er schmeißt sein Priesteramt für die Liebe hin.

Der pädophile Andrzej Kukula läutert sich schließlich selbst, er arbeitet an sich – als Opfer wie als Täter –, bis es schließlich nur noch eine Wahl für ihn gibt, der man jedoch Würde nicht absprechen kann. Erzbischof Mordowicz hingegen ist und bleibt konsequent und von seiner ganzen Veranlagung her degeneriert und korrumpiert: von Geld, Macht, Sex als Spiel und falschem Schein. Und all dies zieht schließlich auch Priester Lisicki vollends in den Bann, als er nach einer eigeninszenierten Intrige befördert wird und im Privatflieger in Rom und im Vatikan landet.

In radikalen, überspitzten, auch humorvollen Bildern zeigt der Film, der auf einem Drehbuch des Lehrers Wojciech Rzehak basiert, die Wahl auf: zwischen wirklichen Werten oder aber den Folgen missbrauchter Autorität. „Es sollte ein Film über alle Sünden der Kirche werden“, sagt Regisseur Smarzowski. „Denn in Polen kennt man die Kirche bislang nur von einer Seite – bis zum Altar. Das, was dahinter ist, kennt niemand.“

Durch die Komposition des Films, der in einer absurd-tragischen, in christliche Symbolik getauchten Szene endet, habe er die Frage aufwerfen wollen, ob nicht auch die einfachen Gläubigen stillschweigend zu der umfangreichen Autorität der Kirche beitrügen, hinter deren Fassade Missbrauch im weitesten Sinne möglich ist. „Ein Priester“, sagt Smarzowski, „ist doch ein Bürger wie jeder von uns und wenn er falsch handelt, muss er wie jeder andere behandelt werden. Es sollte offensichtlich sein, doch offensichtlich ist es das nicht.“

Der Film, der beim wichtigsten polnischen Filmfestival in Gdingen vor zwei Wochen den Jury-Spezialpreis für „das Aufgreifen eines gesellschaftlich wichtigen Themas“ erhielt, wird nach seinem Riesenerfolg in Polen nun auch in etlichen europäischen Ländern gezeigt, in einigen Kinos auch in Deutschland. Das ist auch gut so. Denn die Mechanismen der Autoritäts- und Hierarchiebildung, die er in fiktiver Überspitzung zeigt, stabilisieren seit Jahrhunderten das Innere der Institution der katholischen Kirche und ihren korrumpierenden Kern – nicht nur in Polen. Hier sind sie lediglich ausgeprägter, wie der Film „Klerus“ beachtenswert offenbart.

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