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Verbotene Liebe in "Rafiki".

Festival Lucas

Was ist ein Film?

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Lucas, das Festival für junge Kinobesucher, sorgt bei den Kleinen für Debatten - und die ein oder andere Träne.

Die Wahrheit auch darüber, ob ein Film ein Film ist, liegt im Auge des Betrachters. „Das war doch kein Film!“, mosern Teile des Publikums nach Aufführung des Werks „Rhythm In Light“ von Mary Ellen Bute, entstanden 1934 bis 1937 in den USA. Warum war das kein Film? Was ist denn eigentlich ein Film? 

„Ein Film ist mit Menschen und Farbe und sprechen und so!“, definiert ein Zuschauer empört. „Das hier waren nur Formen.“ In der Tat, Ms Bute hatte Licht und Schatten in Schwarzweiß so arrangiert, dass es dem entsprach, was sie in ihrem Inneren fühlte, als sie der Peer-Gynt-Suite von Edvard Grieg lauschte. Das Resultat, fünf Minuten lang, spaltet noch achtzig Jahre später die Öffentlichkeit. In diesem Fall eine Öffentlichkeit im Alter von vier Jahren und knapp darüber – die Besucher des Programms für Minis beim Filmfestival Lucas.  

„Der Film war blöd“, lautet das vernichtende Urteil der ärgsten Kritiker. „Weil da gar keine Menschen waren.“ Dabei lachten die meisten Zuschauer, während die Lichter tanzten, einige quiekten sogar vor Vergnügen – wenn auch nicht ganz so laut wie über den „Vormittagsspuk“ von Hans Richter (Deutschland, 1928), der unter anderem Hüte im Formationsflug schweben ließ. 

Bei „Supa Modo“ weinen fast alle 

Andere Lucas-Filme werden als schön empfunden, dabei weinen alle. Fast alle. „Supa Modo“ (2018 Kenia/Deutschland), entstanden mit der Förderung von Tom Tykwers Afrika-Projekt One Fine Day Films, lässt es im Kino des Deutschen Filmmuseums am Frankfurter Mainufer ganz still werden. Da geht es um die unheilbar krebskranke Jo, und das ganze Dorf will ihr die letzten zwei Monate so angenehm – nein, so spektakulär wie möglich machen. Jo schwärmt nämlich für Superhelden. Also wird Jo selbst zur Superheldin, mit etwas Hilfe von ihren Freunden. „Sie ist unser Kind!“, trotzig von einem Dorfbewohner im Namen aller Dorfbewohner vorgetragen, ist so ein typischer Lucas-Satz, der für das Gute im Ausweglosen steht, Trost für die Untröstlichen. Sie hätten nicht geheult, können hinterher nur die ganz harten Typen unter den zehnjährigen Jungen von sich behaupten.

Lucas ist ein Angebot, Gefühle zuzulassen, zu lachen, zu weinen, zu begreifen. In diesem Jahr macht das Deutsche Filminstitut dieses Angebot erstmals separat der Gruppe der „Youngsters“ über 16, etwa mit der europäisch-afrikanischen Produktion „Rafiki“. Da geht es um zwei junge Frauen, die sich ineinander verlieben – in Nairobi, inmitten eines politischen Wahlkampfs ihrer Väter, der Homophobie und religiösen Fanatismus aufleben lässt. 

„Rafiki“, eigentlich von der Filmbehörde verboten, darf ausgerechnet in der Lucas-Woche für sieben Tage auch in Kenia gezeigt werden. Es wäre vermessen, sagt Festivalleiterin Julia Fleißig, diesen Erfolg der Frankfurter Nominierung zuzuschreiben; schließlich lief der Film auch schon im Mai bei den Kollegen in Cannes. Aber: „Druck aus Europa hilft sicher“, sagt Fleißig, und vielleicht ein wenig auch aus Frankfurt. 

Fokus auf das Wochenende 

Erstmals löste sich Lucas diesmal von der Kalenderwoche und dauert von Donnerstag bis Donnerstag, vor allem, um Familien am Wochenende zu erreichen. Das klappte ganz gut, sagt die Leiterin. Hauptanliegen bleibe aber: „Jugendliche auf ihrem Weg begleiten mit Themen, die sie beschäftigen – Migration, aber auch: Ich liebe Männer, was jetzt?“ 

Eine Tagung brachte im Zuge des Festivals jene zusammen, die Bildung in Zeiten der Digitalisierung auf ein tragfähiges Fundament stellen wollen. Und dann geht es, ganz nebenbei, auch noch darum, das Kino am Leben zu erhalten. Die Menschen wüssten im Prinzip, dass der Film ins Kino gehöre, doch die neuen Medien machten es ihm schwer. Julia Fleißig: „Wir machen ein Angebot, damit das junge Publikum merkt: Man kann ja auch ins Kino gehen. Wenn sie da sind, merken sie, dass es der coolere Ort ist.“

Das merkte man schon vorige Woche, als ein Schüler durchs Mikrofon fragte: „Wenn man bei den Angeboten hier mitmacht, kriegt man auch Geld?“ Nein, musste er erfahren: Wie meist in der Kultur seien nur Ruhm und Ehre zu holen. Jeder Lucas-Film erhält am Ende rauschenden Applaus, und wer hingeht, kann darauf vertrauen, dass ihm jemand fortwährend von hinten mit den Füßen an den Sessel tritt. Das gehört dazu wie die Untertitel und oft zusätzlich noch die Live-Übersetzung als dritte Sprache. Dazu gehört aber auch, dass etwa Regisseure erzählen, wie sie einen Film gedreht haben. „Es gibt so viele Möglichkeiten zu filmen, von oben, von unten, von hinten, von vorne“, beschreibt Toni Kurtin, der „Die Flaschenpost-Insel“ mitbrachte: „Wir haben uns immer dafür entschieden, sehr nah an den Gefühlen der Kinder dranzubleiben.“

Für „Supa Modo“, den Film über die kleine kenianische Superheldin, kann man sich sogar ein Gerät leihen und die Originalversion in Suaheli hören. Einer der schönsten Lucas-Momente des Jahres folgt im Anschluss: Maryanne Nungo ist im Kino, die Filmmutter von Jo, zum ersten Mal in Europa. „Yay!“, begrüßt sie das begeisterte Publikum. Und beantwortet tausend Fragen. Ob Jo wirklich Krebs hatte, also die Schauspielerin? „Oh noooo! Das war nur gespielt – und so gut!“

„Ihr seid große Stars!“, lobt Maryanne Nungo eine Frankfurter Schulklasse, die eine „Supa Modo“-Szene auf dem Pausenhof nachgedreht hat. So etwas hinterlässt sicher Eindruck, der lange wirkt – von einem Filmstar gefeiert zu werden. Von einer Filmschauspielerin aus Kenia, voll ansteckender Energie, die sich kaputtlacht, selbst Superhelden liebt („Yeees – I’m a Marvel-Fan!“) und zugibt, dass sie jedes Mal wieder weinen muss, wenn sie den eigenen Film sieht. Nur eins will sie nicht verraten: Wie Jo im Film den Bus gestoppt hat. „Wir lassen das gern als Geheimnis“, sagt sie. Auch sowas darf ein Film. 

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