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Fettnapf fürs Leben

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Von: Daniel Kothenschulte

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James Gandolfini als Albert und Julia Louis-Dreyfus als Eva.
James Gandolfini als Albert und Julia Louis-Dreyfus als Eva. © dpa

Nicole Holofcener und ihre hinreißende Komödie „Genug gesagt“

Im Jahr 2013 konnte es niemand mehr leugnen: Fast alles, womit Hollywood seinen Ruhm begründet, hat es ans Fernsehen verloren. Geistreiche Komödien, psychologische Dramen, faszinierende Thriller, Biopics wie „Liberace“, vom Studio HBO lässig nach Cannes in den Wettbewerb geschickt – in den USA lassen sich Filmfreunde inzwischen gerne couch potatoes schimpfen. Das einzige, was man beim Fernsehen nicht gestemmt kriegt, sind teure Blockbuster. Und deren Formelhaftigkeit bescherte Hollywood jüngst einen sommerlichen Alptraum.

Gäbe es nicht ein paar unermüdliche Independents und etablierte Individualisten wie Joel und Ethan Coen („Inside Llewyn Davis“), Woody Allen („Blue Jasmine“) oder den Briten Steve McQueen („Twelve Years a Slave“), das amerikanischen Kino hätte seinen Platz auf der cinephilen Landkarte verloren. Und gäbe es nicht Nicole Holofcener.

Sie ist nicht nur die humorvollste amerikanische Filmemacherin und eine der warmherzigsten, sie hat für ihre Gesellschaftskomödien (zuletzt „Please Give“) einen unverkennbaren Stil gefunden. Leiser als Woody Allen, aber unnachgiebiger in der Charakterzeichnung, erzählen ihre dramatischen Komödien von der Relativität des vermeintlich Erstrebenswerten: Beruflicher Erfolg und gesellschaftlicher Status, Konsumfreude und Partnerschaften sowieso – welche Versprechen sind so flüchtig wie die Glücksversprechen?

Die alleinerziehende Mutter Eva (Julia Louis-Dreyfus) hat sich recht erfolgreich als Masseurin etabliert. Die harte Arbeit steckt ihr sichtlich in den Knochen, doch als Teil der Wellness-Branche muss sie ihren Arbeitskoffer mit entspannter Mine zu den meist reichen Kunden schleppen. Auf einer Party lernt sie den ebenfalls geschiedenen Albert kennen. In einem hinreißenden Dialog finden sie ausgerechnet durch den gemeinsamen Unmut über die Gäste zusammen. Als sie beinahe zeitgleich in den Fettnapf getreten sind, ihr Gegenüber von diesem Pauschalurteil nicht ausgeschlossen zu haben, ist es schon um sie geschehen. Eine vorsichtige Romanze nimmt ihren Anfang. Wenn beide nicht füreinander geschaffen sind, dann hat sie das Leben doch wenigstens in entsprechende Formen gegossen.

Wären da nicht so viele echte wunde Punkte, die Menschen mittleren Alters aus leidvollen Erfahrungen mit sich herumschleppen. Vorsichtshalber verschweigt ihm Eva, womit sie an der größten Wunde rühren würde – dass ihre beste Freundin und Kundin nämlich seine verhasste Exfrau ist (Catherine Keener).

James Gandolfini spielt diesen emotional schwer gebeutelten Mann mit einer faszinierenden Mischung aus Selbsthass und gleichwohl gekränkter Eitelkeit: Es bedarf schon mehr als einer guten Massage, um hier für eine gewisse Lockerung zu sorgen.

Auftritt: James Gandolfini

Auch Gandolfini, der mit zwielichtigen Nebenrollen bekannt wurde wie dem Killer in „True Romance“ oder dem Bodyguard in „Schnappt Shorty“, verdankt seinen Ruhm dem Qualitätsfernsehen – die Welt kennt ihn als Tony Soprano. In „Genug gesagt“ verdingt sich seine Filmfigur in einem Fernsehmuseum, was ihn in die Lage versetzt, Sendetermine klassischer Serien auswendig zu rezitieren. Es ist Holofceners Art, dem konkurrierenden Medium ihre Referenz zu erweisen.

Dies ist Gandolfinis erste Hauptrolle in einem Kinofilm seit zwei Jahrzehnten. Im vergangenen Juni starb er im Alter von nur 51 Jahren, und es wäre keine Überraschung wenn ihm diese Rolle noch einen posthumen Oscar eintrüge. Doch bei allem, was ihm dieser Film verdankt, ist es doch erst Holofceners meisterhafte Filmerzählung, die ihm diesen Auftritt beschert. Ihre Liebe zu ihren Figuren ist grenzenlos und entsprechend ansteckend. So verzeihen wir ihnen alle Schwächen und Fehler – jene, die von denen sie nichts wissen ebenso wie die, die ihnen selber peinlich sind.

Nobody is perfect“ – jede gute Komödie bezieht ihre Menschlichkeit nicht zuletzt aus Billy Wilders geflügeltem Wort aus „Manche mögen’s heiß“. Perfekte Menschen sind etwas für Hollywoods sommerliches Superheldenkino, und das ist inzwischen immerhin angezählt.

„Genug gesagt“ – was für ein Titel für eine Gesellschaftskomödie, die in hohem Maße von Dialogen lebt. Doch während man bei Woody Allen bei allem Respekt immer wieder den Eindruck hat, bestimmte Bonmots mussten einfach in den Dialog geschrieben werden um sie unterzubringen, ergibt sich der Humor hier ganz allein aus den Charakteren und den Situationen. Nichts davon ist ungewöhnlich, aber in seiner Menschlichkeit unwiderstehlich. Das Fernsehen hat es ja doch leicht: Es kann die dreizehn Stunden einer ganzen Serienstaffel darauf verwenden, die Figuren bis ins Letzte auszuloten. Nicole Holofcener reichen dafür in diesem späten Geschenk dieses Kinojahres knapp neunzig Minuten.

Genug gesagt. USA 2013. Regie: Nicole Holofcener. Mit James Gandolfini, Julia Louis-Dreyfus, Catharine Keeler. 87 Min.

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