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Yulene Olaizolas „Tragic Jungle“ führt in eine Joseph-Conrad-hafte Finsternis.
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Yulene Olaizolas „Tragic Jungle“ führt in eine Joseph-Conrad-hafte Finsternis.

Online-Filmfestival

Ins Reich von Licht und Finsternis

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Dem Traditionsfestival Mannheim-Heidelberg gelingt auch im Lockdown ein Neuanfang.

Mannheim hatte einmal ein weltbekanntes Filmfestival, mit 69 Jahren ist es das siebtälteste überhaupt. Es war ein Treffpunkt für, wie man damals sagte, „Jungfilmer“: François Truffaut, Chris Marker, Rainer Werner Fassbinder, Roland Klick, Jim Jarmusch zeigten hier ihre ersten Filme, und auch in späteren Jahren konnte man noch Atom Egoyan, Angela Schanelec, Thomas Vinterberg oder Hong Sang-soo entdecken. Für den Kritiker, der dort 1986 als Teenager zwei eigene Super-8-Filme zeigen konnte, war es der erste, unvergessliche Festivalbesuch.

Doch der Glanz ist verblasst. In den letzten zwei Jahrzehnten wurde das Programm von Festivalchef Michael Koetz systematisch ausgedünnt. Es verschwanden Retrospektiven und Kurzfilme, und die vermeintlichen „Newcomer“ des Wettbewerbs waren schon mal gestandene Veteranen über fünfzig. Wichtige Organisationsarbeit wurde von unbezahlten Praktikantinnen und Praktikanten geleistet, und im letzten Jahr der Ära Koetz gab es nicht einmal mehr eine internationale Jury und den Ehrengast.

Nun aber schlägt in Mannheim/Heidelberg eine Stunde Null. Der neue Festivaldirektor heißt Sascha Keilholz und machte sich mit einem kleinen, aber feinen, diskussionsfreudigen Festival in Regensburg einen Namen. Seine Neuausrichtung überzeugt inhaltlich wie strukturell: Er hat Festanstellungen geschaffen und statt Zeltkinos Innenstadtkinos dazu gemietet. Dann machte ihm der Lockdown einen Strich durch die Rechnung. „Alles, was einem Festivalchef sonst die Nerven raubt – etwa: ‚Hat der Gast seinen Flieger verpasst‘ gibt es jetzt nicht. Dafür mussten wir in ein paar Tagen ein komplettes Online-Festival aus dem Boden stampfen.“ Das hat immerhin den Vorteil, dass man das Programm nun bundesweit im Internet sehen kann. Für 8 Euro lassen sich die einzelnen Filme für 30 Stunden auf dem Computer streamen.

Schon der israelische Eröffnungsfilm des „Newcomer“-Wettbewerbs „On the Rise“ fordert das Publikum heraus. „The Death of Cinema and My Father Too“ gehörte zur Auswahl des abgesagten Cannes-Festivals. Zwar ist der 41-jährige Regisseur Dani Rosenberg alles andere als ein Newcomer und realisierte bereits eine Fernsehserie und mehrere Dokumentarfilme, doch dies ist sein erster Spielfilm. Auf drei Realitätsebenen erzählt er vom Sterben seines Vaters, seinen eigenen ersten Versuchen als jugendlicher Videoamateur und einem abgebrochenen Spielfilmprojekt, in dem der Vater hätte mitspielen sollen. Das Thema dieses Films im Film, die Angst vor der atomaren Bedrohung durch den Iran, wird in indirekter Form umso dringlicher vermittelt: Während Netanjahu im Fernsehen vor der drohenden Auslöschung des Landes warnt, treffen bei den älteren Familienmitgliedern aktuelle Ängste auf die Traumata der Holocaust-Überlebenden.

Meisterliches Debüt mit 44

Noch eindrucksvoller reflektiert ein weiterer Wettbwerbsfilm über das filmische Medium als Träger von Erinnerungen. Die spanische Filmemacherin Nuria Giménez Lorang stellt mit 44 Jahren ihren ersten Spielfilm vor, doch „My Mexican Bretzel“ ist ein Meisterwerk: Allein aus gefundenen Amateuraufnahmen von erlesener fotografischer Qualität erzählt sie eine Liebesgeschichte, die im Zweiten Weltkrieg in der Schweiz beginnt, unter anderem ins zerstörte Köln führt schließlich ins prosperierende Amerika der Nachkriegszeit. Ohne Musik und Dialoge, allein mit Untertiteln und wenigen Geräuschen webt die Filmemacherin einen unwiderstehlichen Strom aus individueller und kollektiver Erinnerung, aus Poesie und Historie. Es kommt nicht oft vor, dass „Found Footage“, gefundenes Filmmaterial, ohne die künstliche Patina unterlegter Effekte oder Verfremdungen präsentiert wird.

Ein Maya-Mythos

Wer sich treiben lassen kann von der wunderbaren Kraft des Kinos, phantastische Reisewege auszuloten, wird auch in der Nebensektion „Pushing the Boundaries“ fündig. Aus dem kleinen Belize kommt „Tragic Jungle“ ins Festivalprogramm. Darin führt die mexikanische Regisseurin Yulene Olaizola in die Dschungel hinter den Karibikstränden und erzählt dabei einen Maya-Mythos neu. Es ist die Sage von Xtabay, einem verführerischen weiblichen Dämon, der Männer mit ähnlichen Absichten in den Urwald lockt wie Loreley oder Undine ihre Opfer in die Fluten. Angesiedelt in den 1920ern, führt der Film eine Gruppe von Männern, die Gummibäume abernten, in eine Joseph-Conrad-hafte Finsternis.

Olaizola suchte für die Frauenrolle nach einer Laiendarstellerin und fand in der Debütantin Indira Andrewin ein Naturtalent von faszinierender Leinwandpräsenz. Doch die wahre Verführungskunst gelingt der Filmemacherin, ebenbürtig den großen Traumerzählern des Kinos an den Grenzen zur mysteriösen Wirklichkeit: Werner Herzog, Pedro Costa, Lucrecia Martel oder Apichatpong Weerasethakul. Wer solche Entdeckungen für sein Festival aufspürt, dem ist ein Neuanfang gelungen.

69. Internationales Filmfestival Mannheim Heidelberg: Online-Programm bis 22. November. www.iffmh.de

Nuria Giménez’ Spielfilmerstling „My Mexican Bretzel“.

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