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Einer der drei porträtierten Chöre: der Neema Chor aus dem Dorf Monduli.

„Sing It Out Loud“

Ein feste Burg in Ostafrika

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Julia Peters dokumentiert in ihrem Film „Sing It Out Loud“ einen Kirchenchor-Wettbewerb in Tansania und erzählt vom Leben der Menschen.

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin war in der Kolonialismus-Ausstellung, die vor ein paar Tagen zu Ende gegangen ist, ein Gemälde vom schneebedeckten Kilimandscharo in Tansania zu sehen. „Der höchste Berg des deutschen Reiches“ heißt es darauf. Denn während des deutschen Kaiserreichs, von 1885 bis 1918 gehörte Tansania zu der deutschen Kolonie Deutsch-Ostafrika. Und mit den Kolonisatoren waren auch die Missionare gekommen. Nicht allen waren sie willkommen, in diesem Film wird das nur kurz erwähnt.

In einer Zeichentricksequenz erinnert er an die Ermordung der Missionare Karl Segebrock und Ewald Ovir, die 1896 in der heutigen Region Arusha, wo der Film gedreht wurde, von aufständischen Kriegern ermordet wurden. Mehrere hundert Einheimische ließen anschließend bei dem Vergeltungsschlag des deutschen Militärs ihr Leben. Mehr erfährt man nicht zu dem komplexen Verhältnis von Mission und Kolonialismus.

Der Film beschäftigt sich mit Kirchenchören, auch eine Hinterlassenschaft protestantischer Missionare. Fünf Millionen evangelische Christen leben hier. Im Titel werden sie als „Luthers Erben in Tansania“ bezeichnet. Vielleicht hat die Hessische Filmförderung das Geld für den Film mit Blick auf das Reformations-Jubiläum bereitgestellt.

Jedes Jahr ruft die evangelisch-lutherische Kirche in dem ostafrikanischen Land, einem der ärmsten der Welt, einen Chorwettbewerb aus. 1500 Chöre beteiligen sich daran, drei von ihnen stellt die Dokumentarfilmerin Julia Peters vor: den Neema Chor aus dem Dorf Monduli, den A-Cappella-Cantate Chor aus der Stadt Arusha und den Kanaani Jugendchor, dazu jeweils zwei der Chormitglieder. So erhält man einen Einblick in das Leben der Kleinbauern Martha und Simon, von Maria und Evarest, die eine Autowerkstatt betreiben und zum Mittelstand gehören und die jungen Männer Kelvin und Nuru.

Julia Peters filmt die Chorproben in einfachen schmucklosen Kirchen, in denen Holzbänke ohne Lehne stehen. Und sie lässt einen spüren, wie wichtig die Musik und auch der Glaube in dem Leben dieser Menschen ist, auch in dem der jungen. „Musik ist alles in meinem Leben“, sagt Kelvin. Das gilt auch für die Bäuerin Martha, die Analphabetin ist und schon gar keine Noten lesen kann, aber trotzdem Lieder komponiert.

Das Pflichtstück beim Wettbewerb ist der Luther-Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“. Sie tun sich schwer mit der getragenen Melodie. Viel näher und auch wichtiger sind ihnen die eigenen, selbst komponierten Stücke, im Wettbewerb die Kür. Und vor allem ein Ausdruck dafür, dass sie sich von der fremden Kultur, die ihnen einst aufgezwungen wurde, emanzipiert haben, indem sie sich diese einverleibten.

Früher durfte in den Kirchen nicht in einer der Sprachen des Landes gesungen werden, noch war es erlaubt, traditionelle Kleidung zu tragen. Heute kann es ein Wettbewerbsvorteil sein, in den Liedern die Tradition aufleben zu lassen, mit Hirsestampfen für Rhythmus zu sorgen, den traditionellen Halsschmuck der Massai zu tragen und den Chorleiter mit Federschmuck und herrschaftlichem Wedel auszustaffieren wie einen Voodoo-Priester.

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