+
Fellini gibt Spielanweisungen: Dreharbeiten zu „Fellinis Satyricon“, 1969. "

100 Jahre Federico Fellini

Fellini zum 100. Geburtstag: Er liebte die, die er karikierte

  • schließen

Vor 100 Jahren wurde einer der großen Künstler des 20. Jahrhunderts geboren: Federico Fellini.

Federico Fellini, geboren am 20. Januar 1920 in Rimini, gestorben am 31. Oktober 1993 in Rom, war einer der bedeutendsten Filmregisseure des 20. Jahrhunderts. Er schrieb bevor er seine eigenen Filme realisierte mehr als zehn Drehbücher u.a. für Roberto Rossellinis „Rom offene Stadt“. In den Jahren zwischen 1950 und 1990 drehte er unter zum Teil großen Schwierigkeiten mehr als 20 Filme.

Sein Weltruhm und der seiner Ehefrau Giulietta Masina begann mit „La Strada“ (1954). Danach kamen u.a.: „La dolce vita“ (1960), „Achteinhalb“ (1963), „Julia und die Geister“ (1965), „Fellinis Roma“ (1972), „Amarcord“ (1973), „Fellinis Casanova“ (1976), „Fellinis Stadt der Frauen“ (1980), „Fellinis Schiff der Träume“ (1983), „Ginger und Fred“ (1986), „Fellinis Intervista“ (1987), „Die Stimme des Mondes“ (1990).

Mit 18 arbeitet Fellini, der nach dem Abitur nach Rom geflohen war, als Zeichner, Journalist und Gagschreiber für einen Komiker. Mit Anfang zwanzig beginnt er für das Kino zu arbeiten. 1945 wird er Assistent von Rossellini. Seitdem ist er aus dem italienischen Film nicht mehr wegzudenken. Fellini erhielt fünf Oscars. Seine römische Wohnung, in der er von 1965 bis 1978 lebte und in der ein paar Szenen von „La Dolce Vita“ entstanden, wurde 2015 für 2,5 Millionen Pfund verkauft. Für diesen Preis hätte man doppelt so große Appartments in besseren Lagen kaufen können.

In Rimini wird der 100. Geburtstag Fellinis nicht nur mit einer großen Ausstellung gefeiert, sondern ganze Stadtteile erinnern mit Hausbemalungen an den Meister. Im Dezember 2020 soll in seinem Heimatort ein Fellini-Museum eröffnet werden.

*

In einem Interview mit Wolfram Schütte erklärte Rainer Werner Fassbinder über Federico Fellini: „Das sind die perfektesten Filme für mich, die es gibt. Da gibt es keine schwache Sekunde, nichts, und das ist das persönlichste Kino, das ich kenne.“ (FR vom 31. Januar 1976) Ich beginne mit diesem Zitat, weil ich mich inzwischen so einsam fühle mit meiner grenzenlosen Begeisterung für die Filme Fellinis. Es gibt so viele Menschen, die sie nicht mehr kennen, so viele, die das geflüsterte „Guido, Guido“, mit dem der Regisseur in „Achteinhalb“ in seinen Träumen gerufen oder das immer lauter werdende, mit dem er geweckt wird, nicht mehr im Ohr haben. Sie haben nicht mehr vor Augen wie der kleine Junge in „Amarcord“ versucht, die riesige Tabaksfrau in die Höhe zu heben. Die Szene, in der in „Roma“ Tische und Stühle auf der Straße stehen und die Gäste aufstehen müssen, um der Straßenbahn Platz zu machen.

Bei den Arbeiten für „Amarcord“, Rom 1974.

Das alles ist schlimm genug, aber dass ihnen niemals das Herz aufgegangen ist, wenn in einer der großen Schlussszenen wie zum Beispiel in „Achteinhalb“ alle Darsteller einen riesigen Reigen bilden und zur Musik von Nino Rota aus dem Film hinaustanzen in die Welt.

Dass Freiheit möglich ist, habe ich bei Fellini gelernt. 1964 oder 1965 hatten wir in der Schule eine Film-AG gegründet, nicht um Filme zu drehen, sondern um Filme zu schauen. Fellinis „Achteinhalb“ war der erste Film, den wir zeigten. Ich war überwältigt. Hier hatte jemand aus der Unfähigkeit heraus, einen klaren Gedanken zu fassen über das, was sein nächster Film sein sollte, einen Film gemacht.

Anbrandende Einfälle

Wir schrieben damals noch Aufsätze mit einer Gliederung. Die Idee war, dass wir uns erst klar darüber werden sollten, was wir schreiben wollten, um dann, nachdem wir nachgedacht und das herausgefunden hatten, uns an die Arbeit zu machen. „Achteinhalb“ lieferte den Beweis, dass bei diesem Verfahren nichts Vernünftiges herauskommen konnte. Es kam vielmehr darauf an, offen zu sein für das, was bei der Arbeit an Einfällen anbrandete. Nicht der Plan, sondern der Zufall ist schöpferisch. Alles hängt davon ab, ihn zu nutzen.

Federico Fellini, das begriff ich, war ein Künstler. Der riesige Apparat, der damals noch nötig war, um einen Film zustande zu bringen, hinderte die meisten auch der größten Begabungen daran, Künstler zu werden. Fellini aber nutzte ihn, um seine privaten Obsessionen, seine intimen Fragen und Verzweiflungen auf die riesige Leinwand zu projizieren, so dass wir uns darin erkennen konnten. Bei ihm lernte ich, was wir später von Marcuse zu hören bekamen, dass nämlich gerade das Intime allen Menschen gemeinsam ist.

Fellini ließ seine Ehefrau die von seinem Alter Ego Marcello Mastroianni betrogene Ehefrau spielen. In einem anderen Film spielte Mastroianni wieder ihn, der seine Ehefrau, diesmal gespielt von Anouk Aimée, mit Sandra Milo betrog, mit der Fellini tatsächlich ein Verhältnis hatte. Alles, was er veröffentlicht habe, erklärte der alte Goethe, seien „nur Bruchstücke einer großen Konfession“.

Mit Rücksichtnahme allein wird keine Kunst gemacht. Ohne die aber geht es auch nicht. Fellinis Rücksichtnahme kam aus seiner Menschlichkeit. Ich weiß nicht, ob sie auch ihn selbst auszeichnete. Ich habe da meine Zweifel. Sie war aber das Wesen seiner Kunst. Maxim Gorki überliefert von Lenin den Satz, dass er Beethovens Appassionata liebe, die ihn dazu bringe, den Menschen die Köpfe zu streicheln, „aber heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muss man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind.“ Man sieht hier sehr schön, wie gleich hinter der Angst verletzt zu werden, das Verlangen lauert, selbst zu verletzen.

Fellini lehrte uns streicheln. Nicht, dass wir ihm immer gefolgt wären. Nicht dass wir niemals den Leninschen Impuls zuzuschlagen verspürt hätten. Wir sind ihm sogar ein paar Mal gefolgt. Aber Fellini hat einen großen Beitrag geleistet zur Humanisierung Europas nach dem großen Schlachten. Der italienische Neorealismus, dessen erste Filme bereits während des Faschismus entstanden, ist der erste Auftakt zu dieser Selbstbesinnung Europas. Der junge Fellini gehörte ganz in diese Welt. In Frankreich trat der Existenzialismus hinzu, in der Bundesrepublik der frühe Böll. Wer frühe Erzählungen von Wolfgang Kohlhaase liest oder zum Beispiel den Film „Ecke Schönhauser“ von 1957 kennt, der wird denselben Ton, denselben Blick auf die Welt erkennen.

Mit „La Dolce Vita“ verlässt Fellini 1959 die Nachkriegsgeschichte und stürzt sich in die Gegenwart. Wozu sind wir auf der Welt? Wozu lebe ich? Was fange ich mit dem Leben an? Diese Fragen scheinen in einer Welt, die die Trümmer hinter sich gelassen hat, in einer Demokratie, eher noch drängender geworden als sie es in Diktatur und Krieg gewesen waren. Das hat seine Komik, aber die nimmt den Fragen nichts von ihrem Ernst.

Verletzt, aber unbeschädigt

Wir neigen dazu, die Wohlstandsinnsuche zu verspotten. Fellini ist da keine Ausnahme. Er kommt her von der Karikatur. Er hörte nie auf, sie zu lieben. Aber er hörte auch nie auf, die zu lieben, die er karikierte. Fellinis Menschen sind Clowns mit großen Nasen, großen Brüsten, mit breiten Mündern. Sie sind Karikaturen. Dazwischen er selbst als Marcello Mastroianni, ein gutaussehender Fremder, der fasziniert ist von den ihn umgebenden Erscheinungen, der ihnen erliegt, aber immer wieder aufsteht und schüchtern weitergeht. Man könnte sagen: verletzt, aber unbeschädigt.

Mit „Fellinis Stadt der Frauen“ in Cannes, 1980, begleitet von Schauspielerin Anna Prucnal (r.) und Marcello Mastroianni (ganz r.)

Ein Traum von einer Existenz. Aber ein Traum. Wir haben ihn mitgeträumt. Von Film zu Film. Einmal gab man mir einen Interview-Termin mit ihm. Es war in Berlin während der Berlinale. Als ich hinkam, warteten etwa drei Dutzend Journalisten auf ihn: Fernsehleute, Fotografen, Schreiber. Ich stellte mich an den Rand. Dann kamen Fellini und seine Frau mit viel Entourage, aber ohne Dolmetscher. Ich übernahm für ein paar Fragen diesen Job. Selbst fragte ich ihn nichts.

Ein paar Jahre später waren meine Freundin und ich in einem neuen Film von Fellini. „Du kommst darin vor!“, sagte sie mir. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. „Der Journalist mit dem Herpes an der Nase, das warst Du. Es war Winter und du hattest genau an der Stelle den Herpes.“

In einigen seiner Filme sieht man, wie ein Regisseur sich immer wieder neue Kandidaten für eine Rolle zuführen lässt. Fellini tat es genau so. Es gibt einen schönen Bildband, in dem man das sehen kann. In Wahrheit aber war Fellini fortwährend beim Casten. Ich bin froh über meinen Herpes. Ohne ihn hätte Fellini mich nicht wahrgenommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion