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Schlüsselszene! Tobler (Eva Löbau) und Weber (Carlo Ljubek).

Tatort, Damian, ARD

Der Feind in mir

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Ein eleganter, intensiver Schwarzwald-Tatort, der sich mit seinen außergewöhnlichen Qualitäten nicht brüstet.

Der Tatort ist nicht in vorweihnachtlicher Stimmung, überhaupt ist hier auch gar nicht Weihnachten.

Stattdessen gibt es welche, die gerne Damenunterwäsche tragen, es gibt welche, die Stimmen hören, die ihnen entsetzliche Dinge sagen, es gibt welche, die sich des Mordes verdächtig machen und nicht ohne Grund. Die einen fallen dann durch Prüfungen, anderen sind leise und freundlich oder leise und mürrisch oder leise, als wären sie nicht da. Selbstgebackenen Kuchen – wie Bonbons, unaufgeräumte Schreibtische und Übermüdung Teil eines originellen Motivgeflechts – essen die meisten von ihnen ganz gerne, obwohl es selten geruhsam dabei ist. Es geht ihnen auch zu viel Zuneigung ab. 

„Damian“ ist ein Tatort über Männer, denen die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Überforderung oder seltsame Neigungen können ein Grund sein, oder eine handfeste Psychose. Das kann vor langer Zeit angefangen haben, das kann gerade geschehen. Die Hilflosigkeit dieser Männer ist markant, ihr irres Alleinesein, aber auch der Versuch, irgendwie unauffällig zu bleiben. Schamgefühl, Ehrgeiz, Liebe spielen dabei eine Rolle. Es ist gar nicht so schwer, unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit zu bleiben, zumal die öffentliche Aufmerksamkeit – ihrerseits zwischen Verlegenheit und Gleichmut – einiges wegsteckt. Die Männer kennen einander auch nicht, und das Publikum am Abend vor Heiligabend muss sich nicht darum kümmern, dass sie etwas gemeinsam haben. Es bekommt auch einen handfesten Krimi geboten, mit einer Spannung, die einem nun nicht den Atem nimmt (darum geht es nicht), die aber das Einpacken der Geschenke doch weitgehend unterlaufen wird. 

Das ist ein eleganter Tatort mit großen Erzähl- und Motivbögen, mit denen er sich aber nicht brüstet. Man kann nur staunen und gut aufpassen, damit man möglichst wenig verpasst (das wird nicht klappen). Lars Hubrich und Regisseur Stefan Schaller haben das Drehbuch zum neuen SWR-Schwarzwald-Krimi geschrieben, groß orchestriert, aber mit einem unaufdringlich konzentrierten Resultat, das dunkel funkelt und das etwas viel verwendete Wort von der Sogwirkung doch wieder aufruft. Das liegt an der beherrschten, todmüden Ermittlerin Tobler, Eva Löbau, deren Kollege Berg mit kompliziertem Beinbruch ausfällt (auch der Schauspieler Hans-Jochen Wagner hatte sich krank melden müssen, wie man liest). Das liegt an der Aushilfe Weber (Carlo Ljubek), einen ebenfalls todmüden Menschen, der sich glänzend ins Team einfügt. Selbst über die letztrangige Notwendigkeit, im Stress auch noch Papierberge in Ordnung zu halten, scheint hier Einigkeit zu bestehen. Dafür hätte Weber nichts dagegen, eine Tür einzutreten. 

Denn der Grund für die Müdigkeit ist seitens der Polizei ein zehrender Fall, dem sich ein zweiter anschließt. Hier eine ermordete Tennisschülerin und ihr Lehrer, dort eine Leiche in einer im sehr schwarzen Schwarzwald sehr schmuck abbrennenden Hütte. Tobler will den Eltern der Tennisschülerin keine falschen Versprechungen gemacht haben, aber alle erinnern sich ja daran. Das ist ihr unangenehm, aber sie kann damit leben. 

Etliche klassische Elemente werden gestreift, variiert, dezent konterkariert, wie etwa auch die traditionsreiche Figur der stets unangenehmen internen „Beraterin“, der Nora Waldstätten aber eine unerwartet fidele Biederkeit gibt. Rückt sie am ehesten in die Nähe einer Karikatur, sind die meisten Nebenfiguren von einer verblüffenden Normalität (und wenn es der Mann der Prostituierten ist, der immer draußen im Auto wartet, damit sie notfalls Hilfe rufen kann). 

Kein Auftritt wurde verschenkt. Prägend die tragische Figur des Titelhelden, einem Studenten im Wirbel eines schizophrenen Schubes, in dem das Stress-Motiv natürlich eskaliert. Thomas Prenn gibt der Figur eine Schutzlosigkeit mit, die einem die Augen und Ohren für ein Krankheitsbild öffnet und die ferner das Schlimmste befürchten lässt. Dennoch ist anzunehmen, dass die meisten von uns auf die Ermittlungen der Polizei warten müssen, und das, obwohl wir dem jungen Mann in Ruhe in sein Leben hinein folgen können, die Schwierigkeiten mit den Eltern erleben, das etwas blödsinnige Leben im Haus einer Landsmannschaft.

„Da hat sich alles in meinem Kopf verschoben“, sagte einer der Männer später. Wir immer dabei. 

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