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Immerhin scheint es Rosenblätter geregnet zu haben für Sebastian (Ryan Gosling) und Mia (Emma Stone).

„La La Land“

Es fehlt etwas zum großen Wurf

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Wie man das länger schon schlafende Filmmusical wachküsst: Damien Chazelles vielgelobtes und mit sieben Golden Globes bedachtes „La La Land“ ist zumindest ein Versuch.

Kaum zu glauben, dass man einmal fürchtete, das Kino grübe dem Theater das Wasser ab. Wer heute ins Theater geht, sieht dort nachgespielte Filme von Lars von Trier oder Woody Allen. Und wer ein Musical sehen möchte, wird im Kino nur noch selten fündig. Eine weltweit operierende Industrie ist aus des Broadways liebstem Kind erwachsen, doch sie hat nur noch sehr wenig zu tun mit dem Erbe von George Gershwin oder Cole Porter, das Künstler wie Fred Astaire Anfang der 30er Jahre nach Hollywood trugen.

Natürlich weiß man auch in der Filmindustrie von Los Angeles, dem La La Land, um den medialen Wandel. Doch abgesehen von Disney, das seine Trickfilmmusicals wie „Vaiana“ gleich mit dem Blick auf spätere Broadway-Fassungen produziert, tut kaum jemand etwas dagegen.

Kein Wunder, dass „La La Land“ in dieser Woche bei den Golden Globes abräumte. Immerhin hält der Traditionspreis die Sparte „Komödie/Musical“ noch immer lebendig, als warte man auf den Prinzen, der das schlafende Genre wachküsst. Zumindest ein Küsschen ist zu spüren von Nachwuchsregisseur Damien Chazelle, der nächste Woche seinen 32. Geburtstag feiert.

Sein Film ist über weite Strecken fraglos ein Vergnügen, und man kommt in den Verdacht, ein Nörgler zu sein, wenn man sich nicht restlos begeistert, aber ja: Etwas fehlt „La La Land“ zum großen Wurf, an keines seiner Vorbilder reicht er heran. Es ist ein Film, der sich sehr viel auf einmal vornimmt, der eine Verbeugung vor den MGM-Klassikern mit Gene Kelly sein will, wie auch eine Hommage an Jacques Demy, ihren Bewunderer aus der französischen Nouvelle Vague. Was dabei fehlt, ist echte, unbeschwerte Leidenschaft. Chazelle beschwert seinen Film mit einem konservativen Beharren auf dem angeblichen Aussterben jener kulturellen Traditionen, die er feiern möchte. Wie bei Chazelles erster Regiearbeit „Whiplash“ ist das zu allererst der Jazz. Man muss schon ein sehr rückwärtsgewandter Jazzfan sein, um das ähnlich zu sehen.

Sieht man am Anfang Ryan Goslings Filmfigur, den ehrgeizigen Pianisten Sebastian, zu alten Vinylplatten üben – der Star beherrscht das Fingerspiel glaubhaft – klingt es, als hätte er den Cool Jazz persönlich erfunden. Nur bei seinem Brotjob als Barpianist ist das weniger gefragt. Schlimm genug, dass keiner applaudiert bei der einsamen Virtuosennummer, die er sich zwischen den Weihnachtsliedchen erlaubt. Er wird gefeuert, und selbst die Gunst der einzigen Musikliebhaberin im Saal tröstet ihn wenig: Die von Emma Stone gespielte, aufstrebende Schauspielerin rennt er einfach um. J. K. Simmons, der sadistische Bandleader aus „Whiplash“, darf in der Rolle des Restaurant-Managers noch einmal ins alte Rollenmuster schlüpfen.

Gott sei Dank sieht man sich im Leben und dem, was sich Hollywood darunter vorstellt, immer zweimal: Die junge Schauspielerin wird zur Zeugin eines noch unrühmlicheren Auftritt Sebastians. Als Keyboarder einer „A-ha“-Revivalband sieht sie ihn sein Talent erneut unter Wert verkaufen.

Beide Szenen sind umwerfend gespielt, und endlich kommen wir der Romanze näher: Auf dem nächtlichen Nachhauseweg auf den Hollywood-Hills geht der Dialog wie erhofft in eine schmissige Song-and-Dance-Nummer über: Es ist nicht gerade „Ein Amerikaner in Paris“, aus dessen Seine-Spaziergang zur Nummer „Our Love Is Here To Stay“ die Szene stibitzt. Es sind nur zwei Amerikaner in Los Angeles, von denen einer wenigstens so singen möchte wie Chet Baker.

Dass Ryan Gosling weder sängerisch noch tänzerisch sonderlich begabt ist, gerät dem Film indes nicht zum Nachteil: Filmmusicals lebten immer davon, dass man Schauspieler in Gesangsrollen besetzte, anders als auf heutigen Musicalbühnen, wo man oft meint, es mit Casting-Show-Gewinnern zu tun zu haben. Es gibt wunderbare Beispiele für Musicals mit Stars, die kaum singen konnten, man denke nur an Marlon Brando („Guys and Dolls“) oder Richard Harris („Camelot“).

Auf den ersten Blick scheint „La La Land“ nun den Dramaturgien klassischer Backstage-Musicals zu folgen: Man lässt sich Anstecken vom Ehrgeiz der Hauptfiguren, und weiß doch, dass die harte Unterhaltungsindustrie nicht jedem Genie zu Erfolg und gar Ruhm verhelfen kann. Dass es der jungen Schauspielerin nicht im anspruchsvollen Off-Theater gelingt, sondern in einer anspruchslosen Fernsehserie, mag überraschen, passt aber doch zur Selbstkritik, die ebenfalls Teil der Hollywood-Historie ist. Schließlich ging kaum jemand kritischer mit der eigenen Zunft um als der wohl größte aller Musical-Regisseure, Vincente Minnelli, in seinem Drama „Stadt der Illusionen“. Die verhinderte Liebesgeschichte schließlich hat ebenfalls viele Vorbilder, das schönste wohl in „Die Regenschirme von Cherbourg“. Nur dass sie uns diesmal kaum rühren kann.

Kulturkonservatismus ist selten ein guter Ratgeber. Wer mit der Ryan-Gosling-Figur betrauert, dass der Jazz eine aussterbende Kunst sei, dem waren schon der Free Jazz der Siebziger und der mittlere Miles Davis zu modern. Nur wer eine Kunst historisch eingrenzt, kann sie für ausgestorben erklären. Der Jazz wird nicht dadurch wiederbelebt, dass Robbie Williams zu einem Swing-Orchester singt, sondern er ging selbstverständlich ein in die unterschiedlichsten musikalischen Strömungen der Gegenwart.

Es ist seine Vinylplatten-Retro-Sentimentalität, die „La La Land“ zusehends beschwert. Wie rückwärtsgewandt dieser Film künstlerisch ist, das wird besonders in seinem Soundtrack deutlich: Man kann Michel Legrand, dem Komponisten von Jacques Demys „Die Mädchen von Rochefort“ nur zu einem Plagiatsprozess raten, das Hauptthema wurde geradewegs aus Michel Piccolis Musikgeschäft stibitzt.

Jetzt, wo man es ein wenig wachgekitzelt hat, kann man das Filmmusical vielleicht auch richtig wiederbeleben. Gut möglich, dass Damien Chazelle, ein hochmusikalischer Filmemacher, der richtige Mann dafür ist.

La La Land. USA 2016. Regie: Damien Chazelle. 128 Min.

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