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„Die Anstalt“ im ZDF: Armes reiches Deutschland

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Von: David Segler

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In der Dezemberausgabe der „Anstalt“ im ZDF beschäftigen sich Max Uthoff, Claus von Wagner und ihre Gäste Barbara Ruscher, Kübra Sekin, Martin Fromme und Timo Wopp weihnachtlich-satirisch mit dem Thema Inklusion.
In der Dezemberausgabe der „Anstalt“ im ZDF beschäftigen sich Max Uthoff, Claus von Wagner und ihre Gäste Barbara Ruscher, Kübra Sekin, Martin Fromme und Timo Wopp weihnachtlich-satirisch mit dem Thema Inklusion. © Screenshot ZDF

Inklusion scheint überall gewollt. Die Dezember-Ausgabe der Anstalt zeigt: Das Gegenteil stimmt. In Deutschland wird sie oft verhindert.

Frankfurt – In fast zehn Jahren Anstalt haben die beiden Leiter Max Uthoff und Claus von Wagner sich an diversen Themen und Zuständen in Deutschland und der Welt abgearbeitet. Es ging natürlich viel um die Klimakatastrophe, aber auch Steuersysteme, Rassismus oder zuletzt die Revolution im Iran haben einen Platz in der Sendung gefunden. Ein Thema, das seit Jahren als großes „Problem“ bekannt ist, aber viel zu wenig Platz im öffentlichen Diskurs findet, steht nun in der letzten Ausgabe des Jahres im Zentrum.

Kurz vor Weihnachten in Zeiten der Jahresrückblicke und der viel propagierten „Menschlichkeit“ mit Spendengalas legt die Anstalt im ZDF mit Nachdruck einen Finger in die Wunde Inklusion. Die 45 Minuten zeichnen ein beschämendes, wenn auch nicht gänzlich neues Bild vom Stand der Inklusion in Deutschland. 

Die Anstalt im ZDF: Bild vom Stand der Inklusion in Deutschland

Wie es inzwischen gang und gäbe ist, wird in der Anstalt nicht nur über Menschen geredet, deren Alltag Gegenstand der Sendung ist, sondern immer auch mit ihnen. So sind auch diesmal zwei Menschen mit Behinderung zu Gast, die Moderatorin und Schauspielerin Kübra Sekin sowie der Autor und Komiker Martin Fromme. Timo Wopp und Barbara Ruscher komplettieren das Ensemble dieser Folge. 

Zur Sendung

„Die Anstalt“, ZDF, vom Dienstag, 20. Dezember. Zur Sendung im Netz.

Eingebettet in eine fiktive ZDF-Spendengala (einzige Irritation: Max Uthoff als Dieter-Wedel-Verschnitt, der in der klassischen Rollenverteilung mit Wagner den „Good Cop“ gibt) behandelt die Sendung zwei große Themenblöcke: Die Arbeitsrealität von Menschen mit Behinderung und das katastrophale System der Förderschulen. Beides erweist sich als ein dermaßen großer Skandal, dass man sich fragt, wie die Entscheider:innen überhaupt noch ruhig schlafen können. 

Der Staat fördert Behindertenwerkstätten mit fünf Milliarden Euro im Jahr, das wären gut 17.000 für jeden behinderten Menschen in Deutschland, doch sie bekommen nichts vom neuen 12-Euro-Mindestlohn, auf den die Ampel-Regierung so stolz ist, sondern werden mit skandalösen 1,35 € pro Stunde abgespeist. Besonders perfide ist, dass diese Menschen Waren für die großen Firmen wie Audi, VW oder auch Waffenhersteller produzieren. Für die millionenschweren Konzerne sind sie gern genommene billige Arbeitskräfte. Aber sie könnten abzuwandern, wenn die Behindertenwerkstätten geschlossen würden, wie es die UN-Menschenrechtskonvention schon seit 2015 dringend empfiehlt. 

Die Anstalt im ZDF: Umdenken beim Thema Inklusion scheint in weiter Ferne

Dies tut die UN übrigens auch beim System der Förderschulen, doch nimmt Deutschland eine von der Politik offensichtlich genau so gewollte Alleinstellung in Europa ein. Die Zahlen sprechen hier eine eindeutige Sprache – in beiden Themenblöcken.

Gerne wird hier Bremen als Positivbeispiel genannt, denn 91 Prozent der Schüler:innen mit Behinderung sind hier bereits in Regelschulen integriert – doch auch das ist im europäischen Vergleich höchstens Durchschnitt. Aber eine wirkliche Verbesserung oder gar ein komplettes Umdenken scheint in weiter Ferne – wirbt die neoliberale FDP im Wahlkampf doch zum Beispiel aktiv mit dem Erhalt der Förderschulen. 

Es ist wie wie so oft: Mit großen Inszenierungen wirbt man gerne für Inklusion oder auch Integration; öffentlichkeitswirksam propagiert man soziale Themen, setzt sich für die Menschen am Rande des Gemeinwesens ein. Aber im Konkreten will man sich diese „Bürde“ dann doch nicht aufladen. Armes reiches Deutschland! (David Segler)

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