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Die Oscars stehen bereit.

Oscar 2013

Die Favoriten bei der Oscar-Verleihung

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Am Sonntag werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Vieles spricht dafür, dass es mit Triumphen für Haneke und Spielberg ein mehrheitlich altmeisterlicher Oscar-Abend wird. Eine Vorschau auf die Favoriten und ihre Gewinnchancen.

Stellen wir uns vor, es ist Oscar-Verleihung, und jeder weiß schon vorher, was geschieht. „Ich glaube, diesmal habe ich alle Tipps richtig“, frohlockte der amerikanische Star-Kritiker Roger Ebert, der mit seinen Vorhersagen alljährlich gegen die Leser der Chicago Sun Times wettet.

Tatsächlich teilen in Hollywood viele seine Ansicht, dass „Argo“ an diesem Sonntagabend nach aller Wahrscheinlichkeit zum Besten Film des Jahres gekürt werden wird. Regisseur und Star Ben Affleck beweist darin, dass man auch heute noch eine Formel aus Hollywoods goldener Zeit verwenden kann, ohne dabei so formalistisch zu wirken wie die meisten Blockbuster. Eine wenig bekannte Episode aus der jüngeren Geschichte – die trickreiche Befreiung US-amerikanischer Geiseln aus der Teheraner Botschaft in den revolutionären Wirren des Jahres 1980 – wird von Affleck höchst unterhaltsam zu einer Hommage an Hollywood entwickelt: Der gestandene Produzent, der hier bereit ist, zur Rettung seiner Landsleute einen Fake-Film zu produzieren, ist für das durchschnittliche männliche Akademie-Mitglied über 60 die schönste nur denkbare Identifikationsfigur.

Und doch: Man kann sich auch anderes wünschen. Ein Freund, der bei der Academy beschäftigt ist, macht aus seiner Sorge keinen Hehl: Mit „Argo“ gewänne zwar ein unterhaltsamer, aber doch auch ein letztlich unbedeutender Film, der noch dazu recht schamlos sein Unterhaltungspotenzial aus dem Leid der Opfer ziehe. Möglicherweise teilen die Stimmberechtigten diese Bedenken: Ein echter Oscar-Film sollte die Zeiten überdauern und doch noch etwas mehr als großen Spaß bereiten.

Die kühnste Entscheidung wäre es da, den innovativen Independentfilm „Beasts of the Southern Wild“ zu prämieren – aber das wird nicht geschehen: Nach allen Gepflogenheiten gilt Debüt-Regisseur Benh Zeitlin bereits als reich beschenkt durch die vier Nominierungen, die sein Film gewinnen konnte.

Zu independent, zu theaterhaft, zu schräg

Auch die berührend-ernste Komödie „Silver Linings“ von David O. Russell ist eine Spur zu „independent“ für den Oscar. „Les Miserables“ ist dagegen zu theaterhaft, Quentin Tarantinos „Django Unchained“ zu schräg und Kathryn Bigelows Bin-Laden-Film „Zero Dark Thirty“ zu umstritten in seiner Bewertung der Folter als Instrument zur Jagd nach dem Terroristen. Michael Hanekes Sterbedrama „Liebe“, für das erstmals in der Preis-Geschichte mit Stefan Arndt ein deutscher Produzent für den wichtigsten Oscar nominiert wurde, gewinnt todsicher als Auslandsfilm.

So aber kann nur Steven Spielberg den Favoriten „Argo“ ausstechen mit seinem „Lincoln“ – dem einzigen Politdrama in diesem Jahr, dem tatsächlich eine Neubewertung der Geschichte gelingt, und dies ebenfalls auf höchst unterhaltsame Art. Da dies zu einem nicht geringen Teil am Drehbuch liegt, ist Autor Tony Kushner auch dieser Preis schon sicher. Gewinnen wird weiterhin Steven Spielberg als Regisseur (das ist beinahe Gesetz, da er schon den Preis der Regisseursgilde erhalten hat).

Rekordverdächtig wäre ein Filmmusikpreis für John Williams: Für den 81-jährigen wäre es die sechste Trophäe – und keineswegs unverdient für die subtile Untermalung eines Films, der vor allem von Dialogszenen lebt.

Den Durchmarsch für dieses Bürgerkriegs-Epos komplettieren wird Daniel Day Lewis als bester Hauptdarsteller: Er hat einer Ikone aus den Geschichtsbüchern neues Leben eingehaucht und verdient dafür seinen dritten Oscar.

Und auch Nebendarsteller Tommy Lee Jones sollte, so einsilbig man ihn auch kennt, schon einmal eine Rede einstudieren – selbst wenn er mit Christoph Waltz (Django Unchained), Philip Seymour Hoffman (The Master) und Robert DeNiro (Silver Linings) würdige Konkurrenten hat.

Vernunft spricht für Jennifer Lawrence

Unter den Hauptdarstellerinnen spricht alle Vernunft für Jennifer Lawrence und ihre überaus glaubwürdige, psychologisch höchst komplexe Rolle in „Silver Linings“, und wahrscheinlich geschieht das sogar. Aber dann entgingen den Fernsehkameras die Freudenschreie von Quvenzhané Wallis, der kindlichen Urgewalt aus „Beasts of the Southern Wild“, und das möchte man um nichts in der Welt verpassen.

Für die weibliche Nebenrolle wird Anne Hathaway den Preis bekommen: Schon 2008, als Hugh Jackman die Gala moderierte, gab sie eine unvergessliche Probe ihres Musical-Talents. Sie allein macht die vergleichsweise schwache Filmversion der „Miserables“ sehenswert.

Und wie gern würde man auch Hollywoods kunstvollsten Studio-Regisseur Tim Burton endlich einmal einen Oscar entgegennehmen sehen, doch sein schwarzweißer „Frankenweenie“ ist zu speziell für diese Kategorie. Das Disney Studio gewänne dann dennoch mit „Ralph reicht?s.“

Es gab wenige Filme, die in diesem Jahr so ungeteilte Begeisterung entfachten wie „Liebe“ von Michael Haneke. Der Österreicher dürfte dafür neben dem Auslands-Oscar auch den Preis für das beste Originaldrehbuch entgegen nehmen.

Es spricht viel dafür, dass es mit Triumphen für Haneke und Spielberg ein mehrheitlich altmeisterlicher Oscar-Abend wird. Selbst wenn der vierzigjährige Ben Affleck doch den Preis für den „besten Film“ erhalten sollte.

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