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Fatih Akins „Rheingold“ im Kino: Es ist nicht alles Gold, was glänzt

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Von: Daniel Kothenschulte

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Emilio Sakraya als Giwar Hajabi alias Xatar in einer Szene des Films „Rheingold“.
Emilio Sakraya als Giwar Hajabi alias Xatar in einer Szene des Films „Rheingold“. © dpa

Episch aber ohne Größe: „Rheingold“, Fatih Akins Biopic des Gangster-Rappers Xatar.

Wo ist es versunken, das Rheingold des deutschen Kinos? Wenn auch der mehrfache Cannes-, Berlinale- und Venedig-Veteran Fatih Akin mit einem neuen Film nicht mehr bei einem der großen internationalen Festivals Premiere feiert, muss das natürlich nichts heißen. Lange konnte man den dortigen Gatekeepern der Filmkultur zurecht Arroganz und Ignoranz vorwerfen. Lange suchten sie nach dem „neuen Fassbinder“, dem nächsten Wenders oder Kluge, ohne selbst Abschied von gestern zu nehmen.

Und schließlich wäre Akin der Letzte, der sich fremde Erwartungen zu eigen machte. Bereits mit seinem Berlinale-Gewinner „Gegen die Wand“ hatte er genug Grenzen förmlich platt gefahren. Das deutschtürkische Liebespaar seiner tragischen Liebes- und Überlebensgeschichte führte nicht nur das Mainstream-Publikum in ein sorgsam übersehenes Deutschland. Der Film pulverisierte mit seiner Kraft zugleich die in Deutschland kaum überwindlich erschienene Trennung zwischen Autoren- und Genrekino. Akins „Auf der anderen Seite“, einer der besten deutschen Filme des 21. Jahrhunderts, ließ dann auch diese Kategorien lässig hinter sich.

Fatih Akins „Rheingold“: Irgendetwas fehlt

Wäre „Rheingold“, die freie Verfilmung der Autobiografie des Rappers Xatar (ursprünglich Giwar Hajabi), selbst nicht so sehr an den Kategorien von Erfolg und Anerkennung interessiert, wäre seine Festivalkarriere wohl auch kein Thema. Aber ja, es fehlt ihm einfach bei allem Unterhaltungswert eben über weite Strecken jene besondere Freiheit im Ausdruck, dieser beißende Glanz, der Akin zu einem der wenigen Weltstars unter deutschen Regisseuren gemacht hat.

Bevor erst im letzten Akt des Films Hip-Hop überhaupt ein Thema wird, überhöht der Film mit großen Gesten den nicht wirklich interessanten Karrierismus eines aufstrebenden Kleinkriminellen. Sympathisch durchaus in seinen ersten Missetaten – dem Verticken selbst kopierter Pornovideos auf dem Schulhof – entwickelt der zunächst von Ilyes Raoul, dann von Emilio Sakraya gespielte Held einen beeindruckenden Ehrgeiz.

Doch anders als von seinen iranisch-kurdischen Eltern vorgelebt hat dieser Ehrgeiz nichts mit einer Karriere im bürgerlichen Musikbetrieb oder politischem Aktivismus zu tun. Einmal von stärkeren Jungs verprügelt geht er bei einem Kampfsportler in die Lehre, um künftig keinen Faustkampf zu verlieren. Auch als zeitweiliger Musikbusiness-Student in Amsterdam kommt ihm die früh erworbene Ausstrahlung von Unverwundbarkeit zugute, wenn er sich anschickt, im hart umkämpften Geschäft der Diskotheken-Türsteher Karriere zu machen.

Ein absurder Patzer

Als Xatar sich dann bei einem skrupellosen Drogenbaron anbiedert, sollte er uns eigentlich unsympathisch werden – aber Akin gelingt das Gegenteil: Ein absurder Patzer bei einem Drogentransport lässt ihn die ganze Ladung verlieren – und zwingt ihn förmlich gegen den eigenen Willen in die nächste Stufe in der kriminellen Karriere. Als Steuerfahndungspolizist verkleidet überfällt er „erfolgreich“ mit Kumpanen einen Goldtransporter.

Diese Szene, die stärkste des Films, ist eines Ken Loach würdig. Doch anders als die Helden in den sozialen Komödien des Briten ist der spätere Xatar kein Robin Hood. Die gesellschaftliche Umverteilung kommt ihm nur selbst zugute – wenn er schließlich, nach verbüßter Haft, mit seiner Familie in einem modernistischen Villenneubau residiert. Dazwischen, fast hätten wir’s vergessen, steht endlich das eine Ereignis, das ihm auch die Ehre dieses Biopics verdienen soll: die heimliche Komposition und Aufnahme des Albums „451“ in der Zelle, seines Durchbruchs im Gangster-Rap.

Zum Film

Rheingold. D 2022. Regie: Fatih Akin. 138 Min.

Ausgebreitet auf epische 138 Filmminuten verlieren sich die Proportionen, vermischt sich das Banale mit dem gewollt Heroischen. Auch das hat manchmal seinen Stil und entspricht durchaus der Musikrichtung, um die es geht – und vermittelt doch wenig von Xatars künstlerischer Arbeit. Die Glätte dieses komfortabel ausgestatteten Films verströmt eher goldigen Glanz, als dass er funkelnde Lebenssplitter generierte wie in den Filmen, denen Akin seinen Ruhm verdankt.

Und genau darin bestätigt er auch eine neue Erwartungshaltung, die dem deutschen Kino derzeit international vorausgeht – einer von der Förderung gesättigten Filmkultur, welcher der Hunger nach Bildern ausgegangen ist. Auch das natürlich ein Vorurteil, das zu widerlegen man meist unterfinanzierten Debütantinnen und Debütanten überlässt. Deutsche Filme, man findet sie derzeit international nur noch auf den Festivals der zweiten Liga. Für „Rheingold“ war es diesmal nur noch Rom und nicht Venedig. (Daniel Kothenschulte)

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