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Regisseur Akin zum neuen Film „Rheingold“ über Ex-Gangster-Rapper Xatar

Erstellt:

Von: Marc Hairapetian

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Im Interview sprach Regisseur Fatih Akin über seinen neuen Film „Rheingold“, seine Freundschaft mit Xatar und über den Tod seines Vaters.

Berlin – Nicht wenigen Cineasten gilt Fatih Akin als bester Filmemacher hierzulande. Seit seinem rasanten Spielfilm-Debüt „Kurz und schmerzlos“ (1998) ist der am 25. August 1973 in Hamburg geborene Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Gelegenheitsschauspieler jedenfalls nicht mehr aus der deutschen Kinolandschaft wegzudenken.

Für „Gegen die Wand“ mit dem 2020 verstorbenen Birol Ünel und der ehemaligen Porno-Darstellerin Sibel Kekilli in den Hauptrollen wurde er 2004 mit dem Goldenen Bären, dem Deutschen Filmpreis und dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. 2014 erreichte „The Cut“, seine filmische Aufarbeitung des Völkermords an den Armeniern, internationale Aufmerksamkeit. Der Film durfte zuerst unzensiert in der Türkei laufen, ist dort aber inzwischen aus dem Verkehr gezogen worden. 2018 erhielt sein Rachethriller „Aus dem Nichts“ den Golden Globe.

„Rheingold“: Lebensgeschichte des Ex-Gangster-Rappers Xatar

Nach der umstrittenen Horror-Groteske „Der Goldene Handschuh“ (2019) hat er sich mit „Rheingold“ der zwischen Flucht, Gefängnisaufenthalten und musikalischen Erfolgen lavierenden Lebensgeschichte des Ex-Gangster-Rappers Xatar angenommen, der vom diesjährigen European Shooting Star der Berlinale – Emilio Sakraya – verkörpert wird.

Fatih Akin (rechts) und FR-Autor Marc Hairapetian am 30. September 2022 im Hotel SO/Berlin Das Stue.
Fatih Akin (rechts) und FR-Autor Marc Hairapetian am 30. September 2022 im Hotel SO/Berlin Das Stue. © Karen Rudolph

Fatih Akin und Marc Hairapetian kennen sich seit 2002. 2014 führten sie ein ausführliches Gespräch zu „The Cut“ und präsentierten im Frühjahr 2015 gemeinsam den „Fokus Armenien“ in der Wiesbadener Caligari FilmBühne.

In ihrem neuesten Interview, das am 30. September 2022 im Hotel SO/Berlin Das Stue stattfand, unterhielten sie sich nicht nur über „Rheingold“ und Fatih Akins Freundschaft mit Xatar, sondern auch über sein gesamtes bisheriges Filmschaffen und den Tod seines Vaters. 

„Rheingold“ ist Deinem Vater gewidmet, der während der Dreharbeiten verstarb. Zuerst einmal mein aufrichtiges Beileid. War das nicht ungemein schwer für Dich, den Film zu Ende zu bringen?

Danke Dir. Ja, es war natürlich sehr schwer. Mein Vater starb am 24. Oktober letzten Jahres, zwei Tage vor seinem 79. Geburtstag. Er ist nicht Jahrgang 1943 gewesen, wie in seinem Pass steht, sondern 1942. Er war nicht krank, war aber jederzeit bereit zu gehen, so nach dem Motto: „Es könnte jeden Moment vorbei sein.“ Er sagt auch in „Kurz und schmerzlos“ diesen denkwürdigen Satz: „So wie ein Film zu Ende geht, geht auch irgendwann das Leben zu Ende.“

Und so ist‘s auch wirklich mit ihm zu Ende gegangen. Mein Vater hat noch seine Memoiren verfasst. Und da schreibt er, dass er eigentlich in den Wintermonaten 1942 geboren sei, dass aber sein Vater ihn aber später eingetragen habe, damit er nicht so früh zum Militär muss und länger Geld verdienen kann für die Familie. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis, da werde ich nie wirklich darüber hinweg sein.

Auch, wenn es nicht einfach fällt, aber kommen wir auf Deinen neuen Film zu sprechen. Der spätere Teil ist wie ein Mafia-Epos inszeniert, aber der Anfang, der im Iran und im Irak spielt, hat fast Politthriller-Elemente. Beim Sehen habe ich gedacht: Martin Scorsese trifft auf Constantin Costa Gavras. Kannst Du mit dieser Analogie etwas anfangen?

Auf jeden Fall. Der Film sprüht doch nur so vor Filmzitaten und drückt meine Liebe zum Kino sehr gut aus.

Ist „Rheingold“ für Dich also auch Genre-Film?

Schau mal, es verhält sich so: Die Idee war eigentlich, als ich das Buch von Xatar gelesen habe, dass alles so aussehen sollte, als ob der Zuschauer durch Landschaften fährt, aber da sind nicht Berge und Flüsse, sondern Genres. Das ist ein Politthriller, das ist ein Jugendgang-Film beziehungsweise eine Coming-of-Age-Geschichte, aber auch ein Musikfilm.

Ich wollte schon immer einen Film über Yilmaz Guney machen, wie Du weißt. Und der hat seinen Film „Yol – Der Weg“ ähnlich wie – es sich bei Xatar mit der Musik verhält – aus dem Knast gemacht. Er hat ihn nicht selbst inszenieren können, aber sein Drehbuch wurde aus dem Gefängnis geschmuggelt. Und hier bei „Rheingold“ konnte ich eben jetzt einen Film über einen anderen Kurden machen…

…der auch im Knast saß! Das erinnert auch an Costa-Gavras und seinen legendären Politthriller „Z“, bei dem der in Griechenland inhaftierte Komponist Mikis Theodorakis, den Soundtrack rausschmuggeln lassen musste. Schwingt bei Dir nach der intensiven Beschäftigung mit Xatar auch Bewunderung für ihn mit?

Na, klar. Bewunderung vor allem, so ein Leben gelebt zu haben. Eigentlich sind es sogar drei oder vier Leben. „Die ersten Erinnerungen meines Lebens sind die Erinnerungen an das Gefängnis“ – das ist der erste Satz in seinem Buch. Das Buch ist viel pulp, aber der Satz ist ganz schön krass. Genau wie er das alles überstanden hat und nicht geredet hat unter Folter. Sagen wir es mal so: Das finde ich schon alles sehr faszinierend. 

Und seit Ihr jetzt dicke Freunde?

Ja. Mein Vater ist gestorben und eine Woche später ist sein Sohn geboren. Er fragte mich: „Wie hieß denn dein Vater?“ „Enver“, antwortete ich. Und dann hat er beim Zweitvornamen seinen Sohn „Anvar“ genannt, während wir weiterdrehten. Das heißt „Der Erleuchtete“ und das war mein Dad!

(Abkürzung für Giware Hajabi, was wiederum der bürgerliche Name von Xatar ist) und ich sind tief verbunden inzwischen, dass ist dann doch ein Schicksalsding. „Rheingold“ war kein Auftragsfilm. Es war nicht so, dass Xatar mit zwei Koffern voller Geld kam und sagte: „Hier! Dreh mir mal mein Leben!“ Ich las einfach sein Buch und wusste: „Das will ich verfilmen!“

Hattest Du schon vorher seine Musik gehört?

Ich kannte die Musik nicht so gut. Ich hörte kaum Deutsch-Rap. Jetzt höre ich das Zeug.

Und gefällt es Dir?

Es gibt Platten, die finde ich großartig. Alle Platten von Haftbefehl sind großartig. Er ist der Johnny Cash des deutschen Rap. Eno habe ich neu entdeckt für mich. Xatar und ich haben einen gemeinsamen, wichtigen Freund: Das ist Moritz Bleibtreu.

Dieser hat den von Özgür Yildirim gedrehten Film „Nur Gott kann mich richten“ produziert und Xatar hat darin mitgespielt und einige Songs dazu beigesteuert. Auch „Familye“ von Kubilay Sarikaya und Sedat Kirtan über Kleingangster in Berlin-Spandau hat Moritz produziert, während Xatar wieder mitgespielt hat. Ist ein geiles Teil in Schwarzweiß. Daher kommt meine Verbindung zu Xatar. Aber in „Rheingold“ machen weder Moritz noch Xatar mit. Leider!

Emilio Sakraya, der Xatar verkörpert, habe ich bereits bei der diesjährigen Berlinale als „European Shooting Star“ interviewt. Für „Rheingold“ musste er im Wortsinn Haare lassen.

Er ist einfach hervorragender Schauspieler. Die Szenen, wo er im Film noch Haare hat, haben wir als erstes gedreht. Und dann hat ihm Xatar die Glatze rasiert.

Kann er das?

Der war im Gefängnis! Da gibt es nicht viel, was er nicht kann.

Emilio Sakraya, der lange ein „Schönling“-Image hatte, überzeugt dadurch, dass er bei seiner Darstellung nicht auf Sympathie und Gefälligkeit setzt. Er kommt eigentlich recht düster rüber. Selbst in der Endsequenz, wo er glücklich vereint zusammen mit seiner Frau und Tochter zusammensitzt, hat er ein Pokerface. Er ist mehr Antagonist als Protagonist in „Rheingold“…

Als Gangsterrapper Xatar gibt es bei ihm auch Grenzen. Das sieht man in den Mafia-Szenen. Das ist Punkt, wo er erkennt: Das ist nicht meins. Das ist nicht mein Leben. Emilio hat so viel mitgebracht in „Rheingold“. Er hat sogar seinen eigenen Bruder ans Set geschleppt. Dieser spielt den 17-jährigen Xatar.

Es gibt heftige Gewalt in Deinem Film, die aber sehr dosiert eingesetzt ist. Schockierend sind die Szenen, wo der so gemütlich wirkende Chef des kurdischen Clans, den alle „Onkel“ nennen, plötzlich bei einem Meeting einen Emporkömmling niederschießt und alle anwesenden jungen Männer – bis auf Xatar – auf den Halbtoten eintreten. Auch die Folterszenen im Irak, wenn beispielsweise dem inhaftierten Xatar von einem Wärter ein Zahn mit einer Zange gezogen wird, sind heftig. Ist am Set die Stimmung bei solchen Szenen gedrückt oder eher nicht, weil das vom Drehen her ein technischer Vorgang ist?

Letzteres. Es ist sehr technisch und wir haben viel am Set gelacht dabei. Ich habe bei „Der Goldene Handschuh“ gelernt, viele gewalttätige Szenen nicht explizit zu zeigen. In der Andeutung liegt der eigentliche Horror, der sich im Kopf des Zuschauers weiterspinnt.

Für „Der Goldene Handschuh“, den ich sehr positiv besprochen habe, hast Du insgesamt betrachtet viel Kritik einstecken müssen..

Danke für Deine Rezension. Der „Goldene Handschuh“ ist mein Lieblingsfilm von meinen eigenen Produktionen.

Ich persönlich finde neben „Der Goldene Handschuh“ Deinen Debütfilm „Kurz und schmerzlos“ und nicht nur aufgrund meiner armenischen Abstammung „The Cut“ über den Völkermord an dem Armeniern im Osmanischen Reich am besten, der in Deutschland von vielen Kritikern auch negativ bewertet wurde.

„The Cut“ hat vier von fünf Sternen bei Amazon! Das Publikum feiert den Film! Fast zehn Jahre nachdem ich ihn gedreht habe, werde ich immer wieder auf ihn angesprochen. Wenn ich nach Frankreich gehe, sagt mir wirklich jeder Armenier, der den Film gesehen hat, wie viel er ihm bedeutet. Und auch Xatar, der Kurde ist, sagte, als er gefragt wurde, was sein Lieblingsfilm von mir ist: „‚The Cut‘ ist Fatihs bester Film!“

Du hast noch nicht „Gegen die Wand“ erwähnt. Gehört dieser fulminante Erfolg nicht zu Deinen eigenen Lieblingsfilmen?

Meine Filme sind alle meine Kids. Ich gucke die ja ganz anders: Ich sortiere mein Leben, nach den Filmen, die ich gedreht habe. Das ist immer ganz hilfreich. Jeder von meinen Filmen, der immer für eine bestimmte Lebensphase bei mir steht, ist, wenn ich ihn mir nochmals anschaue, ein Ansporn es beim nächsten Mal besser zu machen. Ich unterscheide auch zwischen Originalstoffen und Fremdstoffen. „The Cut“ war basierend auf historischen Fakten ein Originalstoff. „Soul Kitchen“ ist ein sehr persönlicher Film. Auch „Gegen die Wand“. „Tschick“ hingegen ein Fremdstoff, eine Auftragsarbeit, die ich aber gern gemacht habe. Auch „Rheingold“ ist kein Originalstoff.

Warum nimmst Du seit geraumer Zeit immer wieder sogenannte „Fremdstoffe“ an?

Ich kann nicht darauf warten, dass mich die Muse mit Originalstoffen küsst. Das passiert heute eher alle sieben Jahre. Früher, als ich jünger war, hatte ich mehr zu erzählen.

Hast Du wirklich jetzt weniger zu erzählen?

Originalstoffe sind wie Pickel – in der Jugend hast du mehr davon. Ich habe viele Sachen, die mir wichtig sind, schon erzählt. Und ich hasse es, mich zu wiederholen. Es gibt einen Ausspruch bei Rappern: „Je reicher der Rapper, desto schlechter die Platte, die dabei herauskommt“. Jetzt bin ich nicht reich, doch das Leben, was ich lebe, bewegt sich viel in Filmwelten, aber ich will keine Filme über Regisseure in der Krise machen, wie es Paolo Sorrentino oder Alejandro González Iñárritu tun. Die Phase, in der ich mich befinde, legt seinen Fokus mehr auf das Handwerk. „Der Goldene Handschuh“ gefällt mir deshalb am besten, weil er vom Handwerk der Höhepunkt meines bisherigen Schaffens ist.

Jetzt startet erst einmal „Rheingold“ in den Kinos. Doch was wird Dein nächster Film sein?

 Ich werde nach einem Drehbuch von Hark Bohm eine Kindheitsgeschichte von ihm namens „AMRUM“ auf die Leinwand bringen. Diese spielt auf der gleichnamigen Nordseeinsel in der letzten Woche des zweiten Weltkriegs. Das ist wirklich sehr weit weg von meinen Originalstoffen.

Apropos: „Originalstoffe“. Kommen wir zum Abschluss, wieder auf „Rheingold“ zu sprechen. Du warst mal selbst in Hamburg in einer Jugendgang. Auch wenn der Film über Xatar ist – fließen da nicht persönliche Erlebnisse von Dir ein?

Doch, klar. Bestimmte Sachen, die ich selbst in meiner Jugendzeit erlebt habe, sind in die Inszenierung eingeflossen. Als Xatar das gesehen hatte, bestätigte er dies: „Genauso war es auch bei mir.“ Es gibt also Dinge bei Kleinkriminellen, die sich universell wiederholen. (Lacht schallend) Ich hatte beispielsweise eine Szene mit Nunchakus geschrieben, die der Schere zum Opfer gefallen ist. In ihr wird von der Bande das „Würgeholz“ mittels eines zersägten Besens und einer Haustürkette hergestellt. Doch beim ersten Schlag geht sie gleich kaputt. Vielleicht hätte ich sie drin lassen sollen!

Fast alle Kampfszenen in „Rheingold“ sind ein Tribut an Yoo Has südkoreanischen Action-Klassiker „Once Upon a Time in Highschool: The Spirit of Jeet Kune Do“ aus dem Jahr 2004. Der hat am Ende wirklich die besten Schlägereien der Filmgeschichte!

(Interview: Marc Hairapetian )

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