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Regisseur Ridley Scott und seine Frau Giannina Facio vor der Premiere von "Alien: Covenant" in London.

Ridley Scott

Fantasy und Feminismus

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Er führte Regie bei Klassikern wie "Blade Runner", "Gladiator" oder "Thelma und Louise": Ridley Scott, der Meister des stilvollen Genrekinos, wird 80.

Irgendwann muss Ridley Scott beschlossen haben, dass die Story unwichtig ist“, schrieb die berühmte Kritikerin Pauline Kael 1982 und folgerte: „Blade Runner hat dem Publikum gar nichts zu geben.“ Ihr Verriss war nicht der einzige. Die 30-Millionen-Dollar-Produktion gehört in der Filmgeschichte in eine erlesene Riege von Flops, die erst später zu Legenden wurden – gemeinsam mit den Science-Fiction-Klassikern „Metropolis“ oder „2001 – Odyssee im Weltraum“.

Auch nach 35 Jahren hat der Filmemacher Kaels Verriss noch nicht verwunden. „Sie hat drei Seiten darauf verwendet, ‚Blade Runner‘ und mich zu zerstören“, klagte Scott kürzlich im Gespräch mit dem britischen „Guardian“, und bekannte: „Seither lese ich keine Presse mehr. Man muss sein eigener Kritiker sein.“

Ridley Scott feiert 80. Geburtstag

Das sagt viel über die Unbeirrbarkeit, mit der Ridley Scott, der an diesem Donnerstag seinen 80. Geburtstag feiert, seither seinen Weg gegangen ist. Immer kostspieliger wurden Hollywoods Blockbuster, doch der Brite schien jede technische Entwicklung förmlich zu umarmen.

Im Jahre 2000 gehörte sein Monumentalfilm „Gladiator“ zu den ersten Hollywoodfilmen, die wie selbstverständlich mit digitalen Effekten arbeiteten, etwa um Massenszenen zu generieren. Das Publikum schien förmlich auf seine Neuerfindung des Sandalenfilms gewartet zu haben: Allein in Deutschland bewunderten 3,7 Millionen Russell Crowe als gefallenen Feldherrn Maximus.

Hierzulande genießt der Regisseur vermutlich sogar größeres Ansehen als in seiner Heimat, wo er im Schatten steht von Autorenfilmern wie Mike Leigh, Ken Loach oder dem populären Stephen Frears. Ridley Scott, der 2003 zum Ritter geschlagen wurde, kam von der angewandten Kunst zum Film. Am Londoner Royal College studierte er Grafikdesign, der spätere Kunststar David Hockney gehörte zu seinen Mitstudenten. Das war während der Blüte der Popart zu Beginn der 60er Jahre, doch Scott verließ das Swinging London für ein Reisestipendium in die USA, wo er bei der Arbeit mit den Dokumentarfilmern Richard Leacock und D. A. Pennebaker seine ersten Erfahrungen mit dem Bewegtbild machte.

Zurück in England drehte er den Kurzfilm „Boy and Bicycle“ mit seinem Bruder, dem später ebenfalls als Regisseur erfolgreichen Tony, als einzigem Darsteller. Auch wenn kaum jemand den Film beachtete, verrät er doch Ambition. Große Kinobilder entstehen mit minimalem Aufwand, elegische Landschaften und John Barrys Filmmusik überhöhen die Fahrradtouren des Jungen zu kleinen Oden an die Freiheit.

Erst 1977 konnte Scott seinen ersten Langfilm drehen, der ebenfalls von der Landschaftsfotografie lebte: „Die Duellisten“ ist ein feiner, glänzend besetzter Kostümfilm in dem man einen Hauch von Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ spürt. Tatsächlich sollte Scotts weitere Karriere immer wieder Parallelen mit dem großen Perfektionisten aufwerfen. Wie Kubrick wechselte Scott gern die Genres und legte größten Wert auf Ausstattung, Design und Architektur.

„Alien: Covenant“ enttäuscht eher

Das Drehbuchschreiben überlässt er dagegen anderen; das Visuelle bestimmt sein Erzählen: Bei „Alien“ arbeitete er mit dem Schweizer Künstler H.  R. Giger zusammen, dessen phantastischem Surrealismus er in der Konzeption des Raumschiffes und seiner ungebetenen Bewohner breiten Raum gab. Doch auch dem überstrapazierten Road-Movie-Genre rang er mit „Thelma und Louise“ 1991 einen späten Klassiker ab.

Für einen Regisseur mit solchem Perfektionismus ist Scott ungewöhnlich produktiv. Noch immer stellt er im Schnitt alle zwei Jahre einen Film fertig, darunter so aufwendige Blockbuster wie zuletzt „Der Marsianer“ und den etwas enttäuschenden „Alien: Covenant“. Mit 80 ist Scott auf dem Höhepunkt seines Erfolgs – und gehört zu den wenigen Blockbuster-Regisseuren, die sich eine eigene Handschrift leisten. Und doch ging er in seinem Werk auch immer wieder Kompromisse ein: Es dauerte lange, bis er die ursprüngliche „Blade Runner“-Version hervorholte – noch ohne die nachträglich unterlegte Erzählstimme. Von „Thelma und Louise“ testete er vor Publikum erst zwei verschiedene Schlüsse, in denen die Heldinnen entweder überlebten oder starben – um in der finalen Version diese Frage buchstäblich in der Schwebe zu belassen.

„Alles Geld der Welt“: Kevin Spacey flog raus

Auch seinen jüngsten Film, „Alles Geld der Welt“ (Kinostart: 15. Februar), veränderte er noch einmal nach der Fertigstellung: Kevin Spaceys tragende Rolle des Multimillionärs J. Paul Getty wurde nach Bekanntwerden der Vorwürfe sexuellen Missbrauchs komplett aus dem Film herausgeschnitten. Nun spielt Altstar Christopher Plummer die Rolle. Es ist ein in der Filmgeschichte beispielloser Akt der Auslöschung einer kreativen Leistung, der kaum allein als moralisches Statement erklärbar ist; das Studio wollte den kommerziellen Erfolg des Films nicht durch eine Debatte über die Verfehlungen eines Darstellers belasten.

Aber die Empörung über Spaceys Verhalten ist berechtigt, und es ist verständlich, dass Scott sein Werk davor schützen möchte, im Zusammenhang mit der „#MeToo“-Debatte genannt zu werden. Immerhin verdanken wir seinen Filmen einige der modernsten Frauenbilder im Mainstream-Kino.

Neben den Heldinnen von „Thelma und Louise“ gilt das besonders für Scotts Entdeckung von Sigourney Weaver, die er auf einer New Yorker Off-Theater-Bühne für die Rolle der letzten Überlebenden im „Alien“-Raumschiff entdeckte. Im ursprünglichen Drehbuch hatte das noch eine rein männliche Besatzung.

„Ich freue mich, wenn man die feministischen Untertöne in meinen Filmen bemerkt“, sagt Scott. „Als ich ‚Thelma und Louise‘ las, sagten die Produzenten: ‚Das sind zwei Tussies in einem Auto.‘ Und ich sagte: ‚Nein, etwas mehr ist das schon.‘“

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