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Was wurde ihr am Ende zum Verhängnis? Melissa McCarthy und Richard E. Grant in „Can You Ever Forgive Me?“.

„Can You Ever Forgive Me“

F wie Fälschung

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Marielle Hellers hübsches New Yorker Biopic über eine Autographen-Fälscherin: Das Oscar-nominierte Kleinod „Can You Ever Forgive Me“.

Es liegt nichts Heroisches im Fälschertum – abgesehen natürlich von den wirklichen Helden in diesem Metier, die Verfolgten mit falschen Pässen das Leben retten. Dennoch hören manche populären Medien nicht auf, Kunsthandwerker wie Wolfgang Beltracchi zu feiern, die aus reinem Gewinnstreben das Andenken wahrer Künstler beschädigen, indem sie eigene Machwerke in deren Oeuvre schummeln. Es war eine Schande, wie nach einem viel zu kurzen Prozess lediglich das Schicksal von 14 Beltracchi-Fälschungen aufgeklärt wurde. Nur zweieinhalb Jahr später rühmte sich Beltracchi, nicht weniger als 300 Bilder gefälscht zu haben, von denen noch gut zwei Drittel im Umlauf seien. Das hielt den Kultursender 3Sat und mehrere Kunstmuseen nicht davon ab, dem medienaffinen, vermeintlichen „Meisterfälscher“ eine Bühne zu bereiten.

Der zweifelhafte Ruhm der literarischen Fälscherin Lee Israel, der nun ein Biopic gewidmet ist, fiel dagegen überschaubar aus. Als sie 2008 ihre Memoiren „Can You Ever Forgive Me?“ veröffentlichte und enthüllte, wie sie rund 400 Autographen fälschte, meldeten zahlreiche Rezensenten ethische Vorbehalte an: Wie könne der renommierte Verlag Simon & Schuster eine Kriminelle belohnen und mit ihren Missetaten prahlen lassen?

Obwohl die große amerikanische Autorenfilmerin Nicole Holofcener ihr gemeinsam mit Jeff Whitey geschriebenes Drehbuch aus Israels Autobiographie entwickelt hat, bremst sie dieses Eigenlob: Alle Ambition, der plötzliche Stolz, den eine glücklose Autorin im erfolgreichen Fälschen entwickelt, hat keine Spur von Beltracchi’scher Angabe. Im Film „Can You Ever Forgive Me?“ erleben wir Lee Israel als eine tragische Figur, liebenswert und doch mit genug schlechten Eigenschaften, dass einem ihre absehbare Enttarnung nicht leidtun muss.

Regisseurin Marielle Heller findet dazu im Manhattan der frühen 80er Jahre genau den passenden Hintergrund. Es ist das Milieu, in dem Woody Allen seine klassischen Tragikomödien über verblassende Legenden wie „Broadway Danny Rose“ ansiedelte – nur, dass wir es diesmal mit Autoren, Buchhändlern, Lesern und Sammlern zu tun haben. Es ist ein längst vergangenes Biotop einer fast mittellosen Bohème, für die es immerhin noch so gerade bezahlbaren Wohnraum gab.

Dennoch ist die von Melissa McCarthy gespielte Lee Israel, eine ehemals leidlich erfolgreiche Autorin von Biografien, bereits drei Wochenmieten im Rückstand. Als ihr bei einer Bibliotheks-Recherche zwei Briefe der Vaudeville-Komödiantin Fanny Brice in die Hände fallen, stiehlt sie sie. Eine Buchhändlerin bezahlt sie mit wenig Geld, aber einem wertvollen Rat: Der Preis von Autographen habe viel mit der Qualität des Inhalts zu tun.

Briefe, wie es nur die Großen konnten

Das muss man dieser in ihrer Ambition unerfüllten Autorin nicht zweimal sagen. Bald steht eine Batterie alter Schreibmaschinen in ihrer kleinen Wohnung, auf denen sie Briefe schreibt, wie es nur die Großen konnten. Besonders die feinsinnige Essayistin Dorothy Parker und der süffisante Bühnenautor Noël Coward finden in Israel eine verständige Nachahmerin. Nun sind wir schon selbst fast in die Falle derjenigen geraten, die Fälscher für ihre vermeintliche Kunstfertigkeit loben. Als sei das Nachmachen je eine künstlerische Disziplin gewesen.

So dauert es auch nicht lange, bis ihr ihr Übereifer zum Verhängnis wird: Als sie Noël Coward in einem gefälschten Brief offen über seine Homosexualität sinnieren lässt, fällt der Stilbruch auf: Was der Händler noch besonders schätzt, lässt beim verständigeren Sammler die Alarmglocken läuten.

So jedenfalls erzählt es der Film nach Lee Israels Selbstdarstellung. Oder ist es vielleicht schon eine eitle Übertreibung? War es vielleicht doch eher das billige Papier, das sie verwendete und im Ofen altern ließ? Berühmte Zeitgenossen verwendeten meist edles Briefpapier, dem ein paar Jahrzehnte wenig anhaben können. Aber so ist es nun einmal mit Fälschern, die sich gern als verkannte Künstler sehen. Auch Beltracchi wurde nicht etwa dadurch enttarnt, dass er „picassischer“ als Picasso malte – sondern an einem modernen Pigment und einem schlecht erfundenen Rückseiten-Label. Eines aber haben beide gemeinsam: Noch immer sind ihre Fälschungen im Umlauf. Gleich zwei unechte Coward-Briefe schafften es bis in eine Biografie.

Es wäre naheliegend gewesen für Regisseurin Marielle Heller, das Thema in der Form zu pointieren und ihren Film selbst wie einen unechten „Woody Allen“ aussehen lassen. Der Versuchung hat sie nicht nur widerstanden, sie erfindet auch ein ganz eigenes Ensemble liebenswert-schrulliger Nebenfiguren. Allen voran Richard E. Grant, der als Lees schwuler Freund Jack Hock ein unerwidertes Maß an Zuneigung aufbringt. Gemeinsam mit Melissa McCarthy ist er für den Oscar nominiert. Was diese Hauptdarstellerin leistet, ist tatsächlich erstaunlich: Selten ist einem eine Unsympathin derart ans Herz gewachsen.

Can You Ever Forgive Me? USA 2018. Regie: Marielle Heller. 107 Min.

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