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ZDFneo zeigt die achtteilige norwegische Serie „Exit“.
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ZDFneo zeigt die achtteilige norwegische Serie „Exit“.

TV-Kritik

ZDFneo zeigt norwegische Serie „Exit“ – Vier Freunde über dem Gesetz

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Auf Tatsachenbasis: Die achtteilige Serie „Exit“ bei ZDFneo widmet sich dem ausschweifenden Privatleben norwegischer Wirtschaftsgrößen. Die TV-Kritik.

Berlin - Lehrbücher für fiktionales Schreiben verordnen interessierten Aspiranten, dass eine Geschichte einen Protagonisten und Antagonisten braucht, wenn sie erfolgreich sein soll. Glücklicherweise gibt es immer wieder Kreative, die gegen solche verbrecherisch vereinfachenden Faustregeln verstoßen. Zum Beispiel die Norweger Lars Gautneb und Petter Testmann-Koch und ihre Koautoren.

Sie ersannen die TV-Serie „Exit“. Und landeten einen Riesenerfolg. Über Norwegens Grenzen hinaus. Obwohl es hier im Grunde nur Antagonisten gibt. Zumindest beherrschen sie die acht Folgen der ersten Staffel und wohl auch die der bereits abgedrehten zweiten. Der Sender ZDFneo des ZDF zeigt nun die komplette Serie am Stück.

ZDFneo zeigt norwegische Serie „Exit“

Die vier Freunde Adam, William, Henrik und Jeppe sind erfolgreiche Geschäftsleute, Unternehmensgründer, Investoren. Alle hatten früh schon ihre erste Million beisammen, und seither ist der Geldfluss nicht abgebrochen. Sie fahren Porsche oder Ferrari, besitzen Yachten und natürlich luxuriöse Behausungen.

Drei von ihnen sind verheiratet, Henriks Hochzeit mit Tomine steht bevor. Er hat bereits Kinder mit ihr, auch William hat Familie, seine Frau Celine ist erneut schwanger. Das Paar Adam und Hermine möchte gern Kinder, so sagen sie. Aber aus dem Munde Adams ist es eine Lüge. Er hat sich schon vor Jahren sterilisieren lassen. Hermine weiß nichts davon. Jeppe ist gegen die Ehe und rät den verheirateten Freunden, ihre Frauen schnellstmöglich loszuwerden. Zweien wird dies auch gelingen. Aber anders, als sie es sich vorgestellt hatten.

TV-Serie „Exit“ auf ZDFneo: Geheuchelte Harmonie

Die Kerle mit festen Partnerschaften stellen zwar nach außen hin Harmonie zur Schau, gehen aber ihren Frauen und, sofern vorhanden, Kindern tunlichst aus dem Weg. Immer ist die Arbeit schuld, wenn es spät wird. Tatsächlich haben sie gemeinsam eine Wohnung gemietet, in der sie sich Drogenexzessen hingeben und regelmäßig Prostituierte kommen lassen. Diese Vier kennen keine Skrupel, halten sich, wie Sherman McCoy in Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“, für die „Masters of the Universe“ – von Natur aus und kraft ihrer Erfolge über Moral, Gesetz und einfachere Menschen erhaben. Für Schwächere haben sie nur Ignoranz und Verachtung übrig. Kathryn Bigelow hat diesen Typus im Kinothriller „Blue Steel“ beschrieben, Bret Easton Ellis in seinem Roman „American Psycho“.

Zur Sendung

„Exit“: Samstag, 5. Juni 2021, ZDFneo, ab 23:35 Uhr

Aber die Serie „Exit“ gelangt zu deutlich mehr Tiefgang. Weil ihren Urhebern mehr Zeit als für einen durchschnittlichen Kinofilm zur Verfügung stand. Und weil ihre Handlung, so jedenfalls die Selbstauskunft, auf Interviews mit realen, sehr erfolgreichen Börsenmaklern und ergänzenden Recherchen basiert.

ZDFneo „Exit“: Spaß um jeden Preis

Diese Herkunft verhilft dem Film zu seiner Dramaturgie. Die vier Scheusale sind immer wieder in Interviewsituationen zu sehen. Adam zum Beispiel, Hedgefonds-Verwalter, findet, so erklärt er, im Beruf keine „Kicks“ mehr. William gibt zum Besten: „Ich habe ein Ziel im Leben: So viel Spaß zu haben wie möglich.“

Was das anlangt, kennt das Quartett keine Grenzen. Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten nur für Versager. Auch in übertragenem Sinne. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit jagen sie sich Kokain in die Nase. In Jeppes Keller lagern teure Weinflaschen. Und eine Menge an Drogen, die den Jahresbedarf aller Osloer Junkies decken würde. Und wenn bei einer ihrer Orgien eine Prostituierte von dem berauschten Henrik mit einem Messer verletzt wird, ist das für die Männer nur ein großer Spaß.

Exzess reiht sich an Exzess, Gemeinheit an Gemeinheit. Natürlich nicht formatfüllend für eine achtteilige Serie. Konflikte und Krisen ereignen und weiten sich. William, anfangs nicht minder großkotzig als seine Kumpel, verschweigt seine finanzielle Bredouille. Er versucht sich umzubringen, scheitert, liegt zeitweilig im Koma. Hernach ist er für alle Bekannten die Niete, die sich umbringen wollte. Er leidet an extremeren Stimmungsschwankungen als zuvor.

Serie „Exit“ auf ZDFneo: Vorsätzliches Unbehagen

An ausgeprägtem Narzissmus kranken sie alle, und der permanente Koksrausch macht es nicht besser. Jeppe prügelt im Park beinahe im Vorbeigehen ein junges Paar zusammen. Er war mal Kickboxer, da hat man keine Chance. Hermine, Adams Ehefrau, sieht sich immer häufiger dessen Kontrollwahn und heftiger werdenden Ausbrüchen ausgesetzt. Sie besucht heimlich eine Therapeutin. Ein Entschluss, der eine Wende einleitet.

Behagliches Wohlfühlfernsehen ist bei dieser Produktion nicht zu erwarten. Ausgleichende Gerechtigkeit nur bedingt, die finale Bestrafung der Täter, ein Muss im durchschnittlichen Fernsehkrimi, ebensowenig.

Für eine Milieu- oder Charakterstudie gerät die Serie zu plakativ, aber der dargelegte Zynismus gehört zur Erzählebene – die die Autoren zielen keineswegs nur auf den Affekt. Die Eigenschaften dieser Osloer Ekelpakete wecken gewisse Assoziationen. Hybris, Niedertracht, Verlogenheit, notorischer Egoismus, all das in manischer Ausprägung, finden sich in manchen Ländern auch in der politischen Sphäre.

ZDFneo zeigt die Produktion des norwegischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen NRK am Samstag, 5. Juni ab 23:35 Uhr am Stück. Vom 6. Juni bis 1. August ist die Serie in der ZDF-Mediathek verfügbar. Serienstarts aus der jüngsten Zeit wie „Helvetica“ (3sat), „Requiem“ (One), „The Split“ (NDR Fernsehen), „The Bank Hacker“ (ZDFneo) belegen: Die öffentlich-rechtlichen Serieneinkäufe lohnen einen prüfenden Blick. (Harald Keller)

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