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Der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld.

„The Unknown Known“

Das ewige Lächeln des Donald Rumsfeld

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Versunken im Memo-Meer: In seinem Dokumentarfilm „The Unknown Known“ versucht Errol Morris dem früheren US-Verteidigungsminster hinter die Maske zu blicken.

Seeing is believing“, Sehen ist glauben, weiß eine englische Redensart, doch für den amerikanischen Dokumentarfilmer und Autor Errol Morris wird umgekehrt ein Schuh daraus. „Believing Is Seeing“ nannte er 2011 einen Essayband über die „Geheimnisse der Fotografie“. „Wir formen unsere Annahmen nicht auf der Grundlage dessen, was wir sehen, sondern wir sehen, was uns unsere Annahmen sehen lassen“, lautet seine These. Morris gibt in dem reich illustrierten Band faszinierende fotografische Beispiele. Etwa das Porträt eines Mannes, den eine Titelstory der „New York Times“ als weltbekanntes Folteropfer von Abu Ghraib identifizierte. Wenige Tage später musste sich das renommierte Blatt korrigieren: Der verkabelte Kapuzenträger auf der Holzkiste musste ein anderer gewesen sein. Eine Fälschung aber war das Foto nicht, ebenso wenig konnte man den Porträtierten der Lüge bezichtigen. Er hatte offenbar im Gefängnis dasselbe erlitten, nur war er eben nicht der vermummte Mann auf dem Foto. Ist das Bild aber deshalb wertlos, wie der Fotograf inzwischen glaubt?

Die These, dass wir nur sehen, was wir glauben, ist natürlich so neu nicht. Morris selbst bezieht sich auf das von Ludwig Wittgenstein gerne zitierte Vexierbild, in dem man entweder den Kopf einer Ente oder den eines Hasen erkennen konnte. Doch schon bei Goethe wäre Morris fündig geworden, dessen geflügeltes Wort „Man sieht nur, was man weiß“ einem Kunstverlag als Werbeslogan dient. In all seinen Dokumentarfilmen beschäftigt sich Morris mit der Wahrheitsfindung. In „Standard Operating Procedure“ holte er die Folterknechte und Hobbyfotografen von Abu Ghraib vor die Interviewkamera, und in „Fog of War“ brachte er den früheren US-Politiker Robert McNamara, Drahtzieher menschenverachtender Militäroperationen in Vietnam, dazu, ein schillerndes Selbstporträt zu zeichnen.

Mit „The Unknown Known“ ist nun mit Donald Rumsfeld ein weiterer ehemaliger US-Verteidigungsminister – und überführter Lügner – an der Reihe: Erst lieferte er mit dem unbegründeten Verweis auf angebliche Massenvernichtungswaffen die Begründung des Irakkriegs. Und dann, in seiner berühmt gewordenen Pressekonferenz vom 12. Februar 2002, auch noch die Rechtfertigung für die Lüge. In einer Sprache, die durchaus mit der Wittgestein’schen zu wetteifern schien, formte er den Begriff der „unknown unknowns“: „Es gibt bekannte Bekannte, es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen. Wir wissen auch, dass es bekannte Unbekannte gibt, das heißt, wir wissen, es gibt einige Dinge, die wir nicht wissen. Aber es gibt auch unbekannte Unbekannte – es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.“

Bei seinem ursprünglichen Vortrag hatte Rumsfeld diese auf dem Papier wohl überlegt klingenden Worte nuschelnd heruntergerattert, Morris will sie noch einmal klar und deutlich hören, während wir sie in Breitwand auf der Leinwand lesen. Morris hat einen ganzen Film über drei Sätze gedreht. Der Komponist Danny Elfman hat eine Filmmusik dazu geschrieben, noch eingängiger als jene, die Philip Glass für den Morris-Film „The Fog of War“ beisteuerte. Immer wieder lässt er die Phrasen wiederholen, bis wir sie verinnerlicht haben wie mathematische Formeln.

Rumsfeld ist stolz auf seine berühmten Worte, wie er überhaupt mit nichts in seinem Leben hadert. Die Toten des Krieges belasten sein Gewissen ebenso wenig wie seinerzeit McNamara die Bilder verbrannter Napalm-Opfer erschauern ließen. Als sei es ein besonderes Kunststück, einen George W. Bush an Redegewandtheit zu übertreffen, krönt der heute 81-Jährige fast jede der Antworten, die er Morris schlagfertig gibt, mit einem Gewinnerlächeln. Bush hatte am Ende zu einer eigenen Wortschöpfung greifen müssen, um zu erklären, warum er den überführten Lügner Rumsfeld im Amt behielt: „I’m the decider.“

Zu Beginn des Destillats aus 33 Interviewstunden verweist Rumsfeld auf Pearl Harbour. Der japanische Angriff sei nur deshalb so fatal verlaufen, weil die Phantasie der Amerikaner nicht ausgereicht hätte, ihn sich vorzustellen. Wer seine Verteidigung dagegen auf das imaginierte Übel ausrichtet, dem sind keine Grenzen gesetzt. Jeder Militärschlag ließe sich so rechtfertigen.

Rumsfeld selbst sieht sich dabei als rationalen Menschen. Von Morris auf seine Obsession gegenüber Husseins Irak angesprochen, wehrt er ab. Nur ein verschwindender Prozentsatz der etwa zwanzigtausend Memos, die er in seiner Amtszeit schrieb, behandle das. In seiner Karriere habe er wohl Millionen solcher stets präzise formulierter Nachrichten verfasst, die in den Behörden „Schneeflocken“ genannt wurden. Als spräche daraus nicht eine Art von Besessenheit.

Die verleugnete Obsession ist freilich ein gutes Beispiel für jene vierte Kategorie, um die der Philosoph Slavoj ?i?ek inzwischen das Rumsfeld’sche Modell ergänzte, nämlich das „unbekannte Bekannte“: „Wenn Rumsfeld glaubte, dass die wichtigsten Gefahren in der Konfrontation mit dem Irak die ‚unbekannten Unbekannten‘ waren, das heißt, die Bedrohungen durch Saddam, deren Natur wir nicht einmal ahnten, dann zeigt uns der Abu-Ghraib-Skandal, dass die größten Gefahren von den ‚unbekannten Bekannten‘ ausgehen – die verleugneten Überzeugungen, Vermutungen und obszönen Praktiken, von denen wir vorgeben, sie nicht zu kennen, sogar wenn sie die Grundlage unserer öffentlichen Werte sind.“

Wie in jedem der Porträtfilme von Errol Morris wartet man nun mit Spannung auf das Eindringen des Verleugneten ins Bewusstsein des Protagonisten. Immer wieder versucht Morris diesen Moment mit bohrenden Zwischenfragen heraufzubeschwören, aber die Fassade milde lächelnder Selbstgefälligkeit will nicht bröckeln. Im Gegenteil: Was immer man an Rumsfeld heranträgt, er nimmt es als Herausforderung an seinen Intellekt, integriert es in ein dialektisches Konstrukt, dem nicht beizukommen ist, solange es sich mit der Abwehr jedweden unvorstellbaren Übels legitimiert.

Anders als McNamara in „Fog of War“ gerät Rumsfeld dabei zu einer erschreckend eindimensionalen Figur, die lediglich durch Morris’ visuellen Zauber in der Illustration über die Laufzeit von 107 Minuten interessiert. Selbstentlarvende Wortspiele inszeniert Morris in animierten Breitwandbildern wie den Ozean aus Memos. Doch alles, was Morris am Ende zutage fördert, ist das bekannte Bekannte: der Narzissmus eines Politikers als Verkäufer von Halbinformationen. Und auch wenn ihn Errol Morris ab und an aufs Glatteis führt: Ein „unbekannter“ Rumsfeld will sich auch in diesem virtuosen Filmessay nicht hinter der lächelnden Maske zeigen. Vermutlich ist die Suche nach dem menschlichen Dahinter so aussichtslos wie die nach irakischen Massenvernichtungswaffen.

The Unknown Known. USA 2013, Regie: Errol Morris, Mit Donald Rumsfeld. 107 Min.
Errol Morris, Believing is Seeing. Penguin Books 2011. 310 S. ca. 29 Euro.

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