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Zwei Jugendliche (Julia Zange, Josef Mattes) auf einer Sommerwiese, ihr Lieblingsthema ist die Philosophie.

"Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"

Ewige Jugend

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Nach 18 Jahren hat Philip Gröning seinen Coming-of-Age-Film "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" abgeschlossen.

„Die Palette“, sagt Kandinsky, „ist oft schöner als irgendein Bild.“ Ähnliches lässt sich über den Klang sagen, den ein Sinfonieorchester mit dem Stimmen der Instrumente generiert. So klingt die Filmmusik zu Beginn von Philip Grönings Teenager-Film. Da kein Komponist dafür angegeben ist, handelt es sich wohl wirklich um ein solches Stückchen klanglichen Ballasts, den ein Klangkörper abwirft, bevor er abheben kann.

Es ist eine passende Begleitmusik für das Erwachsenwerden.

Roh finden die ersten Bilder und Töne zusammen. Blitzlichthaft werfen zwei Standbilder das zentrale Setting auf die Leinwand, bevor der eigentliche Film beginnt: Zwei Jugendliche liegen da auf einer Sommerwiese. Ihr Lieblingsthema ist Philosophie. „Wie kann etwas vergehen, was ein Recht hat zu sein?“, fragt das Mädchen. „Was ist die Zeit?“ – „Der Grund der Zeit ist die Hoffnung“, antwortet der Junge.

Der Junge wirft in hohem Bogen seine Bierflasche in die Luft: So sei Zeit, sie existiere nur in der Gegenwart. „Erst wenn du die Scherben genauso wieder zusammensetzt, hast du sie besiegt.“

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, hat Philip Gröning seinen Film genannt, aber immerhin interessiert sich der Idiot für Heidegger. Drei Stunden arbeitet sich Grönings Outdoor-Kammerspiel an einer kurzen Periode des Erwachsenwerdens ab, aus der sich das Coming-of-Age-Genre speist: einem Moment der Zeit, dem letzten Sommer der Kindheit? Solche Umschreibungen wären dem sinnsuchenden Teenager in dieser fast konzeptkunsthaften Entwicklungsgeschichte zu banal. Offensichtlich hat er gerade Heidegger gelesen und findet in seiner Zwillingsschwester Elena mehr als eine geduldige Zuhörerin. Auch sie hat das Genre, in welchem das Leben sie besetzt hat, gut genug begriffen, um alles aus diesem kostbaren Lebensmoment herauszuholen. Elena macht mit Robert eine Wette: „Vor dem Abitur vögele ich mit einem. Irgendeinem.“ 

In 48 Stunden Spielzeit, ausgebreitet in immerhin drei Stunden Kinozeit, soll sich dies entscheiden. Immerhin gibt es in ihrer paradiesisch-provinziellen Mitte von nirgendwo vor einer Tankstelle reichlich Laufkundschaft. „In der Pubertät fliegt einem das gesamte Zeitempfinden um die Ohren“, sagt Gröning, als habe er immer noch das Bild der zerschellenden Bierflasche vor Augen. „Eine Explosion findet statt, die alle Teile der Kinderperson zerfetzt. Gleichzeitig aber fallen diese Teile alle an die richtigen Stellen.“

Schon vor 18 Jahren, einer ganzen Teenagergeneration, hatte er das erste Drehbuch dazu fertig, inhaltlich war alles schon genauso formuliert. Vielleicht sieht man deshalb noch ein wenig frühen Tarantino durchschimmern. Es ist immer noch ein „kids and guns“-Film, eingebettet freilich in noch mehr „großer Stille“: Wie im Klosterdokumentarfilm, der den Düsseldorfer weltweit bekannt machte, werden epische Sequenzen unterbrochen mit poetisch-experimentellen Miniaturen, kleinen impressionistischen Götterfünkchen.

Es ist wie in allen Spielfilmen Grönings: Disziplin und Ausbruch balgen miteinander, Himmel und Hölle treffen aufeinander. Es ist nicht die Art von Widersprüchen, die sich als harmonischer Kontrapunkt genießen lässt, sondern ein schmerzhaftes Kino, das von Dissonanzen lebt wie das Orchesterstimmen. Bei der Berlinale entfachte der Film eine andere Art von unartikuliertem Mehrklang, ein unverdientes Buhkonzert. Und doch kann man froh sein, dass es noch Orte gibt, in denen fordernde Kunst nicht spurlos vorüberzieht. 

Der Düsseldorfer ist das, was man früher einen „total film maker“ nannte. Neben Buch, Regie und Produktion liegen auch Kamera und Schnitt in seiner Hand. Schon bei seinem ersten heute noch bekannten Kurzfilm „Vom Trockenschwimmer“ (1982) hatte er alles allein gemacht. Da geht es um einen Leistungsschwimmer, dessen Trockenübungen Gröning in avantgardistisch komponierten Schwarz-Weiß-Bildern beobachtet. Athletisch und doch hilflos wie ein Käfer ohne Bodenhalt agiert dieser Mann, als folge er einer höheren Bestimmung – um im Wasser ermüdet zu versagen. So liegen nun die Teenager in Gras – wenn auch in glücklicherer Hilflosigkeit. 

Ein zentrales Spielmittel ist der Wechsel zwischen Video und Super 8, das zur besonderen Poesie von „Die große Stille“ beitrug, aber auch bei Grönings Studie über häusliche Gewalt, „Die Frau des Polizisten“, eine besondere Wirkung entfaltete. Mit diesem neuen, leichteren Film erlaubt er den experimentellen Elementen noch mehr Spielraum. Das Kino lernt hier von der bildenden Kunst, und das ist in der Zeit einer radikalen Umwälzung des Mediums seine große Chance. 

Es ist die Dualität zwischen äußerer Disziplin und innerem Drang, aus der sich Grönings Kino speist, sowohl innerlich wie formal. Sein epischer Liebesfilm „L’amour“ (ursprünglich: „L’amour, l’argent, l’amour“) machte bereits mit einem ähnlich unzähmbaren Paar bekannt wie „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“. Es ist fast schon ein tragischer Widerspruch, dass ausgerechnet einer der radikalsten Emotionalisten des deutschen Kinos seinen Welterfolg einem Dokumentarfilm über Mediation, Stille und religiöse Andacht verdankt. 

Was Gröning mit dem Rhythmus des Klosterlebens fraglos verbindet, ist sein langer Atem. Welcher Filmemacher hat schon die Ausdauer, nach 18 Jahren zu einem Projekt zurückzukehren und es seinem Werk nun doch noch einzuverleiben. Vielleicht mit der Milde des reiferen Meisters.

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