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Harald Bjørn (Lars Mikkelsen,li.) Jackie Müller (Jasmin Gerat,mitte),Alicia Verbeek (Veerle Baetens,re.)

"The Team", ZDF

Europudding

Die internationale Krimi-Miniserie „The Team“ unter leitender Aufsicht des ZDF soll Vorreiter für eine neue deutsche Seriengeneration sein, scheitert aber auf ganzer Ebene.

Von D.J. Frederiksson

Die Feuilletons überschlagen sich derzeit vor Vorfreude: Die Fernsehnation Deutschland will endlich gute Serien produzieren – man hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben. Schließlich ist es inzwischen schon 15 Jahre her, dass uns eine Revolution im US-Serienfernsehen so atemberaubende Langzeitfiktionen wie „The Sopranos“, „The Wire“ oder „Mad Men“ geschenkt hat. Längst haben England, Frankreich, Skandinavien und sogar Österreich mit eigenen Erfolgen wie „Borgen“, „Shameless“, „Les Revenants“ oder „Braunschlag“ nachgezogen. Nur hierzulande lief weiterhin der gleiche fallbasierte Krimibrei mit austauschbaren Folgen.

Doch nun steht eine neue Generation Serienmacher in den Startlöchern, die auch eine neue Zuschauergeneration ins grotesk überalterte Stammpublikum des deutschen Fernsehens locken will: An den kommenden Attraktionen wie „Deutschland 83“, „Schuld“ oder „Berlin Babylon“ sind große Namen wie Tom Tykwer, Moritz Bleibtreu und Nico Hofmann beteiligt. Vorabpremieren auf der Berlinale wurden bejubelt, Auslandsverkäufe sind bereits getätigt und die Erwartungen sind hoch. Und dann kommt das ZDF, will die Revolution mit einem teuren Prestigeprojekt eröffnen – und liefert ein eindrückliches Beispiel, wie man es nicht macht.

Ein achtstündiger „Tatort“

„The Team“ ist eine achtstündige Miniserie in vier Doppelfolgen, die einem internationalen Kriminalfall mit Ermittlern in Berlin, Kopenhagen und Antwerpen folgt. Diese wollen eine Reihe von Prostituiertenmorden aufklären und stoßen dabei auf Menschenhandel, politische Intrigen und Ärger in den eigenen Reihen. Moment, werden nun Fernsehkenner rufen: Halbherzig behandeltes Problemthema? Ermittler mit kaputtem Privatleben? Uninteressanter Mordfall, der nur als Vehikel dient? Wo habe ich diese Kombination schonmal gehört? Ja, es stimmt: „The Team“ ist letztlich ein achtstündiger „Tatort“ geworden.

Als wollte das ZDF beweisen, dass auch ausländische Fernsehmacher maue Krimikost zubereiten können, hat es ein durchgehend dänisches Team mit einem erschreckend schwachen Drehbuch auf die Reise durch Europa geschickt, um die Ästhetik des deutschen Fernsehkrimis zu reproduzieren: von der unsteten Handkamera mit Gelbstich bis zum müde piependen Synthesizer-Score, der wohl am besten als „pulsierende Fahrstuhlmusik“ beschrieben ist. Der stilvolle Vorspann will noch „True Detective“ emulieren, aber von den abgründigen Dialogen oder dem psychologischen Tiefgang dieses Vorbilds fehlt hier leider jede Spur. „The Team“ ist in etwa so originell und einfallsreich wie sein Titel.

Nun hätte eine Europol-Ermittlung ja durchaus seine Reize gehabt. Doch die Sprachproblematik wird in der deutschen Synchronisation ersäuft (online sind die Folgen im multilingualen Original zu sehen, das allerdings auch nicht oft Sinn macht, wenn Belgier mit Litauern fließend englisch sprechen). Und das denkbare Kompetenzgerangel wird in simple gut/böse-Intrigen zur Polizeisoap verniedlicht. Nein, das internationale Potential wird ignoriert, und die Ermittlungsarbeit besteht aus Herumfahren in Autos und Telefonkonferenzen mit Kollegen und Assistenten, bei denen jedes Ergebnis und jede neue Frage nochmal so überdeutlich deklamiert wird wie beim Grundschuldiktat.

In einer typischen Szene findet ein Ermittler ein Foto, das die drei bisherigen Opfer gemeinsam mit einer vierten Frau zeigt, und verkündet eifrig alles Offensichtliche, was ihm einfällt: „Die Frauen kannten sich. Aber das sind vier, nicht drei. Wer ist die Vierte? Ist sie die Nächste? Ich lasse das sofort nach Berlin und Antwerpen schicken.“ Zusammen mit völlig willkürlich herumliegenden Hinweisen und einem blassen, aber supergemeinen Bösewicht enthüllen solche Dialoge ein Krimischreiben an der Grenze zur unfreiwilligen Komik.

Wenn die Kommissare und ihre jungen und hübschen Assistenten sich nicht gerade mit laut gesprochenen inneren Monologen oder haarsträubenden Backstorys jeglicher Glaubwürdigkeit berauben, sitzen sie bevorzugt vor den riesigen Monitoren ihrer Computer. Mit denen können sie nicht nur  lebensgroße HD-Videokonferenzen europaweit ohne Störung durchführen, nein, die Zaubermaschinen können auch aus ein paar Bildern ganz alleine Zeitungsberichte, Zusammenhänge  und sogar Hauptverdächtige berechnen. Was es bedeutet, dass das BKA offenbar HAL9000 im Büro herumstehen hat, während die ebenso hochtechnologisierten Bösewichte an einer simplen Passworteingabe scheitern, bleibt, wie so vieles, offen.

Missverständnis von beinahe symbolischer Tragweite

Es ist kein Wunder, dass selbst die teils hochkarätigen Schauspielern bei solchem Material vollkommen blass bleiben. Und rechte Spannung will trotz vereinzelter Actionsequenzen ohnehin nie aufkommen – auch wenn am Ende jeder Stunde irgendwer recht abrupt stirbt. So bleibt „The Team“ ein Missverständnis von beinahe symbolischer Tragweite. Bei all dem finanziellen und kreativen Aufwand, beim Durchbruch zum neuen Format der Miniserie und bei der Ambition einer gesamteuropäischen Produktion hat man doch tatsächlich vergessen, dass all diese Elemente nur die Form sind, um endlich neue, komplexe und kontroverse Inhalte erzählen zu können.

Was das ZDF stattdessen vorgelegt hat, kann beinahe als Parodie auf die ausländischen Qualitätsserien gelesen werden: Sie haben das innovative Format und das beeindruckende Budget, füllen es aber mit dem gleichen behäbigen, oberflächlichen Ermittlerkrimi, den es an jedem anderen Wochentag auch gibt. Alles davon hat man schon mal gesehen, und nichts davon rechtfertigt oder benötigt eine achtstündige Erzählung. Die Revolution lässt also noch ein wenig auf sich warten. Man sollte die Hoffnung trotzdem nicht aufgeben.

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