Anne Will im Studio ihrer Talkshow in Berlin-Adlershof.
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Anne Will im Studio ihrer Talkshow in Berlin-Adlershof.

"Anne Will", ARD

Etwas mehr Optimismus, bitte!

  • vonDaniel Haufler
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Anne Will fragt in ihrer Sendung, ob der Islam zu Deutschland gehört - und erfährt von engagierten Muslimen, dass es gar nicht so schlecht bestellt ist um die Integration. Erika Steinbach bestätigt dagegen die schlimmsten Befürchtungen.

Nachdem es Wolfgang Schäuble es schon 2006 gesagt hat, nachdem es der damalige Bundespräsident Christian Wulff 2010 gesagt hat und nachdem Angela Merkel es schon mehrfach gesagt hat, muss sich natürlich endlich eine deutsche Talkshow wie „Anne Will endlich“ mal die Frage stellen, ob der Islam zu Deutschland gehört. Unweigerlich lädt die Sendung die üblichen Verdächtigen ein: den muslimischen Professor und die erzkonservative CDU-Politikerin, die liberale Sozialdemokratin und den muslimischen Anwalt, der die Nebenkläger im NSU-Prozess vertreten hat.

Unweigerlich bekommt die Ex-Vertriebenen-Chefin Erika Steinbach das erste das Wort, um gleich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen. Für sie ist Deutschland, wen wundert’s Teil des christlichen Abendlandes; der Islam gehöre nicht zu diesem Land. Hier gebe es ja auch Bahai. Da würde man doch nicht gleich sagen, das Bahaitum gehöre zu Deutschland. Sie habe gewiss nichts gegen Muslime, nein – und dann kommt wirklich, dass sie einen türkischen Gemüsehändler kenne, bei dem sie einkaufe und dessen Töchter nun studierten. Prima integriert. Aber anscheinend nicht Deutsch genug.

Der Anwalt Mehmet Daimagüler hat da Mühe die Fassung zu bewahren, versucht es aber mit Argumenten. Natürlich gebe es eine christliche Tradition, aber es habe sich viel verändert. Die Realität sei doch schon lange so, dass hier Muslime lebten und gute Staatsbürger seien. Das präge dieses Land. Familienministerin Manuela Schwesig sieht das ganz ähnlich.

Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi versucht es mit seiner Lebensgeschichte als Beispiel. Er stammt aus Syrien, lebt seit über 50 Jahren hier und hat sich um eine Synthese von europäischen Werten und Islam bemüht. Zudem weist er zu recht daraufhin, dass es „den“ Islam gar nicht gibt. In Indonesien ist er anders als im arabischen Raum oder in Europa. Entsprechend unterschiedlich seien die Islams. Entsprechend differenziert müsse man sich mit der Religion befassen.

Steinbach: Sorgen der Bürger ernst nehmen

Das kann Frau Steinbach natürlich nicht. Für sie gibt es vor allem viele gewaltbereite Muslime. Schon zitiert sie eine Studie, nach der 50 Prozent junger muslimischer Männer gewaltbereit seien. Tatsächlich hat die Studie von 25 Prozent gesprochen – und war unter Migrationsforschern hoch umstritten. Daimagüler lässt sich darauf aber gar nicht ein, sondern konstatiert nur: „Da lagen sie also hundert Prozent falsch, Frau Steinbach!“ Fröhlicher Applaus.

„Ja, ja“, sagt Frau Steinbach, „es gibt fabelhafte Muslime.“ So viel immerhin konzediert sie. Überhaupt hat sie nichts gegen die vielen Ausländer. In Frankfurt am Main immerhin 35 Prozent der Bevölkerung. Doch man müsse die Sorgen und Ängste der Bürgerinnen und Bürger ernst nehmen. Sie habe mit einigen gesprochen und die sähen große Probleme. Viele Muslime wollten sich doch gar nicht integrieren. Das müsse man ernstnehmen.

Das tut Anne Will immerhin gleich mit einer Grafik zu einer Umfrage. Und siehe da, 61 Prozent sagen, der Islam passe nicht zum Westen. Was ist da los? Manuela Schwesig wundert diese Zahl nicht, denn die Leute hätten nicht die ganz normalen Leute vor Augen, die ihrem Leben nachgingen, arbeiteten, Kinder großzögen. Sie hätten Terroristen vor Augen oder zumindest Fundamentalisten, die in den Medien allgegenwärtig seien.

Stellt sich natürlich die Frage, wo denn der Unterschied liegt zwischen Islam und Islamisten. Und wie ist das mit dem Terror? Bassam Tibi versteht es und versucht es mit ein bisschen Volkshochschule. Natürlich lässt sich der Islam nicht von den Islamisten trennen. Sie hätten eben eine extreme Auffassung von der Religion, seien eine aber ein ganz kleine Minderheit. Zudem habe es vor dem 20. Jahrhundert gar keinen Islamismus gegeben. Erst durch die Gründung der Muslimbrüder in Ägypten sei diese Bewegung entstanden, die dem Bild des Islam in der Welt sehr schadet. Mehmet Daimagüler bringt es auf den Punkt: „Der Islam als Marke hat schon ein bisschen verschissen.“

Schwesig: Mehr über Religionen aufklären

Frau Schwesig findet als Konsequenz daraus müsse mehr über Religionen aufgeklärt werden. Etwa in den Schule. Zudem hätte klar zu sein, dass das Grundgesetz der verbindliche Maßstab unseres Zusammenlebens ist, nicht irgendeine Religion. Schließlich gelte es, gemeinsam zu diskutieren, warum der Islam für die Rechtfertigung von Gewalt benutzt werden kann und wie sich das verhindern lässt. Darüber müsste die Gesellschaft gemeinsam diskutieren. Nur so ließe sich der Zustand der Angst überwinden.

Auch Bassam Tibi will einen Wertekonsens, auf den sich Europa verständigen muss. Daimagüler sieht da gar nicht so ein großes Problem. Das Zusammenleben klappe relativ gut. „Wir sind auf einem guten Weg und wir sind viel weiter als noch im Jahr 2000, als über die deutsche Leitkultur diskutiert wurde“, sagt er. Oder auch: „Ich will die Welt gut sehen.“ Er sei einfach ein Optimist, auch wenn vieles nicht so funktioniere, wie er es sich wünschen würde: „Doch wir müssen zusammenstehen.“ Und da hat er nun wirklich Recht. Zu guter Letzt lädt der Optimist vom Dienst sogar Frau Steinbach ein, mit ihm nach Berlin-Kreuzberg zu kommen. Das wäre ein schöner Schluss der Debatte, doch Erika Steinbach will einfach nur besorgt bleiben. Schade für sie!

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