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Adam Driver (l.) als Henry McHenry und Marion Cotillard als Ann Defrasnoux in einer Szene aus dem Film „Annette“.
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Adam Driver (l.) als Henry McHenry und Marion Cotillard als Ann Defrasnoux in einer Szene aus dem Film „Annette“.

Leos Carax „Annette“

„Es gibt mir die Chance, das Chaos zu leben“

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Der Autorenfilmer Leos Carax über das Musical „Annette“, die Macht der Öffentlichkeit und das Glück, seine Alpträume abzubilden.

Mit dem Musical „Annette“ meldet sich der öffentlichkeitsscheue Leos Carax zurück: Großes Kino in jedem Augenblick, trunken vom Erbe des alten Hollywood und seinem schwelgerischen Leinwandzauber. Aber zugleich allergisch gegen Zuckersoße: Die ungleiche Liebesgeschichte eines für seinen Sarkasmus gefeierten Komikers (Adam Driver) und einer ätherisch-engelhaften Chanteuse (Marion Cotillard) schmeckt eher wie Schokolade mit Pfeffer. Erzählt in originalen Songs der Glamrock-Veteranen Sparks, kommt das Drama erst nach dem tragischen Tod der Heldin in Fahrt: Die Tochter erweist sich als Wunderkind, in dem nicht nur das Gesangstalent, sondern auch der ruhelose Rachegeist der Mutter fortlebt. Dargestellt mit Handpuppen und Marionetten, ist diese Figur ideal für Carax’ ebenso verführerischen wie stacheligen Anti-Naturalismus.

Herr Carax, als Filmemacher halten Sie ihren Ideen in besonderem Maße die Treue. Als wir uns einmal 1999 unterhielten, erzählten sie mir von einem Stummfilmklassiker, der nun als Zitat in „Annette“ auftaucht.

King Vidors „The Crowd – Ein Mensch der Masse“ ist ein Film, den ich aus persönlichen Gründen sehr gern habe. Es ist eine Boy-meets-girl-Story, die erst anfängt, als sich das Paar bereits gefunden hat. Die Geschichte wird sehr ernst, sie verlieren ein Kind, der Vater verfällt in Depression, aber am Ende gibt es eine Szene, in der man sie in der Masse eines Theaterpublikums wieder lachen sieht. Diese Szene ist mir immer im Kopf geblieben. Und weil ich einen Film über diese dunklen Dinge machen wollte, erschien sie mir perfekt.

Nun kann man vor so einer lachenden Menschenmasse ja auch Angst bekommen. Sie gelten als öffentlichkeitsscheuer Filmemacher.

Ich mag wirklich keine Menschenmassen. Nur als Kind tummelte ich mich gerne unter Menschen, heute meide ich das. In Bezug auf „Annette“ ist das ja eine zentrale Frage, was Lachen ausmacht und was es provoziert. Die Komödie ist ein erstaunliches Medium, wenn sie gut gemacht ist. Aber die Vorstellung, auf eine Bühne zu treten und Menschen zum Lachen zu bringen, wäre für mich der absolute Albtraum. Es ist wie der Traum, den man als Kind hat: Man geht in die Schule und stellt plötzlich fest, man ist nackt. Solche Albträume sind natürlich ideal für einen Film.

Hier haben Sie Ihren Albtraum allerdings in einer fremden Idee wiederentdeckt.

Die Idee der Geschichte kam nicht von mir, sondern von der amerikanischen Band Sparks. Da war dieses Paar, eine Opernsängerin und ein Stand-up-Komiker, was fange ich damit an? Mit Komikern kenne ich mich aus, das interessierte mich immer, aber von Oper verstehe ich nichts. Es ist fast ein Klassenkampf, der eine Teil ist in der Popkultur unterwegs, der andere in der Hochkultur – aber beide sind quasi nackt auf der Bühne, mit der Stimme und mit dem Humor. Diese Entblößung fasziniert mich.

Massen haben ja heute eine ganz besondere Macht – in den sozialen Netzwerken. Wenn das Publikum den Komiker ausbuht und geradezu vernichtet – ist das nicht eine Metapher für das Phänomen der Cancel Culture?

Ich wollte hier nichts auf den Punkt bringen, denn Punkte mache ich nie. Aber ich lese gerne, und als Jugendlicher besonders gern die Werke von Louis-Ferdinand Céline. Der war allerdings alles andere als ein guter Mensch, er war ein Antisemit. Es stellte sich also die Frage, kann ich mich trotzdem für seine Werke begeistern? Das war für mich eine verstörende Erfahrung.

Wer kann schon Werk und Biografie trennen, selbst wenn man es wollte? Wenn ich zum Beispiel heute Klaus Kinskis Filme sehe, kann ich die Missbrauchsvorwürfe gegen ihn nicht ausblenden.

Mir fallen da zwei Stand-up-Komiker ein, Louis C. K. in Amerika und in Frankreich Dieudonné. Letzterer wurde mit einem Bann belegt, weil er ein totaler Antisemit ist, ersterer, weil er in Gegenwart von Frauen masturbiert hat. Auch mir macht es Probleme, Kinski zu sehen. Aber werde ich aufhören, Céline zu lesen? Nein.

Ihr Film wurde als internationale Co-Produktion gedreht, einmal spielt das Bonner Kunstmuseum sogar die Disney Concert Hall in Los Angeles. Mir gefällt das Irreale an dieser Arbeitsweise. Sind Sie gerne so ein Nomade oder ist das allein der Fördersituation geschuldet?

Mir gefällt diese Arbeitsweise sehr, all diese Ebenen der Nicht-Realität. Dieser Film ist voll davon: Es ist ein Musical, im Leben singen die Leute nicht. Und in Los Angeles zu drehen, kann sich keiner leisten, aber den Spielort fand ich wichtig, weil man da so viel unterwegs sein muss. Nur habe ich das meiste davon in Deutschland gedreht. Das ist aufregend.

Haben Sie nie Lust gehabt, eine Oper zu inszenieren?

Nein, ich war nie in der Oper und würde nie etwas live machen. Mir gefällt es überhaupt nicht, mit Schauspielern zu arbeiten, wenn keine Kamera da ist. Ich wüsste nichts damit anzufangen, wenn kein Film dabei herauskommt.

Ehrlich gesagt, finde ich Ihren Film aber sehr opernhaft, so wie ein guter Opernfilm gerade das Künstliche daran zum Thema macht. Ingmar Bergmans „Zauberflöte“ zum Beispiel.

Zur Person:

Leos Carax, geboren 1960 im französischen Suresnes, wurde schon durch seinen ersten Langfilm bekannt, da „Boy Meets Girl“ 1984 in Cannes den Prix de la jeunesse gewann. „Annette“ ist sein erster in englischer Sprache gedrehter Film.

Dann wäre die ganze Arbeit, obwohl ich nichts von Oper verstehe, einen Film zu machen, der meine Vision von Oper wäre.

Was fasziniert Sie an den Sparks, die brachten ja auch eine gewisse Theatralik in den elektronischen Pop der 80er Jahre.

Sie haben eine kindliche Seite, die ich immer sehr mochte. Etwas Spielerisches. Sie haben aber viel mehr Ironie, als ich in meinem Film gebrauchen kann.

Viele Filmemacher nutzen Ironie als eine Art Rückversicherung, weil sie sich vor den ungebrochenen Gefühlen fürchten.

Ich fragte mich, ob es gelingen kann, heute die Welt der Reichen und Schönen zu zeigen, ohne sich hinter Ironie zu verstecken. Ich habe ja bisher nur in meinem Film „Pola X“ nach Melville so ein Milieu gezeigt. Zu Zeiten, als Douglas Sirk seine Melodramen machte wie „In den Wind geschrieben“ oder „Solange es Menschen gibt“, konnte man das noch ungebrochen zeigen. Es ist schwierig, man hat heute die Ironie der Figuren und die der Kamera.

Als sich Rainer Werner Fassbinder von Sirk beeinflussen ließ, nahm er diese Form absolut ernst, da ging es ohne Ironie.

Das ist, was Fassbinders Größe in seiner Zeit ausmacht. Ihm war der Klassenkampf und der Kampf der Geschlechter außerordentlich wichtig, wie eben auch schon Sirk. Als Immigrant hatte er einen anderen Blick.

Kann man, wenn man nicht im selben Milieu aufgewachsen ist, diesen Blick für soziale Ungerechtigkeit entwickeln?

Das ist eine Beschränkung, meine Beschränkung. Fassbinder war der freieste Mensch überhaupt, er konnte sich jedem Milieu widmen. Ich empfinde es als Beschränkung. Ich kann meine Filme nicht so allgemeingültig machen, dass sie jeder versteht. Kinder können zum Beispiel nichts mit ihnen anfangen. Je weiter ich mit meinen Filmen reise, desto neugieriger bin ich, wie sie ankommen. Immer handeln sie ja von weißen Leuten, denen es materiell gut geht.

Bis auf „Die Liebenden vom Pont-Neuf“ …

Das waren auch keine echten Obdachlosen, sondern eine Fantasie.

Dieser Film war einer der teuersten der französischen Filmgeschichte – durch den aufwendigen Nachbau der Pont-Neuf. So kam diese faszinierende Künstlichkeit in Ihr Werk. Wenn Sie zurückblicken, glauben Sie, dass der Film besser geworden wäre, wenn Sie damals wie geplant in Paris hätten drehen können?

Ich kann nicht zurückblicken. Nicht nur der Film wäre anders geworden, auch mein Leben. Ich kam vom Schwarzweißfilm, hatte damals Angst vor Farben, und ich hätte nicht gewusst, wie ich sie in der Realität hätte kontrollieren können. Aber dieser Nachbau von einem Stück Paris auf dem Land in der Camargue, das war schon wunderschön.

Es scheint mir die Chance eines Lebens gewesen zu sein.

Wie ich es heute sehe: Ich fange immer mit Chaos an, und dann finde ich Menschen, die mein Chaos verstehen: Kameraleute, Ausstatter, die diese Gabe haben. Ich bin sehr glücklich, dass mich das Kino in die Lage versetzt, ein Leben im Chaos zu führen.

Interview: Daniel Kothenschulte

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