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„Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung“ (ZDF): Überflieger, steile Abstürze und wahre Werte

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Von: Harald Keller

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„Erzgebirgskrimi - Tödliche Abrechnung“: Vor einer Felswand stehend zeigt Kommissar Winkler (Kai Scheve) Kommissarin Karina Szabo (Lara Mandoki) und Pathologin Dr. Elena Kulikova (Masha Tokareva) die Absturzstelle.
Von dort oben muss der Kletterer abgestürzt sein: Kommissar Winkler (Kai Scheve, l.) zeigt Kommissarin Karina Szabo (Lara Mandoki, M.) und Pathologin Dr. Elena Kulikova (Masha Tokareva, r.) die Stelle. © ZDF/Michael Rahn

Der sechste Film der ZDF-Reihe „Erzgebirgskrimi“ führt ins konfliktreiche Milieu naturwissenschaftlicher Start-Ups.

Frankfurt - Alle fünf bis sechs Monate ein Delikt am Menschen, manchmal auch zwei – die Redaktion der ZDF-Reihe „Erzgebirgskrimi“ übertreibt es nicht mit den Morden im Chemnitzer Hinterland. Der aktuelle Fall wäre womöglich gar nicht als vorsätzliche Tat erkannt worden, wäre nicht Alt-Förster Georg Bergelt (Andreas Schmidt-Schaller) gerade mit Auszubildenden auf Exkursion unterhalb der Geyerischen Binge als Fährtensucher unterwegs gewesen. Er erspäht eine Dachsspur, aber die Grünrock-Eleven sind abgelenkt. Denn hinter ihm in der Felswand baumelt ein Kletterer. Einen kurzen Moment noch, dann stürzt er ab. Bergelt sieht gerade noch, wie sich oben auf dem Grat der Felszacke eine vermummte Gestalt davonmacht.

„Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung“ (ZDF): Verdacht auf Fremdverschulden

Schon steht der Verdacht auf Fremdverschulden im naturgeschützten Raum. Den Kommissaren Robert Winkler (Kai Scheve) und Karina Szabo (Lara Mandoki) ist die Gegend nicht fremd, sie nehmen den Weg auf sich. Damit einher geht ein Wiedersehen mit der reschen Försterin Saskia Bergelt (Teresa Weißbach), was Winkler und Bergelt wohl sehr erfreulich finden, ohne sich dies in übertriebenem Maße anmerken zu lassen.

Allerdings kann Bergelt auch gerade den Rat eines Kriminalisten brauchen. Jemand schleicht immer wieder durchs Försteranwesen und dekoriert die Scheune mit selbstgebastelten Windspielen. Erzgebirgs-Voodoo? Als Einheimischer erkennt Winkler rasch den Zusammenhang mit der Sage vom Gütel, das nächtens Kinder und Viehzeug heimsucht und durch das Auslegen von Spielzeug und das Bereitstellen eines Badezubers besänftigt werden kann. Die Auflösung des Rätsels hat dann aber nicht mit Mystik, sondern mit der DDR-Vergangenheit zu tun.

„Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung“ (ZDF): Motive in breiter Auswahl

Darauf kommt die scharfsinnige Försterin sehr bald schon selbst, während Winkler und Szabo den Hintergrund des Toten erkunden. Er war Gründer eines Unternehmens, das sich die Entwicklung neuartiger Textilien, die in der Neuromedizin und der Raumfahrt Verwendung finden könnten, zum Ziel gesetzt hatte. Eines der Projekte war marktreif, und jetzt kannte der ehrgeizige Lenhard Hellmann (Robin Sondermann) keine Freunde und vor allem keine Freundinnen mehr, drängte seine Studienkollegen, die von Anfang an mitgewirkt hatten, beiseite, bootete seinen Geldgeber aus und ließ die ebenfalls involvierte Professorin Sybille Köhler (Sophie von Kessel) in der Kälte der akademischen Sphäre stehen. Keine Dame in Reichweite, mit der der Casanova nicht irgendwann eine Affäre unterhalten hatte.

Motive also en gros. Viel Feinarbeit ist gefragt, vor allem seitens der Kriminaltechnik, die in dieser Reihe ein klein wenig realitätsnäher angelegt ist als üblich, was auch daran liegt, dass Szabo und Kriminaltechniker Maik Baumann (Adrian Topol) liiert sind. Auch forensische Kräfte sind von der Ausbildung her Kriminalbeamte mit Diensträngen wie Ober- oder Hauptkommissar, also nicht nur, wie oft gezeigt, Stichwortgeber oder Laufburschen der leitenden Ermittler.

RolleDarsteller:in
Robert WinklerKai Scheve
Saskia BergeltTeresa Weißbach
Karina SzaboLara Mandoki
Georg BergeltAndreas Schmidt-Schaller
Phillip MertensTobias Schormann
Maik BaumannAdrian Topol
Dr. Elena KulikovaMasha Tokareva
Prof. Dr. Sybille KöhlerSophie von Kessel

„Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung“ (ZDF): Neuzugang im Sektionssaal

Nicht mehr im Team ist die erfrischend hochnäsige, treckerfahrende Rechtsmedizinerin Charlotte von Sellin (Adina Vetter). Ihre Nachfolgerin heißt Dr. Elena Kulikova (Masha Tokareva), die sich einführt mit den Worten: „Ach, Sie sind das Gesicht zu der Geschichte.“ Es folgt eine Aufzählung von Winklers – längst ausgeräumten – Dienstvergehen. Winkler kontert unbeeindruckt: „Sie haben die Trunkenheit im Dienst weggelassen.“ Ihr Kommentar: „Zu vernachlässigen für mich als Russin.“

Man merkt schon, die beiden werden sich vertragen. Beide haben die Liebe zur russischen Literatur gemein und vertragen offenbar eine ordentliche Menge Wodka, was aber, vermutlich aus Jugendschutzgründen, nicht explizit ins Bild gerückt wird. Vorkenntnisse helfen weiter Auch der sechste Fall des Kriminalisten- und Försterinnenteams wurde von Rainer Jahreis verfasst, der die Reihe von Anfang mitgestaltet und nur einmal aussetzte. Leider nicht sein bester Beitrag. Die Nebenhandlung mit den Voodoo-Mobiles soll den regionalen Bezug herstellen, wirkt aber aufgesetzt und hätte sich ohnehin von vornherein erledigt, wenn Försterin Bergelt mal die Türe hinter sich abschließen würde. Auch anderswo spaziert man ungehindert in fremde Räume. Das wird spätestens dann unglaubwürdig, wenn dort wertvolle Patentschriften aufbewahrt werden.

„Erzgebirgskrimi: Tödliche Abrechnung“

Samstag, 13. August 2022, 20.15 Uhr, ZDF und bereits in der ZDF-Mediathek (Video verfügbar bis 05.08.2023)

Neben der abgeschlossenen Episodenhandlung werden frühere Erzähllinien fortgeführt, die sich nur erschließen, wenn man die voraufgegangenen Ereignisse kennt. Die eine oder andere dezent eingestreute Gedächtnishilfe wäre hilfreich gewesen und zwischen den vielen, manchmal sehr umständlichen Erklärdialogen auch gar nicht sonderlich aufgefallen. (Harald Keller)

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