„Stories we tell“, BR

Was es zu erzählen gibt

So scheinbar irreführend wie radikal wahrhaftig: Das meisterhafte Familienporträt „Stories we tell“ von Sarah Polley.

Von David Segler

Sarah Polley ist sicherlich eine Ausnahmekünstlerin. Ihr Spielfilm „Take this Waltz“ von 2011 zählt zu den klügsten, traurigsten wie auch schönsten amerikanischen Liebesfilmen der letzten Jahre. Ein Jahr später kam ihre Dokumentation „Stories we tell“ ins Kino, die nun im BR ausgestrahlt wurde. Ihr Thema ist dabei das denkbar schwerste und zugleich naheliegendste: Sie selbst. Im Kern erzählt Polley in Interviews von der Entdeckung, dass der Vater, bei dem sie aufgewachsen ist, nicht ihr biologischer Vater ist. Doch es ist eine viel tiefere und komplexere Arbeit  über das Erzählen an sich und den Umgang mit Erinnerung. Ohne dass Polley viel Raum in diesem Film einnimmt, ist es ein intimes Porträt von ihr selbst, was sie unfassbaren Mut gekostet haben muss.

Polley, 1979 in Toronto, Kanada, geboren ist das Kind zweier Schauspieler, ihre Mutter ist schon 42, als Sarah geboren wird; anfangs denkt Diane Polley aus Angst vor gesundheitlichen Risiken über eine Abtreibung nach und entscheidet sich erst in letzter Minute ihr Kind doch zu bekommen. Diane stirbt ans Krebs, als Sarah grade elf ist, sie verbringt ihre Jugend allein mit dem Mann, von dem sie zu diesem Zeitpunkt noch glaubt, dass er ihr Vater ist. Sarahs ältere Geschwister sind zu dem Zeitpunkt schon aus dem Haus.

Erst nach und nach deckt sie auf, dass Michael möglicherweise nicht ihr leiblicher Vater sein könnte. Zunächst gibt es die Vermutung, dass ein Schauspielkollege Dianes ihr biologischer Vater ist, dann stellt sich heraus, dass es der Filmproduzent Harry Gulkin ist. Erst mit 28 Jahren hat Sarah Polley durch einen Vaterschaftstest darüber Gewissheit.

Beeindruckend an diesem Film ist vor allem, dass Polley sich selbst als trickreiche Erzählerin erweist. Sie beginnt damit, ein normales Erinnerungsportrait ihrer Familie zu entwickeln und lässt den Zuschauer erst nach und nach erahnen, dass es um viel mehr geht. Die Methode der detektivischen Arbeit findet sich in der Dramaturgie wieder. Vor allem aber zeigt die Autorin eindrucksvoll, wie unzuverlässig der Begriff der Wahrheit ist. Jeder, der auch nur entfernt von dieser Geschichte gehört hat, kommt im Film zu Wort, jedem wird gleichviel Platz eingeräumt.

Authentizität ist meist ein Problem in dokumentarischen Formen, da man nie behaupten kann, die ganze ungefilterte Wahrheit darzustellen. Schon wer eine Kamera in der Wüste aufstellt, bestimmt durch Einstellungsgröße und Dauer des Gezeigten, was wahrgenommen werden soll. Polley macht sich das zu eigen und schafft eben dadurch ein starkes, authentisches Porträt. Sie zeigt aber auch, dass man sich auf sie selbst nicht immer verlassen sollte. Anfangs glaubhafte Super-8-Aufnahmen ihrer Familie und ihrer Mutter Diane entpuppen sich später zumindest teilweise als von ihr selbst inszeniertes Reenactment. 

Polley, Regisseurin wie Schauspielerin, spielt immer wieder mit Erzählperspektiven, Michael Polley zum Beispiel ist im Interview zu sehen, spricht aber auch den Off Text des Films, der von Polley geschrieben ist, in dem sie dann aber auch vorkommt. Sie spricht also stellenweise von sich in der dritten Person. Die Aufnahmen des Off Textes sind auch wiederum ein Teil des Films. Polley schafft Ebene um Ebene, ohne dabei den roten Faden dieser meisterhaften Filmerzählung zu verlieren. Einmal fragt sie Harry Gulkin, was er davon halte, dass so viele Menschen in ihrem Film zu gleichen Teilen zu Wort kommen. „Nichts“, antwortet er. Denn nur er allein wisse ja wirklich, was und wie es geschehen sei. Polley jedoch zeigt mit „Stories we tell“, dass dies eine viel zu einfache Antwort ist.

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