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Hattie McDaniel in der Rolle, in der die Amerikaner sie am liebsten sahen.

Die Oscars

Die erste schwarze Oscar-Preisträgerin: Ausgezeichnete „Mammy“

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Vor der großen Oscarnacht: Erinnerung an die Auszeichnung für Hattie McDaniel, die 1940 für die Beste Nebenrolle geehrt wurde.

Am 29. Februar 1940 nahm Hattie McDaniel (1893-1952) den Oscar für die Beste Nebenrolle entgegen. Es war einer von acht Oscars, die an „Vom Winde verweht“ gingen. Es war der erste Oscar nicht nur für eine Afroamerikanerin. Es war der erste Oscar, der überhaupt an einen Schwarzen ging. Es dauerte bis 1963, bis Sidney Poitier als erster schwarzer Schauspieler einen Preis als bester Darsteller bekam. Whoopi Goldberg war ein halbes Jahrhundert nach Hattie McDaniel die zweite schwarze Oscarpreisträgerin. Wieder eine beste Nebendarstellerin.

Hattie McDaniel bekam den Oscar im Coconut Grove Restaurant im Ambassador Hotel in Los Angeles überreicht. Das Hotel war „Nur für Weiße“. Es bedurfte einiger Anstrengungen, dafür zu sorgen, dass Hattie McDaniel das Hotel betreten durfte. Sie saß nicht am Tisch mit den anderen Oscar-Nominierten, sondern an einem Nebentisch. So ist sie nur bei der Preisübergabe zu sehen. Die Filmberichte über die Veranstaltung zeigen sonst ausschließlich Weiße.

Die große Premiere des Films hatte am 15. Dezember 1939 in einem großen Kino in Atlanta (Georgia) stattgefunden. Ohne Schwarze. Auch ohne Hattie McDaniel. Clark Gable, Hauptdarsteller des Films und damals der „King of Hollywood“, hatte gedroht, er werde, wenn Hattie McDaniel nicht zugelassen werde, nicht zur Premiere kommen. Die aber hatte ihm geraten, auf den Fight zu verzichten.

„Vom Winde verweht“ ist ein nostalgisches Südstaatenepos, eine Liebesgeschichte eingebettet in den amerikanischen Bürgerkrieg. Der Roman von Margaret Mitchell war 1936 erschienen und sofort ein Bestseller. Bis heute sollen rund 30 Millionen Exemplare verkauft worden sein. Die Verfilmung von 1939 – Produzent: David O. Selznick, Regie: Victor Fleming, Hauptdarsteller: Clark Gable, Vivien Leigh, Olivia de Havilland – wurde zu einem der erfolgreichsten Filme der Geschichte des Kinos. Als der Film 1939 in die US-Kinos kam, hatte in Europa gerade der Zweite Weltkrieg begonnen, in den USA wurde darum gestritten, ob das Land nicht gegen Hitler in den Krieg ziehen sollte.

In den im Film glorifizierten Südstaaten herrschte 1940 Rassentrennung. Schwarze galten nicht nur als geistig zurückgeblieben. Sie wurden auch massiv unterdrückt. Wo das Gesetz dem Rassismus Fesseln anzulegen drohte, intervenierte der Ku Klux Klan und erhängte oder verbrannte aufmüpfige Schwarze. 1939 hatte Präsident Roosevelt im Justizministerium eine Abteilung für Bürgerrecht eingerichtet, die gegen das Lynchen vorgehen sollte. Aber es dauerte bis 1946, bis es zu ersten Verurteilungen kam.

Der Oscar für Hattie McDaniel war also ein deutliches Zeichen. Wofür? Ein Oscar für eine Schwarze, die höchste Auszeichnung für das Mitglied einer vorgeblich minderwertigen Rasse – damit positionierte sich Hollywood gegen Diskriminierung und gegen Rassismus.

Aber der Oscar für Hattie McDaniel war auch ein Oscar für „Mammy“. Hattie McDaniel spielte eine Haussklavin, die zuständig war für die Heldin des Films, die 16-jährige Scarlett O’Hara. Sie hatte sie aufgezogen, sie war ihre Mammy. Im Film hat sie keinen anderen Namen. Sie ist Mammy. Eine Rolle, die Hattie McDaniel schon zuvor gespielt hatte und die sie danach immer wieder spielen sollte.

Mammy war ein Klischee. Die dicke Schwarze mit dem großen Herzen, die die weißen Kinder, die sie aufzog, hegte und liebte. Wenn sie sie anschrie, wussten die, dass sie sie in der nächsten Sekunde wieder umarmen und abküssen würde.

Die Mütter der weißen Kinder waren fern und schön, die Mammy war warm, laut und immer da. Bis die Kinder groß wurden, das Elternhaus verließen und zum College gingen. Dann musste auch Mammy oft das Haus verlassen. Es gab ja jetzt nichts mehr zu tun für sie. War sie eine Sklavin, verschwand sie im Sklaventrakt, war sie eine Angestellte, zog sie um und war nicht mehr aufzutreiben.

Mammy ist ein Klischee spätestens seit 1852, als Harriet Beecher Stowes Roman „Onkel Toms Hütte“ erschien. Mammy hat das Bewusstsein des amerikansichen Südens geprägt. Freilich nicht nur dort. Denn auch im Norden verdienten sich viele schwarze Frauen ihr Geld als Kindermädchen.

Ohne Mammy ist der Rassismus der USA nicht zu verstehen. Die Klassentrennung wurde in den USA zu einem Gutteil durchgesetzt von Männern, die von schwarzen Frauen aufgezogen worden waren. Von Männern also, deren erste Liebe die Liebe eines kleinen Jungen zu seiner Mammy gewesen war. Die Nähe, die in diesen Beziehungen zustande gekommen sein mochte, wurde wohl nie wieder erreicht.

Dass die eigene weiße Mutter auf Abstand zu dem schmutzigen kleinen Jungen ging, während die schwarze Mammy ihn wusch und ihm zu essen gab, hat den Rassismus nicht aufgehalten. Es hat ihn womöglich verstärkt. Die Welt von Zuneigung und Emotion wurde zu einer schwarzen Welt. In der weißen dagegen herrschte Ordnung und Disziplin.

Um ein Mann, um ein weißer Mann zu werden, musste man die warme Welt der Gefühle verlassen und überlaufen in die Welt derer, die das Sagen hatten. Die Rassentrennung machte jeder durch. Für den weißen Jungen, das weiße Mädchen bedeutete sie, dass sie ihre Mammies verraten mussten, um wirklich erwachsen, um wirklich weiß zu werden. Wir alle zerstören, beim Erwachsenwerden, die Kinder, die wir sind. Aber hier bildet sich in diesem Prozess der Rassist.

„Vom Winde verweht“ zeigt diesen Prozess. Nein, Film und Buch zeigen ihn nicht, sie bilden ihn ab. Das gehört mit zu der ergreifenden Macht vom „Vom Winde verweht“. Es gehört aber auch zu seiner verbrecherischen Ästhetisierung. Nicht nur die Liebe wird schöngeredet. Auch der Rassismus. Das sind keine späten Einsichten der Nachgeborenen. Das war schon die Kritik der Zeitgenossen. Als der Film in New York und Chicago gezeigt wurde gab es Demonstrationen mit Transparenten, auf denen u.a. stand: „Auch Du wärst süß unter einer Peitsche!“ oder „‚Vom Winde verweht‘ erhängt den freien Neger!“ Es ging damals offensichtlich noch weniger um die Worte als um die Sache.

Carlton Moss (1909-1997), ein bekannter schwarzer Autor und Filmemacher, schrieb damals in einem offenen Brief an den Produzenten Selznick: „Der Film soll den Eindruck erwecken, Mammy liebe ihre untergeordnete Stellung im Dienste einer Familie, die dabei half, ihre Leute Jahrhunderte lang in Ketten zu halten.“ Die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) war nicht glücklich über den Oscar für Hattie McDaniel. Es war ein Oscar für eine Mammy. McDaniel bekam den Oscar dafür, dass sie das weiße Klischee von der schwarzen Mammy so hervorragend verkörperte. Hattie McDaniels Antwort war: Lieber bekomme ich siebenhundert Dollar die Woche dafür, dass ich ein Kindermädchen spiele statt sieben Dollar am Tag dafür eines zu sein.“

In der Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte Hattie McDaniel als Toilettenfrau in einem Club in Milwaukee gearbeitet. Irgendwann wurde der Besitzer weich und sie durfte auf die Bühne. Es war der Anfang einer erfolgreichen Laufbahn. Hattie McDaniel war ein paar Jahre später die erste Schwarze, die in den USA im Radio gesungen hatte. Sie war eine berühmte Komödiantin. Das war auch der Grund gewesen, warum sie sich keine Chance für die Rolle der Mammy in „Vom Winde verweht“ gegeben hatte. Immerhin trat sie zum Vorspielen an in der Uniform einer Mammy und bekam die Rolle. Was sie damals nicht wusste: Die Präsidentengattin Eleonore Roosevelt hatte Selznick ihr Dienstmädchen für die Rolle vorgeschlagen.

Den Kämpfern vom NAACP mochte sie zu angepasst sein. Aber darum kuschte sie nicht. Sie habe, heißt es, Selznick einen Stapel Kritiken des Films auf den Schreibtisch geworfen und eine fett angestrichen. Darin hieß es, Hattie McDaniel hätte für ihre Rolle der Mammy einen Nebenrollen-Oscar verdient. Selznick verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und er witterte ein Geschäft. Er sorgte dafür, dass diese Idee bei der die Oscars verleihenden Academy ankam. Vielleicht tat er auch mehr. Acht Oscars, zwei Ehrenoscars für „Vom Winde verweht“ – das ist schon ein Riesenerfolg.

Als Hattie McDaniel 1952 starb, hatte sie in mehr als dreihundert Filmen mitgespielt, war allerdings nur in 83 genannt worden. Kurz vor ihrem Tode wurde sie die erste Schwarze, die eine eigene Radio-Show hatte. Sie verdiente 2000 Dollar die Woche.

Ihr letzter Wunsch aber wurde ihr nicht erfüllt. Sie wollte begraben werden auf dem Hollywood Cemetery am Santa Monica Boulevard in Hollywood. Der war aber nur für Weiße.

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